Museum paläon

Die neue Steinzeit

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„Wir haben ihn Hamlet getauft“: Petra Ließmann (l.) vom Paläon führt Besucher aus Hannover und Braunschweig durch das Forschungs- und Erlebniszentrum - und zeigt einen Homo heidelbergensis.

Schöningen - Auch die Urgeschichte kann begeistern – mehr als 100.000 Menschen haben bislang das Museum paläon in Schöningen besucht. Die Ausstellung zeigt unter dem Motto „Entdecke den UrMensch in dir“ eine Mischung aus Forschungsergebnissen und Erlebniskultur.

Was haben die Kritiker vor der Eröffnung des Museums paläon im vergangenen Jahr nicht gewitzelt, gemahnt und geätzt. Das sei doch unverantwortlich, da werde um ein paar 300.000 Jahre alte Speere herum, die 1994 in Schöningen gefunden wurden, ein 15-Millionen-Euro-Klotz fast ausschließlich aus Landesmitteln gebaut, lautete der Tenor. Verkappte Regionalförderung, sagte der Bund der Steuerzahler. Warum nicht die bestehenden Museen in Braunschweig oder Hannover nutzen, fragte der damalige Oppositionsführer im Landtag, Stefan Schostok (SPD).

Und Hartmut Möllring (CDU), seinerzeit Finanzminister, sagte launig, er hätte die Speere wohl in den Kamin geworfen.

Da sind sie glücklicherweise nicht gelandet - was heute zahllose Besucher mit großem Interesse und ihrem Eintrittsgeld honorieren. Etwas mehr als ein Jahr nach der Eröffnung zählt das paläon bereits mehr als 100.000 zahlende Gäste. Allein in den ersten zwölf Monaten kamen laut Geschäftsführer Florian Westphal rund 85.000 Besucher in den 11.500-Einwohner-Ort im Landkreis Helmstedt, um in die historischen Tiefen der Altsteinzeit einzutauchen. „Wir bieten hier etwas für viele Altersgruppen“, sagt Westphal. Umsatzzahlen nennt er zwar nicht, aber wenn sich die Besucherzahlen weiter so entwickelten, betont er, bewege sich das Museum sehr gut „in der Kalkulation unseres Wirtschaftsplans“.

Manchmal sei er selbst überrascht von der starken Resonanz. „Das Thema Altsteinzeit ist eigentlich sehr sperrig“, sagt der promovierte Archäologe. „Die Kritik im Vorfeld lautete ja auch: Was kann da schon geboten werden, außer acht Speeren in zwei Vitrinen?“. Aber bei den regelmäßigen Besucherbefragungen falle immer wieder ein Satz: „Das ist viel mehr als ich erwartet habe.“

Aber was erwartet nun den Besucher? Die Ausstellung zeigt unter dem Motto „Entdecke den UrMensch in dir“ eine Mischung aus Forschungsergebnissen und Erlebniskultur. So sind auf einer riesigen, knallbunten Wand die altsteinzeitliche Flora und Fauna der Region um Schöningen präsentiert - Biber und Reh ausgestopft inklusive. Ein papierenes Leporello zeigt Leben und Alltag eines Steinzeitmenschen. Pferdeschädel und -knochen sind genauso zu sehen wie ein Homo heidelbergensis. Und das alles verbunden mit vielen Mitmachmöglichkeiten, Knöpfen, die gedrückt werden können sowie mit einem Film im 360-Grad-Kino. Und dann liegen da ja noch die Speere, die Keimzelle des paläon. 1994 gelangten sie bei einer Grabung ans Tageslicht. Eine wissenschaftliche Weltsensation, denn nie zuvor wurden Jagdwaffen aus der Zeit vor 300.000 Jahren gefunden.

Wer im Museum alles gesehen hat, kann dann auf dem 24 Hektar großen Außengelände weiterhin sein persönliches Steinzeitalter erleben. Dort können Kinder unter anderem abschätzen, wie weit ein Tier entfernt ist - eine Fähigkeit, die für sie früher als Jäger wichtig gewesen wäre. Und auf der Wiese weiden vier Przewalski-Pferde, Urtiere ihrer Art, und lassen die Altsteinzeit endgültig lebendig erscheinen.

Für die Stadt Schöningen ist das paläon mehr als ein bloßes Museum. Es bedeutet für die Kleinstadt im Kreis Helmstedt einen Hoffnungsschimmer. Mehr als 140 Jahre prägte der Braunkohlebergbau die Region. „Früher haben 6000 bis 7000 Menschen dort gearbeitet“, erzählt der Bürgermeister der Stadt, Henry Bäsecke. Heute seien es noch 450, und 2017 sei endgültig Schluss mit dem Bergbau. Um den Wegfall zu kompensieren, setzt der Bürgermeister nun auf den Tourismus. „Dank des paläon hat die Zahl der Übernachtungen bei uns deutlich zugenommen“, sagt der Bürgermeister. „Wir hoffen auf diesen Wirtschaftszweig.“

So setzen Stadt und paläon auf die Karte Tourismus. Schon heute kommt laut Geschäftsführer Westphal zu den Museumsbesuchern eine große Zahl an Gästen hinzu, die das Haus als Ausflugsort ansteuern, um einen Kaffee im Museumsbistro zu trinken oder sich E-Bikes auszuleihen. So wollen paläon und Schöningen gemeinsam mit der Altsteinzeit in die Zukunft gehen.

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