Prozess gegen Arzt

Nach dem Koma eine neue Leber

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Foto: Der angeklagte Arzt (li.) spricht im Gericht in Göttingen mit seinem Verteidiger.

Göttingen - Der ehemalige Leiter der Transplantationschirurgie am Göttinger Uni-Klinikumwegen muss sich wegen versuchten Totschlages in elf Fällen und vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen verantworten. Ein alkoholkranker Patient berichtet, wie er ohne sein Wissen ein neues Organ bekam.

Anfang April 2011 hatte der 54-jährige Maurer mal wieder Probleme mit der Leber. Weil es ihm sehr schlecht ging, ließ er sich mit einem Taxi ins Krankenhaus in Einbeck fahren. „Ich sah die Krankenschwester, dann bin ich umgefallen“, berichtete er am Dienstag vor dem Landgericht Göttingen, wo er als Zeuge im Prozess gegen den früheren Leiter der Transplantationschirurgie am Göttinger Uni-Klinikum aussagte. Fünf Tage lang war der alkoholkranke Patient damals ohne Bewusstsein. „Als ich wieder aufwachte, lag ich im Göttinger Klinikum und hatte ne neue Leber.“ Der 54-Jährige hatte keine Ahnung, wie er dorthin gekommen war. „Ich hab’ gedacht, ich bin von Außerirdischen entführt worden.“

In dem seit August laufenden Prozess muss sich der ehemalige Leiter der Transplantationschirurgie am Göttinger Uni-Klinikumwegen versuchten Totschlages in elf Fällen und vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen verantworten. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig wirft dem Mediziner vor, während seiner Tätigkeit an der Göttinger Uni-Klinik durch die Meldung manipulierter medizinischer Daten an die Stiftung Eurotransplant Patienten als kränker dargestellt haben, als sie tatsächlich waren, damit sie schneller eine Spenderleber zugeteilt bekamen. Außerdem soll er drei Patienten eine Leber eingepflanzt haben, obwohl die Transplantation nicht angezeigt gewesen sei. Diese waren später verstorben.

Keine Einwilligung für neue Leber

Der 54-Jährige hat die Transplantation überlebt. Doch auch zweieinhalb Jahre nach der Operation kann er immer noch nicht fassen, was ihm damals widerfahren ist. „Ich bin aus allen Wolken gefallen und bin heute noch baff“, sagte er. Er war nach eigenen Angaben Anfang der neunziger Jahre zum Alkoholiker geworden. Seitdem habe er regelmäßig getrunken, zum Schluss seien es täglich bis zu eineinhalb Flaschen Rum gewesen. Dies blieb nicht ohne Folgen für die Leber, wiederholt musste er sich deshalb in medizinische Behandlung begeben. Trotzdem habe er weiter getrunken, sagte er. Dass er einmal eine neue Leber bekommen könnte, habe er nie in Erwägung gezogen, schließlich habe er sich die Leberschädigung ja selbst zugefügt. Auch die Ärzte hätten mit ihm nie darüber gesprochen. Seinen Aussagen zufolge hatten die Chirurgen in der Göttinger Uni-Klinik einem völlig ahnungslosen Patienten eine Leber transplantiert, ohne je mit ihm über den Eingriff gesprochen und seine Einwilligung eingeholt zu haben.

Für den 54-Jährigen war die Transplantation auch in anderer Weise ein einschneidendes Ereignis: Er trinkt seitdem nicht mehr. „Jetzt wär’ ich ja bescheuert, wenn ich das wieder anfangen würde“, sagte er.Voraussichtlich in der kommenden Woche will das Landgericht Göttingen darüber entscheiden, ob der seit Januar in Untersuchungshaft sitzende Transplantationschirurg auf freien Fuß kommt. Das kündigte der Vorsitzende Richter Ralf Günther am Dienstag an. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft beantragt, bei einem Votum der Kammer für eine Freilassung diese so lange nicht zu vollziehen, bis das Oberlandesgericht Braunschweig über die dann zu erwartende Beschwerde der Staatsanwaltschaft entschieden hat.

Heidi Niemann

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