Kinderarzt im Visier

Neue Missbrauchsvorwürfe an der Odenwaldschule

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Foto: Ein Kinderarzt hat Schüler an der Heppenheimer Schule nach Angaben des Kreises Bergstraße möglicherweise in unangemessener und übertriebener Weise abgetastet.

Darmstadt/Heppenheim - Nachdem an der Odenwaldschule die Ermittlungen gegen einen Ex-Lehrer wegen sexuellen Missbrauchs eingestellt wurden, gibt es wieder neue Vorwürfe. Dabei geht es um einen Kinderarzt.

Neue Missbrauchsvorwürfe an der Odenwaldschule:Ein Kinderarzt hat Schüler an der Heppenheimer Schule nach Angaben des Kreises Bergstraße möglicherweise in unangemessener und übertriebener Weise abgetastet. Die Schule habe diese Vorwürfe, die schon zwei Jahre alt sein sollen, erst jetzt dem Kreis und dem hessischen Sozialministerium gemeldet, sagte der Bergsträßer Landrat Matthias Wilkes (CDU). Er forderte von der Schule komplette Aufklärung. Der „Bergsträßer Anzeiger“ und der „Mannheimer Morgen“ (Samstag) berichteten über die neuen Vorwürfe. Zuvor war ein Ermittlungsverfahren gegen einen Ex-Lehrer der Odenwaldschule wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern eingestellt worden.

Der Landrat verlangte Konsequenzen. „Man kann auf den ersten Blick erkennen, dass das nicht hinnehmbar ist, dass der Arzt da noch praktiziert“, sagte Wilkes der Nachrichtenagentur dpa. „Ich bin erschüttert.“ Die Leitung der Schule habe „in keinster Weise“ auf strengere Auflagen reagiert. Wenn sich die Faktenlage bewahrheite, müsse das „eine deutliche Verschärfung der vor zwei Wochen erfolgten Auflagen zur Folge haben“. Im Bericht der Schule sei auch von einer Krankenschwester die Rede, die im Untersuchungsraum den Blick auf den Arzt habe richten müssen, um ihn zu beobachten. Wie oft der Arzt für Untersuchungen an der Schule ist, blieb zunächst offen.

An der Odenwaldschule waren Schüler vor Jahrzehnten systematisch von Lehrern sexuell missbraucht worden. Ein Abschlussbericht nennt als Zahl mindestens 132 Opfer. Der Skandal kam erst viele Jahre später ans Licht.Einige Kritiker werfen der Schule vor, sich danach nicht genug verändert zu haben. Sie fordern, die Einrichtung zu schließen.

Vor einem knappen Monat wurde die Entlassung eines Lehrers wegen des Besitzes von Kinderpornografie bekannt. Die Staatsanwaltschaft nahm auch Ermittlungen wegen möglicher sexueller Übergriffe unter anderem in einem Zeltlager auf, die nun eingestellt wurden.Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt sagte am Freitag, die Vernehmungen möglicher Opfer hätten „keine Anhaltspunkte für strafbare Missbrauchshandlungen des Lehrers ergeben“.

Die Ermittlungen wegen möglichen Besitzes von Kinderpornografie gehen aber weiter. Der 32-Jährige hatte zugegeben, Kinderpornos aus dem Internet heruntergeladen zu haben. Die Aufsichtsbehörden sahen sich über die Vorwürfe von der Schule nicht genug informiert und verhängten strengere Auflagen.

Die Odenwaldschule nahm die Entscheidung der Staatsanwaltschaft mit Erleichterung auf. „Wir nehmen den aktuellen Fall zum Anlass, mit der bei uns vorhandenen stark erhöhten Sensibilität für grenzverletzendes Verhalten noch besser umzugehen“, teilte die Schule mit.

Vertreter der Opferreagierten mit Unverständnis. Es lägen Unterlagen vor, aus denen sich mindestens zwei Übergriffe auf zwei Kinder ergäben, sagte Opfer-Anwalt Thorsten Kahl.Es gebe eine große Grauzone zwischen Übergriffen undstrafrechtlichrelevanten Taten, erklärte der Opfer-Verein Glasbrechen: „Es heißt gar nichts, wennKinder gegenüber Staatsanwälten keine entsprechenden Aussagen machen - zumal nicht, wenn sie damit "ihre"Schule gefährden würden.“

dpa

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