Zwillingsmühle wird neu aufgebaut

Oben ohne

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„Christian“ ist schuld: Während die rote Mühle (rechts) den Sturm unbeschadet überstanden hat, weist ihr Zwilling große Schäden auf. dpa

Greetsiel - Orkantief „Christian“ zerstörte Ende Oktober das Wahrzeichen Ostfrieslands. Nun beginnt der Wiederaufbau einer der Zwillingsmühlen in Greetsiel. Doch ohne Spenden bewegt sich wenig.

Greetsiel ohne Zwillingsmühlen ist wie Berlin ohne Brandenburger Tor. Doch das Wahrzeichen Ostfrieslands ist angeknackst, seitdem Ende Oktober Orkantief „Christian“ mit 160 Kilometern pro Stunde über den Ort hinwegfegte. Während der rote Zwilling sturmfest blieb, wurde die grüne, 130 Meter entfernt stehende Holländermühle, arg in Mitleidenschaft gezogen. Flügel und Kappe rissen ab, die Galerie sowie Teile des Mauerwerks wurden beschädigt. Doch Grün ohne Rot und umgekehrt - das funktioniert zumindest nicht in Greetsiel. Und während die Ostfriesen erst kürzlich Orkantief „Xaver“ gelassen erlebten, hat „Christian“ das Bild einer ganzen Region verändert. Die beschädigte Mühle soll schnellstmöglich wiederaufgebaut werden. Das kostet. Von 300 000 bis 400 000 Euro ist die Rede. Erst ein versierter Mühlengutachter aus Holland wird wohl den genauen Preis nennen können.

Immerhin sind bis heute schon 90 000 Euro an Spenden zusammengekommen. Kein Geschäft, kein Lokal im Ort, das nicht mindestens eine Spendendose auf dem Tresen stehen hat. Alles wird getan, um die Postkartenidylle wiederherzustellen. Wer nach Greetsiel kommt, wird gleich am Ortseingang von den berühmten Zwillingsmühlen begrüßt, bevor man ins kleine, fein herausgeputzte Fischerdorf gelangt. Regelmäßig fahren 25 Krabbenkutter aus dem schmucken Hafen auf die Nordsee hinaus, damit gehört Greetsiel zu den größeren deutschen Kutterhäfen. Ansonsten lebt der Ort vom Tourismus. In den Sommermonaten, wenn 4000 Gäste auf 1500 Einwohner treffen, flanieren die Besucher durch die engen Gassen auf der Suche nach einem freien Platz in einer der vielen Teestuben. Eine davon gab es auch in der grünen Mühle. Der Verein hofft nun, dass die Gastronomie noch vor Weihnachten wieder geöffnet werden kann. Greetsiel ist auch um diese Zeit ausgebucht. Erst vor ein paar Tagen hat die 60-Plus-Herrengruppe vom heimischen Sportverein das Außenpflaster vor dem Café neu verlegt. Bis aber Flügel und Kappe wiederhergestellt sind, kann es noch dauern.

An den Montag im Oktober, als „Christian“ wütete, kann sich Jürgen Müller noch ganz genau erinnern. 50 bis 60 Leute hätten mit Tränen in den Augen zugesehen, wie Flügel und Kuppe der 1856 erbauten Mühle durch Windböen abgerissen wurden und auf die Erde krachten. „Das war ein ergreifender Moment“, schwäbelt Müller, der Greetsiel von vielen Urlauben her kennt. Vor vier Jahren ist er aus Ludwigsburg an die Küste gezogen, seit drei Jahren ist er Präsident des Mühlenvereins.

Frank Schoof stand am stürmischen Unglückstag neben ihm. Der Ostfriese hat sogar noch versucht, das Schlimmste zu verhindern. Schoof ist der Besitzer der roten Mühle, in der er einen Bioladen betreibt. „Wir mahlen auch noch für Futtermittel“, sagt der 50-Jährige. Wie sein Vater und Großvater ist auch Schoof gelernter Müller - die Mühlen sind seine Familie. Als Schoof sah, dass sich die Flügel vom grünen Zwilling trotz angezogener Bremse im Sturm drehten, stieg er zusammen mit seinem Neffen auf die Mühle hinauf. Oben habe es nach Rauch gerochen. Die Ringbremse aus Holz fing schon an zu qualmen, so groß war die Reibungshitze. Die Bremse hatte sich gelöst, weil ein Eisenhaken unter der Gewalt des Sturms aufgebogen war. „Wir haben uns dann zu zweit auf den Bremsbalken gestellt“, erzählt Frank Schoof. Doch als auch das nicht half, musste er die Mühle schnell verlassen. Und so konnte Schoof nur noch zusehen, wie eine Stunde später die grüne Kappe brach. Immerhin kam der rote Zwilling ohne Schaden davon. Das mag auch daran liegen, dass die beschädigte Mühle auf einer Warft, einem Hügel, steht.

Der Mühlenverein muss sich auch Wochen nach dem Unwetter die Kritik anhören, dass die zerstörte Mühle nicht versichert ist. Jürgen Müller wehrt sich dagegen. „Eine solche Versicherung ist nicht bezahlbar - schon gar nicht für uns als Verein“, sagt er. Auch Mühlenbesitzer Schoof hat keine Sturmversicherung abgeschlossen: „Das würde mich etwa 4500 Euro im Jahr kosten.“ Nach der Erfahrung mit Orkantief „Christian“ soll jetzt allerdings über Möglichkeiten einer Versicherung nachgedacht werden, Gespräche mit verschiedenen Institutionen laufen.

In Greetsiel hofft man weiter auf viele Spender. Von überall her. Dabei hilft auch Facebook. Über das soziale Netzwerk kam schon einiges an Geld zusammen. Erst kürzlich, so erzählt Schoof, habe ein Junge sein Sparschwein abgegeben - ein wahres Zeichen.

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