Auschwitz-Prozess

Nebenklage fordert höhere Strafe für Gröning

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Foto: Mit Oskar Gröning muss sich im Auschwitz-Prozess ein 94-Jähriger fürTaten von vor 71 Jahren verantworten.

Lüneburg - Im Auschwitz-Prozess haben Anwälte der Nebenklage eine höhere Strafe für Oskar Gröning gefordert, als von der Staatsanwaltschaft beantragt. Dreieinhalb Jahre Haft reichten angesichts der Dimension der Verbrechen in Auschwitz nicht aus, sagte ein Anwalt am Mittwoch vor dem Lüneburger Landgericht.

Die Anwältin Suzan Baymak-Winterseel beantragte gar, den früheren SS-Mann wegen Mordes in Mittäterschaft zu verurteilen. Der heute 94-Jährige muss sich bisher wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen verantworten. Die Nebenklägeranwälte widersprachen zudem der Staatsanwaltschaft, nach deren Ansicht bis zu 22 Monate der Strafe wegen einer rechtswidrigen Verzögerung des Verfahrens als bereits verbüßt gelten könnten. Gröning habe nach seinen eigenen Worten gar nicht gewusst, dass bereits 1977 gegen ihn auch als Täter ermittelt wurde, sagte Baymak-Winterseel in ihrem Plädoyer. "Er dachte, er würde nur als Zeuge vernommen."

Gröning wird vorgeworfen während der sogenannten Ungarn-Aktion im Frühjahr 1944, Spuren der Massentötung an ungarischen Juden verwischt zu haben, indem er half, an der Bahnrampe in Auschwitz-Birkenau Gepäck der dorthin Deportierten wegzuschaffen. Der frühere Buchhalter von Auschwitz hat eine moralische Mitschuld an den Verbrechen eingestanden und eingeräumt, das Geld der Ankommenden entgegengenommen und verbucht zu haben. Eine direkte Beteiligung an den Morden streitet er aber ab.

Der Nebenklage-Vertreter Cornelius Nestler kritisierte erneut das jahrzehntelange Versagen der deutschen Justiz. Nach der auch damals geltenden Rechtslage hätte Gröning viel früher angeklagt werden müssen.Ein SS-Mann habe allein durch seine Anwesenheit in Auschwitz die Verbrechen dort befördert und sei deshalb Mittäter. "Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte", sagte der Strafrechtsprofessor. "Herr Gröning hat mitgemacht, und deswegen wird er wegen Beihilfe zum Massenmord verurteilt werden. Viel zu spät." Dass dem gesundheitlich angeschlagenen 94-Jährigen 71 Jahre nach seinen Taten der Prozess noch zugemutet wird, halten die Anwälte auch mit Blick auf ihre Mandanten für gerechtfertigt.

Von den mehr als 70 Nebenklägern haben 14 vor dem Gericht als Zeugen ausgesagt, die meisten von ihnen sind Auschwitz-Überlebende. Für sie sei es von herausragender Bedeutung gewesen, über das unsägliches Leid und Unrecht sprechen zu können, betonte einer der Anwälte. Drei Nebenkläger verfolgten auch am Mittwoch die Verhandlung, unter ihnen Judith Kalman (61) aus Toronto, deren sechsjährige Halbschwester in Auschwitz getötet wurde. "Es ist weder zu spät, noch ist der Einsatz zu gering, wenn es für die Überlebenden des Holocaust einen Unterschied machen kann", sagte sie. Zu vielen Tätern sei erlaubt worden, in die Anonymität zu verschwinden.

Die Nebenkläger-Anwälte würdigten, dass Gröning sich dem Prozess stellt. Allerdings erhofften sie sich, dass er sich noch einmal äußert. "Die Nebenkläger erwarten ein Zeichen", sagte Baymak-Winterseel. Der Prozess wird am Dienstag mit weiteren Plädoyers der insgesamt 13 Nebenkläger-Anwälte und von Grönings Anwälten fortgesetzt.

epd

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