Helau, Alaaf oder oans zwoa gsuffa?

Kann man Fasching und Wiesn vergleichen - ohne zu beleidigen?

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Lieber Oktoberfest oder Karneval?

München - Manche Münchner schimpfen über die Wiesn-Touristen in Billig-Dirndln und -Lederhosen und nennen die Wiesn "Trachtenfasching". Aber kann man Fasching mit dem Oktoberfest vergleichen? Beleidigt man damit nicht beide Seiten?

Ich bin Rheinländerin und arbeite für zwei Monate in München in der Redaktion unseres Partnerportals tz. Denke ich genauer darüber nach, dann gibt es einige Gemeinsamkeiten, die der Karneval beziehungsweise Fasching/Fastnacht mit dem Oktoberfest verbindet. Bevor ich ins Detail gehe, bringe ich uns kurz auf den gleichen Wissensstand: Wie sind die Feste überhaupt entstanden? Los geht's, in aller Kürze:

Die Anfänge der Wiesn und des Faschings

Das Oktoberfest geht auf die Hochzeit von Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen zurück. Die Heirat wurde am 17. Oktober 1810 mit einem großen Pferderennen gefeiert. Und weil das Fest so schön war, beschloss man, dass auch in den folgenden Jahren gefeiert werden sollte. Kurzerhand verlegte man das Fest in den September, um noch den letzten Altweibersommer mitnehmen zu können. Jahr für Jahr wuchs das Fest auf der Theresienwiese mit Schaustellern und Imbissständen und bekam so seinen Volksfestcharakter.

Beim Karneval gibt es kein Datum, das den Startpunkt der Erfolgsgeschichte markiert. Ähnlich wie bei der Wiesn gibt es aber einen festen Zeitraum, in dem gefeiert wird. Die Menschen feiern den Fasching vor der sechswöchigen Fastenzeit. In verschiedenen Ländern überall auf der Erde. Beim Fasching handelt es sich im Vergleich zur Wiesn nicht um ein Fest, sondern um einen Brauch aus dem Mittelalter. Warum die Leute Karneval feiern, ist schnell erklärt: Sie vertreiben den Winter. 

Die Gemeinsamkeiten: Alkohol, fünfte Jahreszeit und Musik

Nun aber zu den größten Gemeinsamkeiten von Fasching und Wiesn: die "fünfte Jahreszeit", seit dem 19. Jahrhundert sehr beliebt, große Besucherzahlen, viel Alkohol - mehr als manchem Besucher gut tut. Und es gibt eine traditionelle Vereinskultur: im rheinischen Karneval die Karnevalsgesellschaften, in Bayern die Trachtenvereine, die beim Trachtenumzug am ersten Wiesn-Sonntag mitlaufen. 

Für beide Veranstaltungen engagieren sich viele Menschen. Und diese bringen auch ihren eigenen Dialekt mit, es gibt in gewisser Weise eine eigene Sprache und ein eigenes Vokabular. Dabei klingen Bützje (Kuss im Karneval) und Busseln (Kuss auf bairisch) ja ganz ähnlich. Und wenn alle genug Bier und Schnaps im Blut haben, dann klingen der Karnevalist und der Bayer für Außenstehende gar nicht mehr so unterschiedlich. Oder habe ich jetzt jemanden beleidigt?

In den Wiesn-Zelten und beim Karnevalsumzug läuft eigene Musik, und wenn die Rheinländer, Mainzer und Münchner davon genug haben, steigen sie auf Mitgröl-Lieder von Helene Fischer und Mickie Krause um. Und wenn ich schon beim Thema Musik bin: Schunkelnde Menschen sind im Fasching und im Wiesn-Festzelt zu beobachten. 

Was sagen die Experten? Kann man Fasching und Wiesn vergleichen?

Wenn man diese ganzen Gemeinsamkeiten so sieht, die ich aufgelistet habe, müsste man doch denken, dass es gar keinen großen Unterschied macht, ob man jetzt zum Kölner Karneval oder zum Münchner Oktoberfest geht. Das sieht Daniela Sandner vom Deutschen Fastnachtmuseum ganz anders: "Natürlich meint man, dass es Gemeinsamkeiten gibt, aber die sind dann schon arg heruntergebrochen. Allein die Beweggründe, für die jeweilige Veranstaltung sind ja schon ganz andere. Das eine ist ein Volksfest und das andere ein Brauch." 

Zu dem Dirndl-Trend und dem Vorwurf der Verkleidung sagt die Ethnologin: "Bei einem Kostüm im Karneval schlüpft man in eine andere Rolle. Das Kostüm war von vornherein als Umkehrung der Ordnung gedacht, beim Dirndl spricht man vielleicht von einer Verkleidung, aber eigentlich ist das nicht so. Ein Dirndl ist ein traditionelles Kleidungsstück."

Ihr Kollege Michael Ritter vom Bayerischen Verein für Landespflege ist der Meinung, dass Dirndl und Lederhose nicht als Verkleidung angesehen werden sollten: "Die jungen Leute tragen doch die Tracht, um zu zeigen, dass sie dazugehören. Da kann die Tracht, sei sie noch so farbenfroh, nicht als Verkleidung bezeichnet werden. Außerdem stärkt das Tragen von Tracht das Traditionsbewusstsein der Leute und das ist doch nichts Schlechtes." Ritter hofft, dass dadurch alte Werte und Traditionen nicht in Vergessenheit geraten.

Fasching und Wiesn? Zwei Paar Schuhe!

Sandner und Ritter finden nicht, dass sich der Karneval und das Oktoberfest vergleichen lassen. Es handele sich um zwei verschiedene paar Schuhe. "Ja, es sind bestimmt Bräuche, die verweltlicht werden und auch das moderne Konsumverhalten wird gefördert, aber so ist das in der heutigen Zeit", sagt Ritter. Er sagt auch, dass die steigenden Besucherzahlen beider Feste zu den "mentalen Entwicklungen" passen: "Die Leute möchten heutzutage Tradition eher passiv erleben, indem sie sich Traditionen anschauen, wie den Trachtenumzug, die Umzüge zum Karneval oder eben den Besuch in einem Festzelt."

Die Gemeinsamkeit beider Veranstaltungen besteht aus Sanders Sicht nur in der Kommerzialisierung durch die Städte. "Sie müssen das so sehen: Die Städte verdienen ein Vermögen durch die Vermarktung der Heimat und die Effekte wirken wechselseitig. Der Tourist bekommt mehr gezeigt und die Stadt verdient mehr."

Übrigens lassen sich die Unterschiede genauso herunterbrechen, wie die zuvor aufgeführten Gemeinsamkeiten. Für die Wiesn gibt es ein extra gebrautes Bier, im Karneval sind die Feiernden weniger wählerisch bei der Alkoholauswahl. Und es gibt auch nicht den einen Ort für Karneval, es sind verschiedene Straßen, Plätze. Der Karneval ließe sich anders als das Oktoberfest 2016 niemals einzäunen.  

Und wenn man einem Jecken erzählen würde, dass sein Rosenmontagsumzug gleichzustellen wäre mit dem Einzug der Wiesn-Wirte oder dem Trachtenumzug - würde er sagen: Das geht gar nicht! So viel Mühe, die er monatelang in den Wagenbau gesteckt hat. Er würde sich genauso auf die Füße getreten fühlen wie der Wiesn-Besucher, dessen Lieblingszelt beleidigt wird. 

Und seien wir mal ehrlich: eine ordentliche Tracht und ein ordentliches Karnevalskostüm sind nicht vergleichbar, auch wenn beide Outfits einen stolzen Preis haben.Am Ende muss jeder selbst entscheiden, was ihm lieber ist. Und jeder muss sich eingestehen, dass es gewisse Ähnlichkeiten gibt. 

Übrigens muss man sich keinesfalls zwischen beiden Veranstaltungen entscheiden. Der bayerische Minister Markus Söder ist ein Narrenfreund und ein Wiesngänger.

Oktoberfest 2016: Der erste Tag in Bildern

Anna Farwick

Sie ist Rheinländerin und arbeitet für zwei Monate in der Online-Redaktion unseres Münchner Partnerportals tz. 

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