Angst vor der Vogelgrippe

Noch bleiben die Ställe offen

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Wollen nicht unter Dach und Fach: Gänse, die ein Leben in Freiheit gewohnt sind, würden sich in einem Stall blutige Rangordnungskämpfe liefern.

Hannover - Nach dem Auftreten einer hochansteckenden Variante der Vogelgrippe in Mecklenburg-Vorpommern und den Niederlanden fordert die Geflügelwirtschaft in Niedersachsen die Stallpflicht. Sollen Hühner, Gänse und Enten eingesperrt werden? Gute Gründe haben beide Seiten.

Das Land Niedersachsen will nun zunächst eine Bewertung des Friedrich-Löffler-Instituts abwarten.

Wann darf eine Stallpflicht verhängt werden? Für eine Stallpflicht braucht es eine entsprechende Risikobewertung. Das bedeutet, dass die Behörde - ob nun Landkreis, Bundesland oder Bundesregierung - verpflichtet ist, die Situation gründlich zu analysieren und in Absprache mit anderen Behörden und Instituten eine abgewogene Entscheidung zu treffen. Das kann insbesondere dann wichtig werden, sollte jemand gegen die Maßnahme klagen.

Was soll eine Stallpflicht bringen? „Mit der Aufstallung soll das Risiko einer Ansteckung minimiert werden“, sagt Dieter Oltmann, Geschäftsführer des Geflügelwirtschaftsverbands. Es sei erwiesen, dass Wildvögel das hoch ansteckende H5N8-Virus übertragen können, deshalb müsse man versuchen, den Kontakt zu Nutztieren zu verhindern. Eine absolute Sicherheit gegen eine Ansteckung gebe es aber auch mit Stallpflicht nicht, sagt auch Oltmann.

Was spricht gegen die Stallpflicht? Es gibt Vogelarten, die man nicht einfach nach einem Leben in Freihaltung in einen Stall stecken kann. Auf dem engen Raum fangen sie mit Rangordnungskämpfen an, verletzten oder töten sich sogar gegenseitig. So zum Beispiel die Gänse, die derzeit für das Weihnachtsfest gezüchtet werden. Ein weiteres Problem haben vor allem Hobbyhalter: Sie haben keinen Stall, der groß genug wäre, um ihr Federvieh dauerhaft darin aufzubewahren. Außerdem gibt es in Niedersachsen immer mehr Legehennenhalter, die sich auf Eier aus Freilandhaltung spezialisiert haben.

Dürfen Eier aus Freilandhaltung noch als solche verkauft werden, wenn die Hühner eingesperrt werden? Nur wenn es eine behördliche Anordnung zur Aufstallung gibt. Dann dürfen die Hennen bis zu zwölf Wochen im Jahr eingestallt sein und ihre Eier dennoch als Freilandeier verkauft werden. Wird aber ein Hennenhalter jetzt nervös und sperrt seine Hühner ein, ohne dass es eine behördliche Stallpflicht gibt, wäre ein Verkauf der Eier als Freilandeier ein Etikettenschwindel - und wäre damit verboten.

Warum haben zwei Landkreise bereits eine Stallpflicht verhängt? Die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim haben die Stallpflicht bereits am Freitag verhängt, nachdem ein Auftreten des H5N8-Virus im niederländischen Zwolle festgestellt wurde, nur etwa 50 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Diese geografische Nähe erlaubt ihnen, diese Maßnahme zu ergreifen.

Ein Virus aus Asien

Es gibt drei Typen von Grippeviren: A, B und C. Die gewöhnlich beim Menschen auftretende Grippe wird von Viren der Typen A und B verursacht, die weltweit vorkommende Vogelgrippe von Erregern des Typs A. Die Viren enthalten auf ihrer Oberfläche Eiweiße, die mit der Abkürzung H (Hämagglutinin) und N (Neuraminidase) bezeichnet werden. Es gibt 16 H-Subtypen und 9 N-Subtypen. Je nach der Kombination dieser Stoffe in der Hülle des Virus entstehen Namen wie etwa H5N8. Wasservögel sind die natürlichen Wirte solcher Viren. Sie erkranken gewöhnlich kaum. Bei Hühnern, Puten und Gänsen mutieren die Viren der Subtypen H5 und H7 dagegen zu hochansteckenden Formen, die die eigentlichen Erreger der Geflügelpest darstellen. Das nun in Europa aufgetauchte Virus H5N8 war zuvor aus Asien bekannt. Wie es nach Europa kam, ist offen.

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