"European Medical School Oldenburg-Groningen"

Neue medizinische Fakultät wird in Oldenburg eröffnet

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Hat die Uni bisher nur von außen gesehen: Lea Schaefer studiert vom 1. Oktober an Medizin in Oldenburg – sie ist eine von 40 Kommilitonen. 1200 haben sich beworben.

Oldenburg - Am Montag wird in Oldenburg die jüngste und zugleich kleinste medizinische Fakultät Deutschlands eröffnet. Die "European Medical School Oldenburg-Groningen" will neue Wege gehen.

Am Montagmorgen um 8 Uhr soll es schon losgehen. Meik Möllers zeigt auf die Lücke im Pflaster vor dem schlichten zweigeschossigen Bau in Oldenburg. „Es wäre zu hoffen, dass bis dahin auch das Schild da ist.“ In der Tat wüsste man nicht, wo man gerade steht ohne einen Hinweis. Der Neubau, den der Ingenieur eben auch ein bisschen stolz mit „das isser“ präsentiert hat, könnte eine Computerfirma beherbergen oder das städtische Grünflächenamt. Auf die Idee, vor der jüngsten und zugleich kleinsten medizinischen Fakultät Deutschlands zu stehen, käme man nicht ohne Weiteres. „European Medical School Oldenburg-Groningen“ soll auf dem Schild stehen.

Von Montag an kann man in Niedersachsen an drei Universitäten Medizin studieren: in Hannover, in Göttingen - und nun in Oldenburg. Das Land will mit der neuen Fakultät im Nordwesten auch den ärztlichen Nachwuchs auf dem Land sichern und hat darum die Neugründung gefördert, auch finanziell: 57 Millionen Euro überweist die Landesregierung in den kommenden fünf Jahren. Studenten aus der Region sollen in der Region studieren und am besten gleich dableiben. Wenn der Plan aufgeht. Ein Schwerpunkt liegt auf der Allgemeinmedizin.

Wenige Tage vor der ersten Vorlesung sieht es allerdings noch etwas unfertig aus. Büros und Seminarräume sind noch nicht eingerichtet. Aus den Wänden hängen noch die Enden von 9000 Metern Datenkabeln, die in dem 5000 Quadratmeter großen Gebäude verlegt wurden. Über die Kabel sollen unter anderem Operationen live aus Groningen übertragen werden, der niederländischen Partneruni. Die Professoren sind auch noch nicht alle berufen. Aber der Reiz des Neuen hat alle gepackt, die mit dem Projekt zu tun haben - auch Möllers, den Dezernenten des Gebäudemanagements der Uni.

Bei Friederike Lohne ist es zuletzt ebenfalls etwas hektisch geworden. Arbeit und Wohnung in Hameln musste sie kündigen, eine neue in Oldenburg finden, den Umzug organisieren. Erst am 3. September hat die 24 Jahre alte Hebamme erfahren, dass sie zu den nur 40 Studenten gehören wird, die von Montag an an der Carl-von-Ossietzky-Universität zu Ärzten ausgebildet werden. „Als die Nachricht kam, musste ich mich setzen. Das ist wie ein Sechser im Lotto.“ 1200 Bewerbungen für die 40 Plätze waren in Oldenburg eingegangen. Sie ist dabei.

Die Uni durfte sich 60 Prozent der Studenten selbst aussuchen, Lohne hat den anspruchsvollen Aufnahmetest bestanden. Sechs kleine Prüfungen mussten die Kandidaten absolvieren. Einmal, erinnert sich Lohne, mussten sie in einer Gruppe aus drei Blatt Papier und drei Büroklammern einen 85 Zentimeter hohen Turm bauen. „Das geht“, versichert die 24-Jährige. Aber es kam ohnehin nicht darauf an, die richtige Lösung zu finden. „Entscheidend war, wie die Studenten an die Lösung herangegangen sind“, sagt der Dekan, Prof. Eckhart Hahn.

Lohne hat sich auf ein Abenteuer eingelassen, wenn man den Worten des Dekans glaubt. Denn in Oldenburg ist einiges anders als an anderen medizinischen Hochschulen. „Wir muten unseren Studenten einiges zu.“ Sie sollen in Oldenburg nicht nur viel Wissen büffeln, sondern zu Persönlichkeiten mit guter ärztlicher Bildung heranreifen.

In der ersten Vorlesung, die Lohne und ihre 39 Kommilitonen besuchen werden, wird es um Orthopädie gehen - und damit sind die Studenten gleich mittendrin im Stoff: Sie werden einen Patienten präsentiert bekommen, der ein Problem mit dem Sprunggelenk hat. Der zeitige Kontakt zu Patienten ist in Oldenburg Programm: „Die Studenten sollen sehr früh eine Motivation für die Praxis entwickeln“, sagt Hahn. „Sie sollen Spaß an der Arbeit haben, das wollen wir erreichen.“

Es ist eben diese Herangehensweise an die Ausbildung, mit der sich der Dekan das große Interesse der Studierwilligen an seiner neuen Fakultät erklärt. „Die Studenten sollen von Beginn an wissen: Wir lernen jetzt das, weil der Patient folgendes Problem hatte“, sagt Hahn.

Wo Medizinstudenten sich an herkömmlichen Fakultäten zuerst durch vier Semester Theorie in Physik, Chemie und Anatomie kämpfen müssen, bevor sie nach dem Physikum in den klinischen Semestern das erste Mal so richtig mit Patienten konfrontiert werden, gehen sie in Oldenburg bewusst einen anderen Weg. Jede Woche wird ihnen ein Patient mit einem anderen Problem präsentiert, um das sich dann in der Folge die Theorie entwickelt. Denn selbstverständlich, sagt Hahn, bleibt die Approbationsordnung Grundlage auch der Ausbildung in Oldenburg.

Damit stößt er auf Zustimmung bei einer weiteren seiner zukünftigen Studentinnen. „Das Medizinstudium ist ein hoher intellektueller Aufwand“, sagt Lea Schaefer aus Oldenburg. „Aber der Stoff wird leichter zugänglich sein, wenn man dabei immer den Menschen vor Augen hat.“ Eigentlich wollte Schaefer in Hannover an der MHH studieren. Das besondere Oldenburger Modell hat sie bewogen, in ihrer Heimatstadt zu bleiben. Schaefer ist bereits 31 Jahre alt, hat zwei Kinder. Ihr Abitur hat sie erst in diesem Jahr nachgeholt - „mit 1,0“. Darum geht es Dekan Hahn: um einen „interessanten Mix aus Persönlichkeiten“. Das Alter spielt da weniger eine Rolle. Verlaufen wird sich am Montag übrigens niemand. Das Schild steht inzwischen.

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