Überforderte Mutter

Neun Jahre Haft für fünffache Kindermörderin

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Foto: Der vorsitzende Richter M. Lemke der Mutter im Schlussplädoyer „Idass Sie irgendwann wieder Ihren inneren Frieden finden“.

Flensburg - Selbst bei erfahrenen Richtern sorgte das Verfahren für Beklemmung - fünffache Kindstötung lautete der Vorwurf. Neun Jahre muss eine Husumer Mutter nun in Haft. Sie bereut unter Tränen - und der Ehemann verzeiht ihr.

Es ist das letzte, was die Angeklagte in ihrem Schlusswort sagt - dass sie sich selbst und anderen die Frage beantworten können möchte, warum sie das getan hat. Von einer „unvorstellbaren Dimension von fünf Todesfällen“ hat zuvor der Vorsitzende Richter am Landgericht Flensburg, Michael Lembke, gesprochen, als er die 29 Jahre alte Mutter am Donnerstag zu neun Jahren Haft verurteilte - wegen Totschlags.

Unvorstellbar ist auch der ganze, sich immer gleichende Ablauf der Taten, die sich zwischen 2006 und 2012 ereigneten. Fünf Mal wurde die Frau aus Husum schwanger, ignorierte dies, verheimlichte es vor Mann und Umfeld und tötete die Babys direkt nach der Geburt. Sie erstickte sie, stopfte einem kleinen Jungen Blätter in Mund und Rachenraum oder stach mit einer Schere auf die Neugeborenen ein. Zwei Kinder warf sie weg wie Müll, eines in eine Abfalltonne, ein anderes legte sie auf einem Parkplatz ab. Drei Kinder lagerte sie im Keller ihres Hauses. „Wie musste sich die Angeklagte fühlen, wenn sie in den Keller ging und den Geruch der verwesenden Kinder wahrnahm?“, fragt der Staatsanwalt.

Und warum nur hat sie die Taten begangen? Verteidiger und Staatsanwalt suchen in ihren Plädoyers nach Motiven und finden sie nicht. „Eine Fehlsteuerung, aus meiner Sicht, der Natur“, glaubt der Verteidiger der blonden Frau, die mit gesenktem Kopf seinen Ausführungen folgt. „Dadurch wird die Schwangerschaft als solche nicht erlebt.“ Dennoch habe die Frau nicht nur eine dunkle Seite, auch wenn die Taten erschreckend seien. „Von der Ausgangslage hatte dieser Fall das Zeug, mein schlimmster Fall zu werden.“ Doch die 29-Jährige sei auch eine liebevolle Mutter und „eine Frau, die seit Kindertagen altruistisch gehandelt hat“. Sie war als Kind nach der Trennung der Eltern aus Mitleid mit dem Vater nach Sachsen-Anhalt gegangen. Dort wurde sie in der Schule gehänselt, war viel allein.

Der Staatsanwalt, der zehn Jahre Haft gefordert hatte, sucht ebenfalls das Motiv: Wenn man in der Literatur zur Neugeborenentötung nachschlage, „findet man eigentlich immer schlüssige Erklärungen. Die fehlen hier.“ Es habe viele Möglichkeiten gegeben, entweder die Schwangerschaften zu verhindern oder etwa eine Babyklappe zu nutzen.

Richter Lembke glaubt, der Fortzug mit dem Vater sei prägend für die Frau gewesen. Die Angeklagte „hat nie gelernt und erfahren, sich einer Vertrauensperson zu offenbaren“. Durch die Schwangerschaften habe sie wohl ihre Familie gefährdet gesehen, da sie und ihr Mann nach zwei Töchtern keine weiteren Kinder wollten und ihrer Ansicht nach kein finanzieller Spielraum vorhanden war. Für den ahnungslosen Ehemann sei die Offenbarung der Taten „der totale Untergang“ gewesen, sagt seine Anwältin. „Alles, was vorher heil war, ist zerbrochen.“ Doch er verzeihe seiner Frau.

Die 29-Jährige selbst entschuldigt sich in ihrem Schlusswort unter Tränen bei ihrer Familie und den Männern, die zwei der Kinderleichen gefunden hatten. „Mir tut das unendlich leid. Ich begreife das selber nicht, wie ich das machen konnte.“ Sie wolle die Zeit in Haft nutzen:„Egal, was für eine Strafe ich kriege, ich möchte die Chance im Gefängnis nutzen, mein komplettes Leben aufzuarbeiten.“ Das wäre auch in Lembkes Sinn: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie irgendwann wieder Ihren inneren Frieden finden“, sagt er zum Schluss der Verhandlung. Da fließen die Tränen erneut.

dpa

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