Karnevalsumzüge

Wo Niedersachsens Jecken feiern

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Niedersachsens Jecken feiern in den kommenden Tagen an vielen Orten Karneval.

Hannover - Niedersachsens Jecken feiern in den kommenden Tagen an vielen Orten Karneval. Der Startschuss für die zahlreichen Umzüge fällt eine Woche vor Rosenmontag in Damme im Landkreis Vechta. Den größten Karnevalsumzug feiert Braunschweig mit bis zu 250.000 Zuschauern. In Hannover werden 80.000 Karnevalisten am Kröpcke erwartet.

Die Kostüme sind genäht, die Wagen gebaut, die Bonbontüten gefüllt: Zahllose Freunde des Faschings in Niedersachsen freuen sich auf die Umzüge in den kommenden Tagen. 106 Vereine sind im Karnevalverband Niedersachsen organisiert. „Wir vertreten rund 10.000 Karnevalisten“, sagt Verbandspräsident Karl-Heinz Thum. Traditionell machen die Jecken in Damme im Landkreis Vechta den Anfang bereits am kommenden Montag. Wegen eines faschingsfeindlichen Bischofs feiern sie seit 1892 immer schon eine Woche vor Rosenmontag.

„Der Bischof von Münster wollte dem närrischen Treiben 1892 Einhalt gebieten und ordnete während der Fastnacht ein 40-stündiges Gebet an“, berichtet Wolfgang Friemerding, Präsident der Dammer Carnevalsgesellschaft von 1614. „Im streng katholischen Damme musste dieser Anweisung natürlich Folge geleistet werden.“ Die Dammer hatten aber eine Antwort parat: Sie zogen die Fastnacht einfach eine Woche vor – dabei ist es bis heute geblieben.

So werden am kommenden Montag beim „Dammer Rosenmontag“ rund 200 Wagen und Gruppen sowie 25 Musikkappellen auf der 4,2 Kilometer langen Strecke unterwegs sein. Die Veranstalter der Dammer Carnevalsgesellschaft rechnen bei gutem Wetter mit rund 100.000 Zuschauern. Von den 16.500 Einwohnern Dammes seien rund 9000 als Mitwirkende aktiv, betont Friemerding. Die Dammer haben zwar am Montag frei, aber damit auch Auswärtige mitfeiern können, findet bereits am Sonntag vor dem „Dammer Rosenmontag“ ein Umzug statt. An beiden Tagen ist um 12.33 Uhr Beginn.

 An der Küste: Niedersachsens nördlichsten Karneval feiert Cuxhaven. Dort treffen sich rund 30 Akteure und 150 Zuschauer am nächsten Sonnabend ab 19.11 Uhr zum Sitzungskarneval in der Kugelbake-Halle. „Im Gegensatz zu den Karnevalshochburgen des Landes haben wir es hier schwer“, sagt Martin Gebhard von der Cuxhavener Karnevalsgesellschaft.

 Ossensamstag : Die Osnabrücker feiern in diesem Jahr am Valentinstag. Karnevalspräsident Rainer Möllers rechnet mit rund 60 000 Menschen in der Innenstadt. Der „Ossensamstag“ beginnt am 14. Februar um 14 Uhr.

 Ohne große Politik: In Ganderkesee wird Wert darauf gelegt, dass Fasching gefeiert wird, kein Karneval. „Das haben unsere Vorfahren so festgelegt“, sagt Ralf Hüttemeyer. Beim zweistündigen Umzug am 14. Februar zeigen die Festwagen ab 14 Uhr weniger die großen politischen Themen als „das, was die Menschen vor Ort bewegt“, so Hüttemeyer. Rund 3500 Mitwirkende verteilen sich auf 105 Festwagen und Fußgruppen. Erwartet werden rund 40.000 Zuschauer. In Ganderkesee müssen Gäste 5 Euro Eintritt zahlen.

 An der Leine: Der große Karnevalsumzug in Hannover beginnt nach Angaben der Stadt am 14. Februar um 13.11 Uhr am Kröpcke und endet gegen 15 Uhr. 2014 feierten rund 2000 Teilnehmer mit 80.000 Zuschauern.

Der Größte: Einen Tag später sind die Braunschweiger Karnevalisten an der Reihe. „Wir feiern hier den größten Karneval in Norddeutschland“, sagt Zugmarschall Gerhard Baller. Der rund sechs Kilometer lange Umzug startet am 15. Februar um 12.40 Uhr am Europaplatz und endet gegen 17 Uhr an der Stadthalle. Die 4500 Mitwirkenden werden je nach Wetter von 180.000 bis 250.000 Zuschauern begleitet. „Von den Wagen werden etwa 30 Tonnen Süßigkeiten geworfen“, sagt Baller.

An der Weser: In Stolzenau im Landkreis Nienburg beginnt der große Umzug am 15. Februar um 14 Uhr. Er dauert rund drei Stunden. Erwartet werden 1200 Teilnehmer und bis zu 30.000 Besucher.

„Der Karneval ist ein Ventil“

Herr Hodemacher, der Karneval ist doch eine rheinische Angelegenheit. Wie kommt er denn nach Niedersachsen? Das denken ja viele, dass die Ursprünge des Karnevals im Rheinland liegen. Die erste urkundliche Erwähnung findet sich aber in Braunschweig. Im Stadtbuch ist eine erste Erwähnung des Schoduvels bereits im Jahr 1293 nachweisbar. Die Tradition in Köln reicht lediglich bis ins Jahr 1341 zurück.

Was ist denn der Schoduvel? Das Wort setzt sich zusammen aus „Duvel“ für Teufel und „Scho“ für Scheuchen. Zum Karneval wurden die bösen Geister des Winters vertrieben und der Frühling begrüßt. Mägde und Knechte scheuchten damals eine Schoduvel-Figur durch die Braunschweiger Gassen. Das war der erste Straßenkarneval.

Warum gibt es denn in einigen Städten wie Osnabrück, Damme und Braunschweig einen ausgeprägten Karneval, in anderen niedersächsischen Gegenden hingegen nicht? In Städten wie Braunschweig liegt es an der Tradition. In Gegenden wie Damme oder Osnabrück spielt die Religion eine wichtige Rolle. Die katholischen Gebiete leben die Fastenzeit, die am Aschermittwoch beginnt, noch intensiv. Am Vorabend der Fastenzeit wurde und wird noch mal richtig auf den Putz gehauen.

Welche Funktion hat denn der Karneval, außer gute Laune zu verbreiten? Es gibt ja bei den Umzügen Wagen mit politischen, in Braunschweig vor allem kommunalpolitischen Aussagen. Die Bürger haben dabei die Möglichkeit, es der Obrigkeit mal so richtig zu zeigen – wie es früher Till Eulenspiegel tat. Der Karneval war und ist ein Ventil. Ich lege auch großen Wert darauf, dass Büttenreden einen politischen Inhalt haben. Allerdings keinen parteipolitischen, das ist auch wichtig. Ich stehe nun seit 50 Jahren in der Bütt. Der frühere niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Glogowski hat mir mal ein schönes Kompliment ausgesprochen. Er sagte, er kenne alle meine Büttenreden, aber wisse bis heute nicht, welcher Partei ich angehöre. So soll es im Karneval sein.

Hat er auch eine soziale Funktion? Unbedingt. In unserer Braunschweiger Karnevalsgesellschaft etwa sind mehr als 100 Kinder und Jugendliche aktiv und lernen eine Menge. Zudem gehen wir in Alten- und Seniorenheime und besuchen dort die Menschen, die nicht mehr zu uns kommen können.

Jürgen Hodemacher, Historiker und Autor von Büchern über den Karneval.

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