Prozess gegen mutmaßlichen Piraten

„Nur noch in Lumpen gekleidet“

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Foto: Das entführte Schiff "Marida Marguerite", fotografiert am 01.05.2010 nach der Freilassung vor der omanischen Küste.

Osnabrück - Seit Januar wird am Osnabrücker Landgericht gegen einen mutmaßlichen somalischen Piraten verhandelt. Der Prozess könnte vor Ostern zu Ende gehen. Zeugen schilderten das Martyrium der Besatzung.

Die Besatzung des von Piraten gekaperten Tankers "Marida Marguerite" hat während der achtmonatigen Entführung im Jahr 2010 Todesängste ausstehen müssen. Zwei Zeugen schilderten am Dienstag in der Verhandlung am Landgericht Osnabrück, wie unter anderem die Offiziere misshandelt und gefoltert wurden. Der Kapitän musste unter anderem eine Scheinhinrichtung über sich ergehen lassen.

Er war auch 21 Tage lang in seiner Kabine an einem Stuhl gefesselt. Zur Verrichtung ihrer Notdurft hatten die Gefangenen zeitweise nur eine Minute Zeit. Wer länger brauchte, sei mit einem Stock geschlagen worden, berichtete der Ermittlungsleiter des Landeskriminalamtes aus Zeugenbefragungen. Seit Januar steht ein 44 Jahre alter Somalier vor Gericht, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, eine führende Rolle bei dem Geiseldrama gespielt zu haben.

Das Schiff war vom 8. Mai bis Ende Dezember 2010 in den Händen der Entführer. Die Reederei aus Haren an der Ems hatte fünf Millionen US-Dollar Lösegeld gezahlt. Auch ein Vertreter der Reederei schilderte die Misshandlungen. Als er nach der Entführung das Schiff betreten habe, seien den 22 Männern der Besatzung die Strapazen deutlich anzusehen gewesen. "Sie waren nur noch in Lumpen gekleidet, sie hatten nichts mehr."

Das Schiff war verdreckt und beschädigt. Die Reederei zahlte den überwiegend aus Indien und Bangladesch stammenden Seeleuten eine Sofortentschädigung von 3000 Dollar pro Mann. Sie bekamen von einer Versicherung zusätzlich zwischen 20 000 und 40 000 Dollar. Auch eine psychologische Betreuung sei in ihren Heimatländern bereitgestellt worden, die zum Teil auch noch heute in Anspruch genommen werde.

Einige, wie der indische Kapitän, hätten ihren Beruf aufgegeben. Der Angeklagte hatte sich in der vergangenen Woche erstmals zu den Vorwürfen geäußert und eingeräumt, sich gelegentlich als Verkäufer der Kaudroge Kath an Bord aufgehalten zu haben und teilweise auch mit einer Kalaschnikow die Besatzung bewacht zu haben. Er sei aber kein Geldgeber der Entführer gewesen und habe auch von den Folterungen nichts gewusst. An den nächsten drei Verhandlungstagen sollen Besatzungsmitglieder als Zeugen gehört werden. Möglicherweise gibt es nach Angaben des Gerichts noch vor Ostern ein Urteil.

dpa

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