Lockerung des Friedhofszwangs

Opas Asche darf ins Wohnzimmerregal

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Schwerer Abschied: Wie in Wim Wenders’ Film „Don’t Come Knocking“ von 2005 wollen viele Angehörige die Asche ihrer Liebsten in ihrer Nähe wissen.

Bremen - Viele Hinterbliebene wollen die Asche ihrer geliebten Verwandten nahe bei sich wissen. In Bremen ist das künftig möglich. Als erstes Bundesland lockert der Stadtstaat den Friedhofszwang und erlaubt es Angehörigen, Urnen mit nach Hause zu nehmen - zumindest für zwei Jahre.

Familie Coners hat sich Zeit für den Abschied genommen. Die Familie aus Nordenham hat eine ganze Weile gebraucht, bis sie die Urne ihrer geliebten Frau und Mutter beigesetzt hat. Und sie hat die Asche länger zu Hause behalten, als es das Gesetz erlaubt. Thomas Coners war dankbar für jeden Tag, an dem der die Urne seiner verstorbenen Frau im Wohnzimmer stehen hatte. So konnte er in Ruhe überlegen, wie und vor allem wo er sie beisetzen wollte. „Ich und die Kinder wollten selbst entscheiden, ob Mama unter dem Apfelbaum im Garten oder auf dem Friedhof ihre letzte Ruhestätte findet.“

Dass ausgerechnet Coners, Sprecher des Verbandes Niedersächsischer Bestatter und Inhaber eines Beerdigungsinstitutes, darüber nachdachte, seine Frau außerhalb eines Friedhofes zu beerdigen, sagt viel über den derzeitigen Wandel der deutschen Bestattungskultur aus. Immer häufiger bitten Angehörige im Todesfall darum, den Verstorbenen außerhalb eines Friedhofes begraben zu dürfen - etwa, weil sie die Urne in ihrer Nähe wissen oder die Asche an einem für den Angehörigen passenderen Platz verstreuen möchten. Der Verband Niedersächsischer Bestatter registriert nach eigenen Angaben seit Jahren einen entsprechenden Wandel der Bestattungskultur. Offizielle Zahlen gibt es nicht - zumal den Wünschen der Angehörigen in den meisten Bundesländern der sogenannte Friedhofszwang entgegen steht: Anders als in vielen europäischen Ländern und in den USA müssen Urnen in Deutschland generell auf Friedhöfen beigesetzt werden. So schreibt es ein Gesetz aus dem Jahr 1934 vor. Demnach muss ein Leichnam entweder im Sarg auf einem Friedhof bestattet oder in einem Krematorium eingeäschert werden. Urnen sind lediglich für See- oder Friedhofsbestattungen freigegeben. In Deutschland liegt das Bestattungsrecht in der Hand der Länder.

Das Bundesland Bremen hat gestern als erstes Bundesland auf die veränderten Bedürfnisse Hinterbliebener reagiert und das Bestattungsgesetz geändert: In dem Stadtstaat dürfen Angehörige von nun an die Urnen Verstorbener für zwei Jahre mit nach Hause nehmen - wenn sie gleichzeitig eine Grabstelle pachten. Außerdem dürfen sie die Asche auf speziell dafür vorgesehenen Flächen auf Friedhöfen verstreuen, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten seine Einwilligung gegeben hat. Bisher war beides untersagt.

Als Begründung nannte die rot-grüne Regierungskoalition, dass Trauer individuell und der Friedhofszwang eine Bevormundung sei. Anders als in anderen Bundesländern, wo Menschen bereits in Bestattungswäldern oder Bäumen beigesetzt werden dürfen, hatten Bremer bisher lediglich die Wahl zwischen Erd- und Urnenbestattung. „Menschen, die mit dem Sarg ins Ausland fahren, um dann mit der Urne im Kofferraum zurück über die Grenze fahren, soll es künftig nicht mehr geben“, sagte Maike Schaefer, Sprecherin der Grünen.

Gegenwind bekommt die Regierung von Kirchen, Gemeinden und dem Bestatterverband Bremen. Vorsitzender Christian Stubbe hält das neue Gesetz für „grundsätzlich falsch“. Urnen müssen zugänglich sein, alles andere sei egoistisch. „Für die Trauernden ist wichtig, loszulassen. Das geht mit der Urne im Wohnzimmerregal nicht“, sagte er. Zudem sei zu befürchten, dass einzelne Angehörige von der Trauer ausgeschlossen würden, wenn es keinen allgemein zugänglichen Ort der Bestattung mehr gebe.

Thomas Coners hingegen begrüßte gestern den Beschluss der Bremer Bürgerschaft als einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Er selbst hat lange mit sich gerungen. Schließlich hat er dann aber doch dem öffentlichen Friedhof den Vorzug vor dem Apfelbaum im Familiengarten gegeben.

Johannes Krupp

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