Fernsehklinik wird Sanatorium

Neues Leben in der „Schwarzwaldklinik“

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Bis zu 60 Busse am Tag: Die „Schwarzwaldklinik“ war ein Touristenmagnet.

Hannover/Glottertal - In Deutschlands berühmtestem Krankenhaus werden bald wieder echte Patienten behandelt. Die Deutsche Rentenversicherung will die „Schwarzwaldklinik“ in ein Sanatorium umwandeln.

Es ist die alte Frage nach dem Huhn und dem Ei: Bestimmt das Fernsehen die Realität oder die Realität das Fernsehen? Es kommt immer wieder vor, dass die Wirklichkeit die Fiktion einholt: So war es, als der Film „Staatsfeind Nummer 1“ von 1998 die Jagd auf NSA-Whistle­blower Edward Snowden vorwegnahm. So war es, als der schwarze US-Präsident aus der Thrillerserie „24“ sieben Jahre später Wirklichkeit wurde. So war es, als die erfundene „Bubba Gump Shrimp Company“ aus „Forrest Gump“ in New York ein ganz reales Fischrestaurant eröffnete. Und so wird es auch sein, wenn demnächst in der 3000-Einwohner-Gemeinde Glottertal in Baden-Württemberg das echte Leben in Deutschlands berühmtesten Klinikbau zurückkehrt.

Die „Schwarzwaldklinik“ – von 1985 bis 1989 in 70 Folgen mit bis zu 28 Millionen Zuschauern die prägnante Kulisse des ZDF-Klassikers um Professor Brinkmann alias Klausjürgen Wussow – wird zum ganz realen Krankenhaus. Die Freiburger Kur und Reha GmbH will das Gebäude kaufen und als Klinik für Psychosomatik nutzen – 27 Jahre nach dem Serienende und 99 Jahre nach der Eröffnung des „Carlsbaus“, damals ein sensationell luxuriöses Sanatorium für die Schönen und Reichen. Geplant sind 25 Betten, 25 Tagesplätze und Investitionen von vier Millionen Euro. Besitzer ist die Deutsche Rentenversicherung, die Verträge stehen vor der Unterzeichnung.

Seit 2004 stand der denkmalgeschützte Bau leer. Kurz fürchtete man im Schwarzwald gar, es könnte sich ein Bordell dort einnisten. Die „Klinik Glotterbad“ nutzte das Haus jahrzehntelang als Sanatorium, dann zog sie in modernere Gebäude um. Der alte „Carlsbau“ diente seit 1987 als Fachklinik für Psychosomatik und Innere Medizin und zuletzt als Zentrum zur Kinder- und Familienrehabilitation. Operiert wurde dort nie. Bis zu 60 Busse mit ZDF-Touristen kamen einst täglich – viele in der Hoffnung, einen Blick auf „Dr. Brinkmann“ zu erhaschen. Dabei diente der Bau nur als Außenkulisse: Alle Innenaufnahmen entstanden im Studio in Hamburg. „Die Ärzte sind mit dem Auto manchmal gar nicht durchgekommen zur Arbeit“, sagte der neue Geschäftsführer Melchert Frank der „Süddeutschen Zeitung“. Schwerkranke hätten sich vom Rettungswagen direkt ans Portal karren lassen, um sich sofort „von Professor Brinkmann persönlich“ behandeln zu lassen. Es gab sogar Bewerbungen von echten Chirurgen. Dabei hatte die Kurklinik im wahren Leben nicht einmal einen Operationssaal.

Dass in den Köpfen mancher TV-Zuschauer Fiktion und Realität verschwimmen, ist nicht selten. Die „Lindenstraße“ bekommt noch immer Bewerbungen potenzieller Nachmieter, sobald ein Charakter „stirbt“. In der „Schwarzwaldklinik“ wenigstens steigen die Chancen, tatsächlich behandelt zu werden. Wenn auch nicht von Klausjürgen Wussow.

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