Gedenken in Lichtenhagen

Nicht alle wollen erinnert werden

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Zeichen gegen Fremdenhass: Rostock-Lichtenhagen.

Rostock - Die Bilder des brennenden Sonnenblumenhauses in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 gingen um die Welt. Deutschland erschrak über die schlimmsten ausländerfeindlichen Unruhen seiner Nachkriegsgeschichte. Doch 20 Jahre danach will längst nicht jeder daran erinnert werden.

Der junge Mann sitzt lässig in einem Hauseingang, gleich gegenüber dem Sonnenblumenhaus. „Hier ist alles im grünen Bereich. Hier hat niemand etwas gegen Ausländer.“ Wie viele andere Bewohner des Rostocker Stadtteils Lichtenhagen schaut sich der 23-jährige Robert Deffke das Treiben vor dem Haus an. Mehrere Tausend Demonstranten haben sich vor dem riesigen Plattenbau eingefunden. Jenem Gebäude, das seit der fremdenfeindlichen Randale im August 1992 nicht nur in Rostock tief in die Erinnerung eingebrannt ist.

Die ganze Welt schaute damals auf die Hansestadt. Tagelang wurde ein überfülltes Asylbewerberheim belagert, ohne dass die Polizei die Lage in den Griff bekam. Schließlich flogen Brandsätze. Rostock wurde für Jahre zum Synonym für Fremdenfeindlichkeit und offenen Hass. „War schon Scheiße, was damals abgelaufen ist“, sagt Deffke.

Nichts erinnert heute mehr an die dramatischen Tage des Sommers 1992, als Menschen vor den Wirren des Balkankrieges flüchteten und - wie überall in Deutschland - in Aufnahmelager verwiesen wurden, auch in Mecklenburg-Vorpommern. Schnell war die Zentrale Aufnahmestelle im Sonnenblumenhaus belegt, viele Menschen campierten auf dem Rasen vor dem Haus - inmitten des Wohnviertels.

Unten den Demonstranten sind auch viele aus der Region, doch es gibt in Lichtenhagen auch einige, die wenig übrig haben für die Veranstaltungen. Nur ungern erinnern sich die drei älteren Damen, die neugierig die vielen Menschen auf dem Platz vor dem Sonnenblumenhaus betrachten, an diese Zeit. „Da waren doch schon immer Ausländer drin, Algerier, Kubaner, Vietnamesen, die ganzen Jahre war da nie was“, sagt eine von ihnen. Erst als die vielen Asylbewerber gekommen seien, sei es losgegangen. „Da wurden die Leute hier unruhig, weil die geklaut haben und auf dem Rasen ihre Notdurft verrichtet haben“, erzählt eine andere.

„Aber, dass das heute wieder so hoch gepuscht wird, ist nicht in Ordnung“, sind sich die Damen mit anderen aus dem Stadtteil einig. Sie hoffen, dass die Veranstaltungen bald vorbei sein wird. Sogar der in Rostock geborenen Bundespräsident Joachim Gauck hat sich für Sonntag zu den Gedenkfeierlichkeiten angesagt.

Als sich im August 1992 an den unhaltbaren Zuständen vor dem Asylbewerberheim nichts änderte, eskalierten die Proteste. Schließlich entschieden die Behörden nach langem Zaudern, die Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen. Doch es war zu spät: Der Mob, hochgepeitscht auch von auswärtigen Extremisten, war nicht mehr aufzuhalten. Der Hass richtete sich nun ausschließlich auf die im benachbarten Teil des Hauses lebenden Vietnamesen, die als sogenannte Vertragsarbeiter in die DDR gekommen waren. Als das Haus am 24. August abends brannte, applaudierten und jubelten mehrere Tausend Menschen. Etwa 150 Menschen, hauptsächlich Vietnamesen konnten aufs Dach flüchten. Verletzte gab es, wie durch ein Wunder, nicht.

Dem Verdrängen, das in Lichtenhagen vielfach zu spüren ist, widersetzt sich Jochen Thelo vom Bündnis “20 Jahre nach den Pogromen - das Problem heißt Rassismus“, das die Demonstration am Samstag organisiert hat. Noch immer sei Fremdenfeindlichkeit in Deutschland ein Thema, noch immer würden Flüchtlinge in Lager gebracht, noch immer würden Asylbewerber diskriminiert. „Genau darauf muss aufmerksam gemacht werden, immer wieder“, betont Thelo.

Um ein Zeichen gegen Fremdenhass zu setzen, deswegen ist Margret Köhler aus dem nahen Reinshagen nach Lichtenhagen gekommen. „Es ist mir ein Anliegen, Masse darzustellen gegen den rechten Mob.“ Sie sei damals so erschrocken darüber gewesen, dass ganz normale Menschen gejubelt haben, als Menschen in Lebensgefahr waren, sagt die in ein großes Regenbogentuch gekleidete 76-Jährige. „Wir können heute zeigen, dass wir ganz viele sind, die das so sehen.“

dpa

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