Arzthaftung

Nach Operation gelähmte Frau gewinnt Kampf um Schadensersatz

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Foto: Eine nach einer Operation gelähmte Patientin aus dem Kreis Göttingen hat nach einem jahrelangen Rechtsstreit vor dem Bundesgerichtshof Recht bekommen.

Göttingen - Eine Horrorvorstellung: Nach einer Operation wacht man gelähmt auf. Passiert ist das einer Frau aus dem Kreis Göttingen. Mehr als elf Jahre musste sie vor Gericht für Schadensersatz und Schmerzensgeld kämpfen. Jetzt hatte sie beim Bundesgerichtshof Erfolg.

Mehr als elf Jahre nach einer folgenschweren Bandscheibenoperation hat eine Patientin aus dem Landkreis Göttingen jetzt in letzter Instanz einen Arzthaftungsprozess gewonnen. Der Bundesgerichtshof (BGH) sprach der Frau, die eine Querschnittlähmung erlitt, einen Anspruch auf Schmerzensgeld und Schadensersatz zu. Nach Überzeugung des VI. Zivilsenats hatte der Göttinger Arzt, der sie damals behandelt hatte, bei der Operation die gebotene Sorgfalt nicht eingehalten und dadurch die Querschnittlähmung der Patientin verursacht (Az.: VI ZR 44/12).

Der als Belegarzt tätige Mediziner hatte die Patientin im Januar 2002 wegen eines Bandscheibenvorfalls operiert. Bei dem Eingriff wurde zunächst der betroffene Bereich von Bandscheibenmaterial freigeräumt. Anschließend wurde eine Art Abstandshalter (Cage) in den Zwischenraum in der Halswirbelsäule eingesetzt, der mit einer chirurgischen Klammer (Staple) befestigt werden sollte. Der Arzt schlug zunächst eine Nut für den Staple und versuchte dann, den Staple in diese Nut zu schlagen.

Laut dem Urteil des Bundesgerichtshofes misslang dieser Versuch allerdings. Die computertomografische Kontrolle zeigte, dass der Cage durch den Staple verschoben worden war und nun um rund zwei Millimeter über die Hinterkante des Wirbelkörpers hinausragte. Der Arzt entfernte daraufhin den Cage, positionierte ihn erneut und befestigte ihn mit dem Staple. Noch während der Aufwachphase zeigten sich bei der Patientin neurologische Ausfälle in den Extremitäten. Wegen des Verdachts einer Querschnittlähmung wurde sie als Notfall in das Göttinger Uni-Klinikum verlegt, wo eine Oberärztin eine Revisionsoperation vornahm.

Wegen der eingetretenen Querschnittlähmung verklagte die Patientin den Arzt auf Schmerzensgeld und Schadensersatz, zunächst allerdings ohne Erfolg. Das Landgericht Göttingen, das zwei medizinische Gutachten eingeholt hatte, wies ihre Klage ab. Die Klägerin legte dagegen Berufung ein. Das Oberlandesgericht Braunschweig (OLG) holte ein neues Gutachten eines orthopädischen Sachverständigen ein, der selbst praktische Erfahrungen mit Operationen dieser Art besitzt. Anders als die Göttinger Richter kam der OLG-Senat zu dem Ergebnis, dass ein Behandlungsfehler vorliege. Der Arzt habe bei der Operation die gebotene Sorgfalt nicht eingehalten und den Staple, der die angrenzende Wirbelplatte nicht mit beiden Enden erfasst hatte, mit zu hohem Kraftaufwand eingeschlagen. Dadurch habe sich der Cage schlagartig in das Halsmark verschoben. Dies habe das Trauma verursacht, das zur Querschnittlähmung führte.

Der Arzt legte gegen dieses Urteil Revision ein. Der Bundesgerichtshof wies diese nun zurück. Die Beweiswürdigung des OLG, dass die Querschnittlähmung auf einem fahrlässig fehlerhaften Vorgehen des Beklagten beim Einbringen des Cage beruhe, sei nicht zu beanstanden. Sowohl zwei gerichtliche Sachverständigen als auch die Ärztin des Göttinger Uni-Klinikums, die damals die Revisionsoperation an der Notfallpatientin vornahm, hätten bekundet, dass der entscheidende Fehler das zu weite Einschlagen des Cage gewesen sei. Dies habe eine Prellung des Halsmarks mit den Folgen der Querschnittlähmung verursacht. Ein schicksalhaft entstandenes Hämatom scheide als Ursache dagegen aus.

Wie viel Schmerzensgeld und Schadensersatz der Patientin zusteht, ist noch nicht entschieden. Nach Angaben eines Justizsprechers liegt der Streitwert in dem Verfahren bei 750.000 Euro.

Heidi Niemann

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