Weitere Regenschauer angekündigt

Noch keine Entwarnung für Hochwassergebiete

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Massive Regenschauer haben in der Nacht zu Mittwoch die Gemeinde Sarstedt bereits überflutet – doch weitere Niederschläge sind angekündigt.

Sarstedt/Bad Grund - Die Pegel von Aller, Leine, Innerste & Co. sinken - aber für Entwarnung ist es noch zu früh. Weitere heftige Regenschauer sind angekündigt. Einzig die Gummistiefelindustrie dürfte sich über die Fluten freuen.

„Jeder Tropfen Regen ist einer zu viel“, sagt Matthias Quintel, Sprecher des Einsatzteams in Sarstedt. In der 18.000-Einwohner-Stadt zwischen Hannover und Hildesheim heißt es „Land unter“. 200 Feuerwehrleute kämpfen seit Sonntag gegen die Fluten. 13000 Sandsäcke haben sie bisher verteilt. Mehrere hundert Keller stehen nach heftigen Regenfällen am Mittwoch unter Wasser. Zwei Autos gehen in den Fluten verloren. Zwei Grundschulen müssen geschlossen bleiben. Etwa 700 Schüler haben frei. Ausnahmezustand in Sarstedt.

„Wenn wir die Kanäle nicht abpumpen, wird die komplette Innenstadt überflutet“, sagt Friedhelm Weiß, der mit seinen 30 Kameraden an der Innerste gegen die Wassermassen kämpft. Vor einem alten Fachwerkhaus an der Gartenstraße pumpen die Feuerwehrleute den Kanal aus. Dahinter schießt in einem breiten Strahl das Wasser zurück in den bereits überfüllten Fluss. Die Männer stapeln Sandsäcke. „Es sieht bedrohlich aus“, sagt Ulrike Noack. Sie wohnt seit 20 Jahren in diesem Haus. So etwas hat sie noch nicht erlebt, weder bei der Flut 2002 noch 2007. Sie hofft, dass der Sandsackwall nicht gebraucht wird. Doch es ist Regen angesagt für die nächsten zwei Tage - viel Regen. Der Boden kann kein Wasser mehr aufnehmen. Steigt der Fluss nur um ein paar Zentimeter, dann steht das Wasser im Wohnzimmer.

Dasselbe Problem besteht im Harz. In Windhausen im Landkreis Osterode sind am Dienstag die Wassermassen in kurzer Zeit von den umliegenden Bergen in die Stadt im Tal gebraust. Mehrere kleine Flüsse seien plötzlich „zu reißenden Strömen“ geworden, sagt Uwe Schiller, Leiter der Versorgungsbetriebe Bad Grund. Das Wasser entwurzelte Bäume und Böschungen und riss Felsbrocken mit sich. „Wahnsinn“, sagt Maria Birkefeld. Sie steht auf der Brücke vor dem Rathaus in Windhausen. Einen Tag vorher stand dort noch das Wasser. Unter der Straßenüberführung ist ein Loch in der Mauer am Fluss: Ein Meter mal ein Meter. Vor der Flut war gab es dieses Loch noch nicht. Ein gewaltiger Brocken hat sich losgelöst, nicht nur dort.

Momentan müssen die Menschen im Kreis Osterode auch noch ihr Trinkwasser abkochen, denn die starken Regenfälle haben es verdorben. Zwar sei die Lage wieder etwas besser, aber eine Entwarnung gibt es noch nicht. „So etwas hat es hier in 120 Jahren nicht gegeben“, sagt Uwe Schiller.

Am Mittwoch kämpfen viele helfende Hände gemeinsam gegen das Chaos. Auf die Frage wo das Hochwasser hin ist, antwortet Schiller: „Heute scheint hier die Sonne.“ Es klingt eine riesige Erleichterung durch, dass am gestrigen Morgen noch nicht geschah, was angekündigt ist: Regen. Auch in Windhausen ist der Boden bereits voller Waser. Doch es werden noch 50 Liter Niederschlag pro Quadratmeter erwartet.

„Das Wasser aus dem Harz hat auch bei uns in Sarstedt den Pegel steigen lassen“, erklärt Feuerwehrmann Friedhelm Weiß. Gestern wurde der Boksbergteich zur neuen Problemzone. Dieser regelt den Grundwasserspiegel. Jetzt kann er kein Wasser mehr aufnehmen - und der Pegel steigt. Zudem fließt aus dem Harz schon jetzt wieder mehr Wasser Richtung Sarstedt. Denn der Abfluss aus der Innerstetalsperre ist verstärkt worden, auch dort drohte ein Überschwappen.

Immerhin, die Feuerwehrleute nehmen es mit Humor. Obwohl sie seit Sonntag von morgens bis abends im Einsatz an den Pumpen sind. „Die Menschen unterstützen uns, keiner ist mürrisch“, sagt Feuerwehrmann Weiß. Die Männer werden von den Sarstedtern versorgt. „Mein Mann ist gerade einkaufen für die Kameraden“, verrät Ulrike Noack, während die Menschenkette der Feuerwehr die Sandsäcke vor ihrem Fachwerkhaus immer höher stapelt.

Gummistiefel ausverkauft

Regale leer : Mit einer solchen Nachfrage hatte im Mai offensichtlich niemand gerechnet. Bereits am Dienstag waren in den Braunschweiger Baumärkten Tauchpumpen sowie Nass- und Trockensauger vergriffen. Sogar die Ausstellungsstücke seien verkauft worden. Die Gummistiefelregale sind seit Mittwochmittag komplett leer geräumt. Am heutigen Donnerstag rechnen die Marktbetreiber allerdings mit Nachschub.

Bauern klagen : Niedersachsens Bauern kämpfen mit überfluteten Feldern. Das Hochwasser setzt vor allem den erst kürzlich ausgesäten Maispflanzen und Zuckerrüben zu. „Die kleinen Pflanzen saufen ab“, teilt Gabi von der Brelie, Sprecherin des Landvolks Niedersachsen, mit. Wenn die Felder länger überflutet sind, könne es sein, dass sie neu bestellt werden müssen. Auch die Erdbeerernte wird sich durch das nasskalte Wetter verzögern.Hund gerettet : Beim Spaziergang mit seinem Frauchen auf einem überschwemmten Weg im Braunschweiger Stadtteil Riddagshausen ist am Dienstag ein Hund in die Strömung der Mittelriede geraten. Die Feuerwehr rettete das Tier vor dem Ertrinken, indem sie mit einer Kettensäge drei Bohlen einer Brücke durchtrenne, unter die der Vierbeiner gespült worden war.

Kaffee für die Helfer : Ein Spielwarengeschäft wurde für die Einsatzkräfte am Mittwoch zur Insel. Das etwa 50 Meter von der Innerste entfernt gelegene Fachwerkhaus ist vom Hochwasser bislang verschont geblieben. „Als wir den Laden am Morgen öffneten, waren bereits mehrere Einsatzwagen vor Ort“, berichtet Inhaber Thierry Duval. Kurzerhand entschloss er sich, den ganzen Tag über Tee und Kaffee an die Hilfskräfte zu verteilen. „Damit werden wir weitermachen, bis sich die Lage entspannt.“

Michael Pöhls/lni

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