Jade-Weser-Port

Niedersachsen hat ein neues Tor zur Welt

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Foto: Bremens Regierungschef Jens Böhrnsen (von links, SPD), Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) nehmen an der offiziellen Eröffnung des Jade-Weser-Ports teil.

Wilhelmshaven - Der Kleinkrieg ist vorbei: Zum Start des Jade-Weser-Ports erklingen in Wilhelmshaven nur versöhnliche Töne. Seit Freitag ist Deutschlands einziger Tiefwasserhafen eröffnet. Er soll zu einer "Drehscheibe des internationalen Seeverkehrs werden.

Irgendwie erinnert alles ans Oktoberfest - das riesige Zelt auf dem Hafengelände, die Stehtische und das Bier für die mehr als 1000 Gäste. Zünftig wird gefeiert an diesem Freitag in Wilhelmshaven. Der neue Tiefwasserhafen ist nach mehr als 15 Jahren Planung, Pannen und Streit endlich fertig. Das ist kein Anlass für Sekt, Hummer und große Gesten, es geht bodenständig zu - mit Jever-Pils, Häppchen und Bescheidenheit. „Maritim“ nennt der Betreiber, Eurogate-Chef Emanuel Schiffer, die Stimmung - was so viel heißen soll wie „gemütlich“. Das bedeutet auch: kein Kleinkrieg mehr über die Löcher in der Kaimauer, die Konkurrenz zu Bremerhaven oder die Hafengebühr, sondern Harmonie pur.

Das scheint auch zu gelingen, alles fügt sich zusammen. Als Ministerpräsident David McAllister lobend die Baufirma Bunte aus Papenburg hervorhebt und meint, es könnten eben auch niedersächsische Mittelständler einen Hafen bauen, klatschen die meisten Gäste. Darunter auch solche, die Bunte über Jahre als „Torfstecher aus dem Emsland“ verspottet hatten. Die alten Schlachten sind an diesem in Wilhelmshaven windigen, aber auch sonnigen Spätsommertag vorbei, zumindest herrscht Waffenstillstand. Sogar die niedersächsischen Wahlkämpfer wirken auf einmal unverkrampft. McAllister ist glänzend gelaunt und beginnt, in Fernsehinterviews englisch zu antworten: „It’s a great day for Germany.“ Sein Gegenspieler im Landtag, Olaf Lies von der SPD, umarmt viele Besucher und wiederholt auch seine alten Klagen über das „Missmanagement“ beim Hafenbau nicht. Er spricht lieber über die enormen Chancen des Hafens. Und Philipp Rösler, FDP-Chef und Bundeswirtschaftsminister, wird an diesem feierlichen Tag sogar fast philosophisch, als er über den bedeutsamen Frachtschiffverkehr in der Weltwirtschaft der Zukunft spricht. Bis 2025 werde sich der Containerumschlag verdoppeln oder verdreifachen - und dann werde Wilhelmshaven eine wichtige Rolle spielen. „Wir Norddeutschen wissen das.“

Von solch starkem Wachstum spürt man derzeit jedoch nur wenig. 100 Meter vor dem Festzelt ist die Kaimauer, links liegt das havarierte Frachtschiff „MSC Flaminia“ mit seinen verkohlten Containern, ein trostloser Anblick. Hier passiert an diesem Freitag nichts. Rechts liegt die „Maersk Laguna“ zur Entladung bereit, das erste hier regulär angekommene Containerschiff. Ein wenig verloren wirkt alles auf dem ausladenden Hafenareal, das „viermal so groß ist wie der Vatikanstaat“, wie Hafengeschäftsführer Axel Kluth scherzhaft erklärt. Aber die Dimensionen sind jetzt noch überschaubar. Die ­„Maersk Laguna“ ist 300 Meter lang, 45 Meter breit und mit 7400 Containern beladen. Das sind noch nicht die gigantischen Ausmaße der nächsten Schiffsgeneration, für die der Jade-Weser-Port gerüstet ist - aber immerhin: „Vor fünf Jahren war es das größte der Welt“, sagt Eurogate-Chef Schiffer. Die Zeiten ändern sich eben, und alle Gäste der Feier rechnen fest mit einem Aufschwung.

Die ersten Festredner beginnen schon, nächste Ziele zu definieren. Von einem Großflughafen neben dem Hafen ist zwar nicht die Rede, obwohl diese Idee vor 40 Jahren entstand, als Wilhelmshavens Stadtbaurat Ulrich Tappe die ersten Pläne vorstellte. Alles wurde dann eine Nummer kleiner. Aber der CDU-Politiker Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, will wenigstens eine gute Hinterlandanbindung über Straßen und Autobahnen. Dazu gehöre auch die Küstenautobahn 20 nach Osten, die Schleswig-Holstein noch blockiert. Auch hierfür gibt es Applaus, über Parteigrenzen hinweg.

Das Publikum will gute Laune. Als über eine Liveschaltung zur Kaimauer verbunden wird, wo die Eurogate-Hafenarbeiter den ersten Container aus der „Maersk Laguna“ holen, mit einem der größten Kräne der Welt, kocht die Stimmung richtig hoch. Die Premiere naht. Die Leute jubeln und klatschen, und ein Hafenarbeiter bekennt: „Unsere Leute sind heiß wie Frittenfett, wir brennen darauf, dass es jetzt endlich losgeht.“ Da lacht der ganze Saal. Es ist wie beim Oktoberfest, eine Mordsgaudi.

Der Hafen

  1. Was ist das Besondere am neuen Hafen? Der Jade-Weser-Port hat eine Fahrrinnentiefe von 18 Metern. Deutschlands einziger Tiefwasserhafen ist fit für die nächste Generation der riesigen Containerschiffe. Die geringe Entfernung (23 Seemeilen) zum offenen Meer ist darüber hinaus ein Vorteil für die Schiffskapitäne, die oft unter enormen Zeitdruck arbeiten müssen. Außerdem ist der Hafen tideunabhängig, die Wassertiefe bleibt also immer gleich.
  2. Welche Schiffe werden anlegen? Die größten Containerschiffe der Welt können hier festmachen. Sie sind bis zu 400 Meter lang und haben über 16 Meter Tiefgang. Zunächst steuern zwei Containerschiffe wöchentlich den Hafen an, beide von der Firma Maersk, die mit den Betreibern Eurogate zusammenarbeitet. Ein Schiff kommt von der Fernost-Linie, die Europa mit China verbindet, ein anderes von der Südamerika-Linie.
  3. Wie werden die Container weitertransportiert? Die Autobahn 29 wurde verlängert, sie endet direkt am Hafen. Eine Anbindung an die Bahn mit 16 Gleisen ist vorgesehen, der Anschluss soll Ende des Jahres fertig sein. Allerdings gibt es noch Probleme zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg. Die Strecke soll zweigleisig werden, bisher ist eine Oberleitung nicht intakt. Ein Vorteil des Jade-Weser-Ports ist die Logistikzone, auf der sich Betriebe ansiedeln können, die die Ware direkt weiterverarbeiten. So etwas gibt es weder in Hamburg noch Rotterdam. Bis jetzt hat sich in dieser Zone nur die Firma Nordfrost angesiedelt.
  4. Wie viele Arbeitsplätze entstehen? Nach einer Studie werden mit der Inbetriebnahme des Containerterminals rund 430 hoch qualifizierte, 2000 mittel qualifizierte und etwa 300 niedrig qualifizierte Arbeitsplätze entstehen. Hinzu kommen Stellen durch die Ansiedlung hafennaher Industriebetriebe.

Drei Häfen im Vergleich

Jade-Weser-Port Hamburg Rotterdam
Tiefgang 18 Meter 12,8 Meter 24 Meter
Umschlag 2,7 Millionen TEU** 7,9 Millionen TEU* 11,9 Millionen TEU*
Fläche 0,8 Hektar 7300 Hektar 10.500 Hektar
Schiffsbesuche 104/Jahr*** 11.000/Jahr 34.000/Jahr
Kailänge 1725 Meter 41 Kilometer 64 Kilometer
Entfernung Meer 23 Seemeilen 70 Seemeilen 7 Seemeilen

*TEU Standardcontainer, **Prognose, ***zum Start

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