Eingriffe in Niedersachsen

Im Nordwesten wird viel operiert

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Hannover - In bestimmten Regionen Deutschlands werden Kindern acht Mal häufiger die Mandeln entfernt als anderswo. Besonders im Nordwesten Niedersachsens wird viel operiert.

Ähnlich große Unterschiede gibt es bei Eingriffen an Prostata und Blinddarm oder beim Einsetzen eines Defibrillators am Herzen. Zu diesem Ergebnis kommen Studien der Bertelsmann-Stiftung und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die am Freitag veröffentlicht wurden. „Offensichtlich spielen hier andere Faktoren eine Rolle als nur die medizinische Notwendigkeit“, sagte Jörg Niemann, Leiter der niedersächsischen Landesvertretung der Ersatzkassen.

Besonders im Nordwesten Niedersachsens wird viel operiert. In Delmenhorst ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder ihre Mandeln verlieren, dreimal höher als im Landkreis Peine. Auch Cloppenburg, Leer, Wesermarsch und Ammerland gehören zu den 20 Kreisen mit den höchsten Raten von Mandeloperationen bundesweit. Für das Emsland verzeichnet die Untersuchung je 10.000 Einwohner 63 Blinddarmentfernungen – für Wolfsburg hingegen nur 17 Operationen. Die Region Hannover liegt meist unauffällig im Mittelfeld.

Bei den Krankenkassen hält sich schon länger der Verdacht, dass in manchen Kliniken häufiger operiert wird als in anderen, um Betten besser auszulasten. Die Krankenhäuser verweisen hingegen darauf, dass sie ihre Patienten nicht „mit dem Lasso einfangen“.

Das sieht die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) ähnlich. „Regionale Unterschiede sind immer abhängig von der Bevölkerungsstruktur“, sagte ein KVN-Sprecher. So gebe es beispielsweise in der Region Cloppenburg überproportional viele Kinder und Jugendliche, sodass die Entfernung der Mandeln dort häufiger vorkomme als anderswo.

Das Argument lassen auch die Autoren der Studie gelten – sie weisen aber darauf hin, dass sich hohe Abweichungen bei Blinddarm- oder Kniegelenksoperationen dadurch nicht erklären lassen. Vielmehr seien solch große regionale Unterschiede „ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme“, erklärte OECD-Direktor Mark Pearson.

Einig sind sich die Experten, dass das Fehlen klarer medizinischer Leitlinien die Gefahr von regionalen Unterschieden vergrößert. Ärzten müsse ein „Handlungskorridor“ für operative Eingriffe vorgegeben werden, heißt es in der Studie. Darüber hinaus gelte es, die Diagnosen zu verbessern, sagte der Vize-Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover, Andreas Tecklenburg. „Auch für die Indikation brauchen wir eine Qualitätssicherung.“

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