Ende von NTH

Niedersachsen gibt Hochschulverbund auf

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Der Uni-Zusammenschluss NTH wird 2015 eingestampft.

Hannover - Das Land Niedersachsen gibt nach sechs Jahren Laufzeit den umstrittenen Hochschulverbund Niedersächsische Technische Hochschule (NTH) wieder auf. Kooperationen soll es aber weiterhin geben, insbesondere die Technische Universität Braunschweig und die Leibniz Universität Hannover sollen enger zusammenrücken.

Rund 100 Seiten stark ist der Bericht der Evaluierungskommission, die das Land Niedersachsen nur zu einem einzigen Zweck eingesetzt hat: Sie sollte die Niedersächsische Technische Hochschule (NTH) in den Blick nehmen und bewerten. Das Ergebnis fasste der Kommissionsvorsitzende Professor Georg Winckler am Dienstag so zusammen: „Die Ziele, die man sich mit der NTH gesetzt hat, sind richtig und wichtig gewesen, die NTH aber als Konstrukt nicht tauglich, um sie zu erreichen.“

Eine Schlussfolgerung, die sich Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) zu eigen gemacht hat. Die NTH habe die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. 25 Millionen Euro Fördergeld habe Niedersachsen in die Über-Hochschule investiert, der Ertrag sei aber dürftig gewesen: Die NTH habe weder einen Erfolg beim Exzellenzwettbewerb des Bundes erzielt, noch habe sie in bedeutender Größe Drittmittel einwerben können. Das Land ziehe daraus jetzt seine Konsequenzen und löse die NTH zum 1. Januar 2015 wieder auf.

Exzellenzinitiative gescheitert

Doch die Entscheidung über das Aus soll kein Endpunkt, sondern ein Neuanfang sein. „Wir wissen, dass dieses Konstrukt ein falsches ist. Es darf aber kein Zurück auf null geben“, sagte die Ministerin. Es müsse jetzt an neuen Kooperationen gearbeitet werden. Während die Universität in Clausthal-Zellerfeld wieder eigene Wege gehen soll, sollen Hannover und Braunschweig enger kooperieren. Bis Ende 2015 sollen die Hochschulen dafür Konzepte vorlegen.

Wobei die Evaluierungskommission bereits weitreichende Vorstellungen hat, wie die Zusammenarbeit der Universitäten in Hannover und Braunschweig aussehen könnte. Sie empfiehlt einen Zusammenschluss nach dem Vorbild der University of California: eine Hochschule mit mehreren Standorten aber einer gemeinsamen Forschungs- und Etatplanung. Das würde bedeuten, dass die einzelnen Hochschulen massiv Kompetenzen an eine gemeinsame Planungsebene abgeben müssten.

Doch dagegen gibt es Protest: Der Vorschlag sei inakzeptabel, sagt Erich Barke, Präsident der Leibniz Universität in Hannover. Er befürwortet ein Modell, bei dem es Kooperationen in einzelnen Themengebieten gibt. In diesem Fall stünden die Themen im Mittelpunkt und nicht die Strukturen, sagt Barke.

Diese Variante hält auch die Evaluierungskommission für denkbar, lehnt sie aber aus einem einfachen Grund ab: Der Bündelungseffekt der Hochschulen sei gleich null. „Die Kommission betrachtet dieses Modell deshalb als einen (durchaus möglichen) Schritt zurück“, heißt es im Bericht.Die NTH habe von Anfang an mehrere Konstruktionsfehler gehabt, sagte Heinen-Kljajic. So seien die Präsidenten der NTH gleichzeitig auch immer Präsidenten ihrer Einzel-Hochschulen gewesen, was zu Interessenskonflikten geführt habe. Und: „Wir haben die Lektion gelernt, dass es nicht reicht, eine Struktur vorzugeben und dann zu erwarten, dass die Akteure darin erfolgreich wirken werden.“ Die NTH habe so weder nach innen eine Identität aufbauen können, noch habe sie nach außen die erwünschte Strahlkraft entwickelt.

Braunschweig und Hannover sollen zusammenrücken

Bei künftigen Kooperationen soll darum erst über die Forschungssschwerpunkte gesprochen werden und danach über die Struktur. Dabei sei dann auch eine Zusammenarbeit etwa mit der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) denkbar.

„Ich würde es vorziehen, wenn wir die NTH weiterentwickelt und die Fehler beseitigt hätten“, meint wiederum Jürgen Hesselbach, Präsident derTU Braunschweig. Genau das hätten auch die Gremien aller beteiligten Universitäten dem Land empfohlen – seien damit aber nicht durchgedrungen.

Für Studierende und Wissenschaftler ändere sich dadurch in der Praxis zunächst nichts. Allein die NTH-Gremien würden nicht weiter tagen, außerdem werde das für 2015 vorgesehene Fördergeld in Höhe von 5 Millionen Euro eingefroren.

Von Heiko Randermann

Mehr Mut!

Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic zeigt Mut. Sie hätte die NTH auch einfach vor sich hindämmern lassen können, der lautstarke Protest gegen den ungeliebten Hochschulverbund war längst verklungen. Doch diese Ruhe ist seit Dienstag vorbei, alle Beteiligten müssen sich wieder die Frage stellen: Wie viel Kooperation wollen wir? Und schon zeigt sich, dass das Aus für die NTH nicht das Ende der Strukturdiskussion ist, sondern ihr Anfang.

Die Grundzüge sind dabei die gleichen wie vor sechs Jahren: Die Region Hannover-Braunschweig schöpft ihr Potenzial nicht aus, sie ist international nicht so sichtbar, wie sie sein könnte – das hat auch die Evaluierungskommission festgestellt. Der Schlüssel dazu sind engere Kooperationen, doch die sind immer begleitet von Protesten.

Heinen-Kljajic will die Fehler ihres Vor-Vorgängers Lutz Stratmann vermeiden, doch auch sie wird sich irgendwann entscheiden müssen, ob sie ihre Vorstellung auch gegen Widerstände durchsetzt – oder ob sie davor kapituliert. Sie tut recht daran, jetzt erst die Universitäten arbeiten zu lassen. Aber es bleibt zu hoffen, dass ihr Mut sie auch am Ende des Prozesses nicht verlässt.

Heiko Randermann

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