Umstrittene Ausbildungserlaubnis

Neues Gesetz bedroht Hundeschulen

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Foto: Ein neues Gesetz verlangt von Hundetrainern wie Sandra Müller aus Lehrte ein staatlich anerkanntes Zertifikat für die Ausbildung.

Lehrte/Stolzenau - Eigentlich sind es gute Zeiten für niedersächsische Hundeschulen. Das Geschäft brummt – auch, weil seit 2014 Halter eine Prüfung über die Umgangsfähigkeit mit Hunden ablegen müssen. Trotzdem bangen viele Tiertrainer um ihre Existenz: Sie benötigen jetzt ausnahmslos ein Zertifikat einer anerkannten Prüfstelle.

Greta und Gesche wissen genau, wann Schluss mit lustig ist. Ein Pfiff von Sandra Müller und die beiden Dänischen Doggen hören sofort auf, sich zu balgen. Stattdessen kommen sie angerannt und richten die Augen erwartungsvoll auf die Hundetrainerin. Seit acht Jahren bildet Müller in ihrer Schule in Lehrte Hunde aus. In dieser Zeit hat sie unzählige Hund-Herrchen-Beziehungen gekittet. Rund 20.000 Euro hat sie für die Ausbildung ausgegeben, Weiterbildungen nicht eingerechnet. All das soll nun wertlos sein.

Eigentlich sind es gute Zeiten für niedersächsische Hundeschulen. Denn seit dem vergangenen Jahr müssen Halter eine Prüfung über ihre Umgangsfähigkeit mit Hunden ablegen. Viele nehmen daher Vorbereitungskurse der Hundeschulen in Anspruch. Doch seit dem 1. August 2014 gilt auch ein neues Bundestierschutzgesetz, das wiederum von Hundetrainern eine Erlaubnis für ihre Tätigkeit verlangt. Einen Bestandsschutz gibt es nicht, auch renommierte und seit Jahren tätige Hundeausbilder müssen sich der Prüfung unterziehen. Nun bangen Hunderte Hundetrainer in Niedersachsen um ihre Existenz.

Viele schwarze Schafe

Basis der Ausbildungserlaubnis ist eine Überprüfung durch das zuständige Veterinäramt und ein Sachkundetest durch eine staatlich anerkannte Institution. Damit reagiert die Politik auf Hinweise aus der Vergangenheit, dass nicht in jeder Hundeschule tierschutzkonform gearbeitet werde. Mit der Reform sollen tierquälerische Methoden zur Hundeerziehung verhindert werden, wie etwa die Züchtigung durch elektrische Halsbänder.

Auch Sandra Müller ist im Grundsatz mit der Reform des Tierschutzgesetzes einverstanden. „Hundetrainer ist kein geschützter Begriff. Deshalb gibt es auch, wie man so sagt, viele schwarze Schafe.“ Mit diesem Problem waren die Hundetrainer sogar selbst auf die Tierärztekammer Niedersachsen zugekommen und hatten einen Nachweis für gute Ausbildungsstätten verlangt. Die Tierärztekammer hatte daraufhin in Absprache mit dem Land ein Verfahren eingerichtet, um Hundeschulen eine Art Qualitätsprüfung auf freiwilliger Basis anzubieten, wie Geschäftsführer Udo Pobanz sagt.

Durch das neue Gesetz wird aus Freiwilligkeit nun Pflicht. Und sowohl die Tierärztekammer wie auch die Hundetrainer sind nicht zufrieden. Ausbilder wie Sandra Müller befürchten, dass die Trainer dadurch auf einen bestimmten Ausbildungsweg gezwungen werden. Und zwar den, der durch die stärkste Lobby vorgegeben wird. Denn anerkannte Sachkundeprüfer sind bislang nur die Industrie- und Handelskammer Potsdam sowie die Tierärztekammern Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Weitere Institutionen würden derzeit geprüft, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium in Hannover. Die Tierärztekammer dagegen fühlt sich durch die Anfragen aus ganz Deutschland überfordert und sieht sich zwischen den Fronten. „Wir haben uns da eine Aufgabe aufladen lassen“, sagt Pobanz.

Kommunen haben Gestaltungsfreiheit

Die Hundetrainer nehmen vor allem Anstoß an dem Sachkundeprüfverfahren. „Darin geht es viel um Verhaltensbiologie und Medizin. Die verschiedenen Philosophien der Hundeerziehung werden dagegen gar nicht berücksichtigt“, sagt Müller. Diesen Vorwurf kennt Pobanz schon. „Gerade in der Anfangsphase sind viele durch die Prüfung gefallen und haben uns daraufhin unterstellt, wir würden durch die Kriterien Trainer mit Tierarzthintergrund bevorzugen.“ Pobanz gibt zu, dass der Test anspruchsvoll ist, weist die Anschuldigungen aber zurück. „Es ist ein Instrument, um Qualität messbar zu machen.“ Außerdem sei die Zahl der nicht bestandenen Prüfungen längst rückläufig.

Ihre Prüfung hat Sandra Müller nicht bei einem der Institute abgelegt. Trotzdem hat sie ihrer Anmeldung bei der Abteilung Verbraucherschutz und Veterinärwesen der Region Hannover alle Nachweise über Schulungen beigelegt. Genutzt hat es nichts. Das Amt hat ihr eine Frist von einem Jahr eingeräumt, den anerkannten Nachweis zu erbringen. So lange darf sie ihre Hundeschule weiter betreiben. „Nach diesem Jahr erlischt die Betriebserlaubnis allerdings, sollte bis dahin die Prüfung nicht bestanden sein“, sagt Regionssprecher Nils Meyer.

Obwohl das Gesetz bundesweit möglichst einheitlich sein soll, obliegt die Prüfung den Kommunen. Und diese haben eine gewisse Gestaltungsfreiheit. Laut Landwirtschaftsministerium kann die Prüfbehörde, in der vor allem Amtstierärzte entscheiden, Unterrichtseinheiten besuchen und bei Bedarf einen Sachverständigen, sprich: Hundeausbilder, hinzuziehen. Muss sie aber nicht. Liegt ein Zertifikat vor, kann die Erlaubnis sofort erteilt werden.

Marty Verburg aus dem Kreis Nienburg sieht nicht ein, dass er nach Jahrzehnten als Hundetrainer plötzlich eine Prüfung vor Amtstierärzten ablegen soll. Fast 55 Jahre lang hat der 70-Jährige Hunde ausgebildet, erst für die königlich-niederländische Luftwaffe, später kommerziell. 1987 stellte er beim Veterinäramt im Kreis Nienburg den Antrag, in Stolzenau eine Hundeschule zu eröffnen. „Ich verstehe, dass man Tierquälern das Handwerk legen muss. Doch sprechen ein großer Kundenstamm und jahrelanger Erfolg nicht auch für sich?“

Verburg will nun abwarten, was weiter passiert. Sandra Müller hingegen hat bereits einen Anwalt eingeschaltet. „Wenn ich mich wehren will, muss ich es jetzt tun.“ Ein Jahr dürfen Greta und Gesche noch über das Schulgelände in Lehrte toben. Wo sie danach hündisch angemessenes Benehmen lernen, ist ungewiss.

Von Isabel Christian

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