Comeback

Neues Leben für Vinyl-Schallplatte

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Udo Karduck bei der Qualitätskontrolle im Akustikraum der Schallplattenfabrik Pallas in Diepholz.

Diepholz/Berlin - Der Siegeszug der CD hatte die analoge Schallplatte fast völlig vom Markt gefegt. Während die Silberscheiben jetzt von Musikdateien bedrängt werden, feiert die Vinyl-Schallplatte ein Comeback. In Diepholz steht eine der letzten Fabriken - und hat gut zu tun.

Antik anmutende Elektolytbäder gluckern, eine Schleifmaschine bringt geräuschvoll Nickelmatrizen in Form, Pressen spucken Vinylscheiben aus. Die Wiederentdeckung der analogen Schallplatte stützt sich auf Fabriken, die museumsreif scheinen. Die Pallas Group in Diepholz überlebte als nur einer von fünf Herstellern in Europa.

Als vor 30 Jahren der Siegeszug der CD begann, baute auch Pallas eine neue Produktion auf, hielt aber auch an seiner alten Schallplattenfabrik fest. Eine gute Entscheidung, wie Geschäftsführer Holger Neumann heute weiß. Während es die CD wegen der Download-Konkurrenz von Jahr zu Jahr schwerer hat, steigen die Verkäufe der analogen Scheiben, die als Sonderauflage heute auch bunt auf den Markt kommen, um mehrere Prozent im Jahr. Inzwischen verlassen wieder rund 3,5 Millionen Stück im Jahr die alte Pallas-Fabrik, um in aller Welt verkauft zu werden. Von einst bis zu 18 Millionen Stück im Jahr ist die CD-Produktion in Diepholz dagegen auf aktuell rund 8 Millionen CD und DVD geschrumpft. Auf dem Parkplatz der Fabrik stehen mehrere Container. "Die sind voll alter Pressmaschinen", erklärt Neumann. "Unser Ersatzteilleger." Als überall die alten Schallplattenfabriken verschrottet wurden, entschieden sich der heute 51-Jährige und sein Vater, einen Vorrat anzulegen. Eine risikoreiche Investition, denn damals habe niemand mehr auf Schallplatten gesetzt. Auch bei Pallas ging die Produktion zwischenzeitlich fast auf Null runter - bis mit der Love-Parade der Vinyl-Wiederaufstieg begann.

Jetzt können die aus Schweden stammenden Pressmaschinen-Veteranen mit Originalteilen repariert werden. "Wir haben mal einen Schaltkasten beim Elektriker im Ort nachbauen lassen. Das war sein schwierigster Auftrag." Mindestens zehn Jahre halten die Maschinen noch, hofft Neumann. Derzeit kümmern sich etwa 30 der 120 Pallas-Mitarbeiter um Vinyl. Bei Spezialisten zum Beispiel in der Elektrolyse muss Neumann aufpassen, dass nicht eines Tages entscheidendes Wissen in Rente geht. "Die alten Maschinen brauchen Erfahrung und Gefühl." Der Umgang erfordere lange Übung.

Auch wirtschaftlich macht Neumann der Wiederaufstieg der Schallplatte Freude. "Das ist ein kundentreuer Markt." Vinyl-Liebhaber seien bereit, Geld auszugeben. "Wir sind nicht die Günstigsten, aber bei der Qualität sind wir die Besten", ist Neumann überzeugt. So hört Mitarbeiter Udo Karduck den ganzen Tag die Vorlagen ab, von denen später Schallplatten gepresst werden. Er achtet nur auf Knackgeräusche, die durch galvanisierte Staubkörnchen verursacht werden und später auf die Vinylplatten übertragen würden. Also greift Karduck immer wieder zum feinen Stahlstichel und korrigiert Fehler unter dem Mikroskop. "Das macht nicht jeder Hersteller", sagt Neumann. Insgesamt sieht der Unternehmer die Entwicklung seiner Branche kritisch. Sowohl im Handel als auch bei den Musik-Produktionsfirmen seien Fehler gemacht worden. "Prinzipiell ist der Zug abgefahren." Die Verlagerung des Geschäfts ins Internet und der Siegeszug der Downloads seien nicht mehr aufzuhalten. "Vinyl erlebt momentan ein kleines Mini-Comeback in der Nische", sagt der Sprecher des Bundesverbandes Musikindustrie, Andreas Leisdon. Musik zum Anfassen sei weiterhin gefragt. "Dafür steht gerade die Schallplatte mit der aufwendigen Cover - und Innengestaltung."

In Deutschland legte der Absatz von Vinyl-Schallplatten nach Zahlen des Verbands im vergangenen Jahr um gut zehn Prozent auf 700 000 zu. 2006 waren es erst 300 000. In Relation zum Gesamtmarkt hat Vinyl allerdings weiterhin keine große Bedeutung. 2011 wurden in Deutschland fast 207 Millionen Musikprodukte verkauft, ein Plus von 7,4 Prozent gegenüber 2010. Die Zahl der Downloads legte innerhalb eines Jahres von 77,7 auf 96,9 Millionen zu. Der Verkauf von CD-Alben ging im vergangenen Jahr um 1,7 Prozent auf rund 97 Millionen Stück zurück. CD-Singles brachen von 4,7 auf 2,9 Millionen Stück ein. 2002 waren noch 34,5 Millionen Stück über die Ladentische gegangen. "Das Musikangebot diversifiziert sich im Moment sehr stark", sagt Leisdon.

Auch beim Umsatz zeigt sich die Entwicklung zum digitalen Produkt mit einem Wachstum um 21,2 Prozent auf 247 Millionen Euro. Physische Tonträger gaben um 3,8 Prozent auf 1,236 Milliarden Euro nach.

Ein Problem für die Musikindustrie ist weiterhin der illegale Download von Musik aus dem Internet. Einer Studie der GfK zufolge wurden 2010 zwei Drittel aller heruntergeladenen Alben illegal beschafft, sagte Leisdon. Immerhin habe sich die Zahl der Kunden, die gegen Bezahlung Musik aus dem Netz laden, sprunghaft auf zuletzt sieben Millionen im Jahr erhöht.

dpa

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