Mutmaßlicher Boston-Attentäter vor Gericht

„Nicht schuldig“

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Foto: Ein Gerichtszeichner bildete den Angeklaften Dschochar Zarnajew am Mittwoch vor Gericht ab.

Boston - „Nicht schuldig“ und ein gehauchter Kuss für die weinenden Schwestern: Der mutmaßliche Boston-Attentäter erschien erstmals vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft verlas 30 Anklagepunkte.

Der mutmaßliche Bombenleger von Boston hat vor Gericht auf „nicht schuldig“ plädiert. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit seiner Festnahme wies Dschochar Zarnajew am Mittwoch (Ortszeit) alle 30 Anklagepunkte zurück. Der 19-Jährige muss sich vor Gericht wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung an dem Terroranschlag auf den Boston-Marathon vom 15. April verantworten. Ihm werden unter anderem der Einsatz von Massenvernichtungswaffen, vierfacher Mord sowie Verschwörung vorgeworfen.

Die meisten Anklagepunkte bedeuten im Falle einer Verurteilung die Todesstrafe oder lebenslange Haft. Zwar ist die Todesstrafe im Bundesstaat Massachusetts verboten, aber Zarnajew wurde dort nach Bundesrecht angeklagt. Rechtsexperten vermuten, dass sich Ankläger und Verteidiger vorab auf eine lebenslange Haft einigen - im Gegenzug zu einer umfassenden Aussage des Angeklagten über die genauen Hintergründe der Tat.

Die Staatsanwaltschaft kündigte an, rund 80 bis 100 Zeugen aufrufen zu wollen. Der Prozess wird ihrer Schätzung nach rund drei bis vier Monate dauern. Die nächste Anhörung ist für den 23. September geplant.

Nachdem die Anklageschrift verlesen war, antwortete Zarnajew mit „nicht schuldig“. Er trug orangefarbene Gefängniskleidung und deutlich längere Haare. Rund 30 Überlebende, unter ihnen einige Amputierte, sowie Angehörige von Opfern wohnten dem kurzen Gerichtstermin bei.

Rund um das Gerichtsgebäude herrschten scharfe Sicherheitsmaßnahmen. Unzählige Fernsehkameras in der Gegend versuchten vergeblich, einen Blick auf den Angeklagten zu erhaschen. Von ihm wurden lediglich Bilder eines Gerichtszeichners veröffentlicht.

Der Angeklagte soll gemeinsam mit seinem älteren Bruder Tamerlan im Zielbereich der Marathonstrecke zwei Sprengsätze gelegt haben. Ihm wird deshalb unter anderem der Einsatz von Massenvernichtungswaffen vorgeworfen. Laut Anklage koordinierten die Täter die Detonationen per Handy. Tamerlan war während der Flucht bei einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben gekommen.

Zarnajew muss sich ebenfalls wegen der Tötung eines Polizeibeamten verantworten. Kollegen des drei Tage nach dem Anschlag erschossenen Sean Collier standen vor dem Gerichtsgebäude Spalier. Weitere Anklagepunkte sind Verschwörung, die Nutzung von Feuerwaffen, Fahrzeugentführung, Sachbeschädigung und vielfache Körperverletzung.

Hunderttausende waren am 15. April in die Ostküstenmetropole Boston gekommen, um die Läufer während des Marathons anzufeuern. An den Folgen der Explosionen starben ein achtjähriger Junge, eine 29 Jahre alte Frau und eine chinesische Studentin. Außerdem wurden 260 weitere Menschen verletzt.

Sicherheitskräfte spürten Zarnajew nach tagelanger Fahndung in Boston auf. Er verbrachte wegen seiner schweren Verletzungen lange Zeit im Krankenhaus. Bei dem Gerichtstermin trug er um seinen linken Arm einen Gipsverband. Mit der anderen Hand fasste er sich häufig ins Gesicht oder an den Mund. Als er den Gerichtssaal verließ, hauchte er Frauen im Publikum einen Kuss zu. Laut Beobachtern handelte es sich um seine Schwestern.

dpa

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