Ahnungsloses Asien?

„Nazi-Goreng“ in Indonesien

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„Hitler ist noch nicht tot“ – diese Werbung für ein Wachsmuseum sorgte in Thailand für Kritik vom deutschen und dem israelisischen Botschafter.

Bangkok - In Deutschland unvorstellbar, in Asien allgegenwärtig: Hitler wirbt für Insektenspray, Menschen schmücken ihr Mofa mit Nazi-Fähnchen. Viele Menschen wissen einfach nicht, welche Verbrechen die Nazis begangen haben. Darf Unwissenheit als Entschuldigung gelten?

„Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass das für solchen Ärger sorgen könnte.“ Henry Mulyana versteht die Welt nicht mehr. Dem Indonesier gehört das mittlerweile geschlossene „SoldatenKaffee“ in der Stadt Bandung. Nazi-Dekor zierte die Wände, die Spezialität des Hauses war das Reisgericht „Nazi-Goreng“. Das „SoldatenKaffee“ und sein Besitzer sind kein Einzelfall in Asien.

„Ich sammle nur deutsche Erinnerungsstücke aus dem Zweiten Weltkrieg. Ich bin kein Rassist“, betont Mulyana im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Der Zeitung „Jakarta Globe“ hatte er zuvor noch gesagt, die Nazi-Ideologie fände er nicht durchgehend schlecht. Und Beweise für den Holocaust kenne er auch nicht. Ein internationaler Medienwirbel folgte, und Mulyana distanzierte sich von seinen Aussagen. Er sei falsch zitiert worden, sagte er später. Nun überlegt er, das Cafe mit weniger anstößiger Dekoration neu zu eröffnen.

„Nazismus ist ein europäisches Tabu“, erklärt der indonesische Historiker Zen Rachmat Sugito. Indonesier hatten diese traumatische Erfahrung nicht gemacht. „Aber das heißt nicht, dass wir den Holocaust leugnen“, sagte Sugito.

Auch anderswo in Asien gibt es ähnliche Fälle. In Indien gab es vor einigen Jahren eine Werbekampagne für Insektenspray mit einem Moskito mit Hitler-Bärtchen: Malaria habe mehr Menschen auf dem Gewissen als der Diktator, so die Werbebotschaft. In Südkorea wirbt man mit Nazi-Symbolik für Schönheitsprodukte, auf Thailands Straßenmärkten finden Touristen Hakenkreuzfähnchen und T-Shirts mit Hitler-Cartoons.

„Hitler ist nicht tot.“ Das stand 2009 auf einer riesigen Plakatwand in dem beliebten thailändischen Badeort Pattaya. Der Diktator warb für seine Wiedergeburt in einem Wachsfigurenkabinett. Betreiber und Einheimische sahen kein Problem. Erst nach Protesten der Botschaften Deutschlands und Israels sowie des Simon-Wiesenthal-Zentrums aus Los Angeles wurde das Plakat entfernt.

Vor zwei Jahren gingen Bilder von Schülern einer katholischen Schule in Nordthailand um die Welt, die ihr Sportfest im Stechschritt und in Nazi-Uniformen feierten. Und im Juni zierte ein Riesen-Wandbild von Hitler - zusammen mit Comic-Helden wie Superman - die Abschlusszeremonie der renommierten Chulalongkorn-Universität in Bangkok. Die Universität entschuldigte sich, aber ihr Ruf im westlichen Ausland nahm Schaden.

Thailand gilt nicht als Neonazi-Hochburg. Stattdessen wird Unwissenheit immer wieder für die Verharmlosung des Nationalsozialismus verantwortlich gemacht. „Man darf nicht vergessen, dass wir nicht von westlicher Kultur und Geschichte durchdrungen sind“, sagt der Politologe Thitinan Pongsudhirak von der Chulalongkorn-Universität. Thailands Schüler lernten nur sehr wenig über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Vielleicht auch, weil das Königreich damals mit Japan verbündet war, fügt Thitinan hinzu.

Rabbi Abraham Cooper, der Asienexperte des Wiesenthal-Zentrums, sieht keinen Anstieg von Antisemitismus in Asien. Er sei dort generell kaum verbreitet. Trotzdem dürfe man das Phänomen nicht ignorieren, sagte Cooper am Telefon aus Los Angeles. „Wir können es nicht akzeptieren oder unkommentiert lassen, sollten Hitler und Nazi-Symbole plötzlich cool oder zum Mode-Tick werden.“

In den 1980er und 90er Jahren reiste Cooper nach Japan, um gegen die Verbreitung von antisemitischen Schriften anzugehen. Kürzlich war er in Indien. Dort ist Hitlers „Mein Kampf“ ein Bestseller. 13 Verlage haben das Buch im Sortiment, mehr als 100 000 Stück wurden laut einer Studie seit 1998 verkauft. Vor allem bei Wirtschaftsstudenten ist das Werk beliebt. Cooper ist wenig begeistert davon, dass sich die Wirtschaftskapitäne von morgen bei Hitler Ideen holen.

„Ich glaube, wir können im Allgemeinen von mangelndem Verständnis sprechen“, sagt er. Es herrsche der Glaube, Hitler sei ein starker Herrscher gewesen. Außerdem seien die Menschen von der Nazi-Ästhetik fasziniert, es fehle aber an geschichtlichem Verständnis und Hintergrundwissen. Eine Entschuldigung ist das nach Ansicht Coopers nicht: „Im Zeitalter des Internets keine Ahnung von solchen Dingen zu haben, das reicht einfach nicht.“

dpa

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