Streit um Ökoprodukte

Neuer Ärger im Biotop

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Foto: Das EU-Biosiegel verspricht zu viel.

Hannover - Eine Studie der Universität Stanford befeuert den Glaubensstreit um Lebensmittel aus biologischem Anbau – und geht doch am Thema vorbei.

Es ist längst keine Neuigkeit mehr, trotzdem sehen sich Gegner der Ökobewegung wieder einmal bestätigt: Biolebensmittel sind kaum gesünder als konventionell erzeugte Produkte. Dieses Ergebnis einer am Montag veröffentlichten Studie hat die niemals enden wollende Debatte um Sinn und Unsinn von Biolebensmitteln neu befeuert. „Wie billig kann Bio sein?“, fragte eine gleichnamige ARD-Reportage ausgerechnet am selben Abend – und zeigte Bilder von heruntergekommenen Biohöfen.

Vom „großen Biomythos“ und der „Öko-Lüge“ ist seitdem die Rede. Im Internet wurde gar das „Ende des Ökofaschismus“ propagiert. Über die Art der Lebensmittelerzeugung, das steht fest, lässt sich ebenso viel streiten wie über Geschmack, auch, wenn es um den mitunter gar nicht mehr geht. Denn die Debatte führt bisweilen gar am Thema vorbei: Schließlich steht außer Frage, dass ein Bioapfel genau so viele Vitamine enthält wie einer aus konventioneller Landwirtschaft. Der Einsatz, beziehungsweise Verzicht, von Pflanzenschutzmitteln sind vielmehr der Kern der Studie.

Die Ernährung aber ist zu einer Glaubensfrage geworden. „Es ist ein sozialer Kampf, der da ausgeführt wird“, sagt die Soziologieprofessorin Eva Barlösius von der Leibniz Universität Hannover. In Zeiten, in denen sich Menschen über ihr Aussehen definieren und die Fernsehsender voll sind von Formaten, in denen es um die Schönheit geht, gilt vielen auch eine gesunde Ernährung als schick. Bioprodukte zu kaufen, ist für einen Teil der Gesellschaft somit Lebensstil geworden. „Wird diese Selbstidentifikation durch solch eine Studie erschüttert, stehen die Menschen vehement dafür ein“, sagt auch der Göttinger Ernährungspsychologe Thomas Ellrott.

Das achteckige EU-Biosiegel – von Verbraucherschutzorganisationen wie Foodwatch immer wieder als kleinster gemeinsamer Nenner gerügt, der Produkten aus der Massenproduktion den Eintritt in die Bionische ermöglicht – steht aber noch für viel mehr. Damit ausgezeichnete Produkte verheißen Gesundheit und Natur – und noch dazu das Gefühl, an der Supermarktkasse alles richtig gemacht zu haben.

Doch die Hoffnung auf nachhaltiges Handeln durch den Kauf von Bioprodukten hat Risse bekommen. In den Biomarktketten stehen Tiefkühlpizzen mit Analogkäse und Kekse mit Palmöl, für dessen Gewinnung der Regenwald abgeholzt wird, mitunter einträglich neben Dinkelschrot und veganem Leberwurstersatz. Dass selbst Biokunden offenbar trotzdem auf dem richtigen Weg sind, belegt das Max-Rubner-Institut in Karlsruhe wiederum mit einer Studie: Biokäufer rauchen selten, essen viel Obst und Gemüse und verzichten häufiger auf Fleisch, Süßwaren und Limonaden. Damit leben sie gesünder – auch wenn die Äpfel im Biomarkt nicht mehr Vitamine enthalten sollten, als konventionell erzeugte.

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