Tragödie in Wieda

Mutter getöteter Kinder muss um Therapieplatz kämpfen

+
In diesem schwer zerstörten Haus in Wieda starben die beiden Kinder.

Wieda - Kerstin K. ist die Mutter der getöteten Kinder von Wieda. Die Frau ist schwer traumatisiert, seitdem ihr Mann Sohn und Tochter getötet hat. Seit Monaten kämpft die 31-Jährige um einen stationären Therapieplatz.

Die 31-jährige Kerstin K. hat so ziemlich das Schlimmste erlebt, was man sich vorstellen kann: Mitte September vergangenen Jahres zündet ihr Ehemann ihr Wohnhaus in Wieda (Kreis Osterode) an. Er selbst rettet sich durch einen Sprung aus dem Fenster, ihre beiden sechs und drei Jahre alten Kinder aber kommen durch den Brand ums Leben. Seit Anfang März muss sich ihr Mann wegen Mordes und Brandstiftung mit Todesfolge vor dem Landgericht Göttingen verantworten. Die 31-Jährige tritt in dem Prozess als Nebenklägerin auf. Sie will wissen, was damals eigentlich passiert ist, und sie sucht nach einer Erklärung für diese unbegreifliche Tat. Jeder Prozesstag ist für sie eine psychische Belastung. Doch obwohl sie schwer traumatisiert ist, muss sie seit Monaten darum kämpfen, dass sie eine wohnortnahe stationäre Therapie machen kann.

Ende Dezember hatte ihre Ärztin bei der Deutschen Rentenversicherung den Antrag auf eine solche Therapie gestellt. Nachdem bereits mehr als zwei Monate vergangen waren, erhielt sie Anfang März - einen Tag vor Beginn des Prozesses - einen ablehnenden Bescheid. Man könne ihrem Antrag nicht entsprechen, weil die persönlichen Voraussetzungen für eine stationäre Therapie nicht vorlägen, heißt es in dem Schreiben. Gründe, warum die Voraussetzungen nicht vorliegen, nannte die Rentenversicherung nicht. Stattdessen wies sie darauf hin, dass sich die 31-Jährige einer ambulanten Therapie unterziehen oder einer Selbsthilfegruppe anschließen könne. Rechtsanwältin Bärbel Schaefer, die Kerstin K. als Nebenklagevertreterin zur Seite steht, legte umgehend Widerspruch gegen den Ablehnungsbescheid ein. Die Rentenversicherung forderte daraufhin weitere Arztberichte an. Trotz mehrfacher telefonischer Nachfragen habe es zunächst keine weitere Reaktion gegeben, berichtet Schaefer. Die Anwältin ist fassungslos darüber, dass dem Opfer sieben Monate nach dem Vorfall noch keine angemessene Hilfe gewährt wurde. Ihre Mandantin sei dringend auf die Therapie angewiesen: „Es ist unfassbar, dass sie auch in diesem quälenden Prozess weiter alleingelassen wird.“

An diesem Montag hat Kerstin K. nun einen neuen Bescheid erhalten, diesmal ist es eine Zusage. Allerdings gibt es erneut ein Problem: Die Rentenversicherung hat ihr eine stationäre Rehabilitation in einer Klinik im Schwarzwald bewilligt. Die 31-Jährige hatte aber eine wohnortnahe Therapie beantragt. Sie möchte im Umfeld ihrer Familie bleiben und auch den Prozess in Göttingen weiter verfolgen können. Dies wäre bei einem Klinikaufenthalt im Schwarzwald nicht möglich. Ihre Anwältin wird jetzt deshalb erneut einen Antrag stellen.

Eine Sprecherin der Rentenversicherung erklärte dazu auf Anfrage, sie könne aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Angaben zu dem Einzelfall machen. Man werde den Fall aber gegebenenfalls erneut prüfen.

Der Ehemann von Kerstin K., der die Familientragödie verursacht hat, hat es da einfacher, eine Therapie zu bekommen. Der 32-Jährige ist im Maßregelvollzugszentrum Moringen untergebracht, wo er bei Bedarf psychologisch betreut wird - ohne Antrag. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Vater vor, die beiden gemeinsamen Kinder getötet zu haben. Laut Anklage soll er seinem sechsjährigen Sohn mit einem scharfen Gegenstand in den Hals gestochen und danach an mehreren Stellen im Haus Benzin angezündet haben. Die dreijährige Tochter starb an einer Rauchvergiftung. Den Sohn konnten die Feuerwehr zwar noch lebend retten, er starb aber wenige Tage später im Krankenhaus. Am vergangenen Prozesstag hat ein Rechtsmediziner die Ergebnisse der Obduktion erläutert. Demnach hatte der Junge eine tiefe Stichverletzung am Hals, Luft- und Speiseröhre waren durchtrennt. Außerdem hatte er eine Schnittverletzung am Daumen. Dies deute darauf hin, dass sich der Junge noch gegen seinen Vater gewehrt hatte.

Kommentare