Züge und Strom fallen aus

Orkan „Christian" legt den Norden lahm

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Zahlreiche Reisende stehen am Info-Point der Deutschen Bahn im Bahnhof Altona in Hamburg. Sturm mit Orkanböen sorgt im Norden für Verkehrsbehinderungen und Ausfälle im Zug- und Fährverkehr.

Hannover/Bremen - Orkanböen stoppen Fähren an der Küste und die Bahn an Land. Der erste schwere Herbststurm sorgte für mächtigen Wirbel. Eine Frau starb in ihrem Auto, als ein Baum darauf stürzte.

Der erste schwere Herbststurm des Jahres ist am Montag über Niedersachsen gefegt und hat ein Todesopfer gefordert. Eine Autofahrerin wurde in ihrem Wagen von einem umstürzenden Baum bei Schortens (Kreis Friesland) erschlagen. Orkanböen wirbelten durch weite Landstriche und über Inseln. Auf Juist wurden Rekordwerte von 170 Stundenkilometern gemessen. Völlig durcheinander gerieten die Bahn-Fahrpläne: Wegen umgestürzter Bäume wurde der Schienenverkehr in weiten Teilen Niedersachsens vom Harz bis zur Küste eingestellt.

Bäume kippten ins Gleisbett und auf Oberleitungen: Im Großraum Bremen und auf den Strecken von und nach Hannover und Hamburg fielen wichtige Bahnstrecken aus. Immer wieder rückten Reparaturtrupps mit schwerem Gerät aus, um Störungen zu beseitigen. Tausende von Fahrgästen saßen in Bahnhöfen fest. Reisende berichteten von chaotischen Situationen, weil Informationen über die Weiterfahrt ausblieben.

„Wann und wie es weitergeht, weiß ich im Moment nicht. Ich melde, wenn ich mehr weiß“, hieß es beispielsweise bei einer Durchsage im Regionalzug von Hannover nach Bielefeld. Die Bahn bemühe sich um Ersatzverkehr, das werde aber dauern, sagte ein Sprecher.

Polizei und Feuerwehr waren im Dauereinsatz und berichteten von herabgestürzten Dachpfannen, abgebrochenen Ästen, umherfliegenden Baustellenabsperrungen und umgestürzten Autoanhängern. Umgeknickte Bäume brachten Autofahrer auf vielen Straßen in Bedrängnis. Im Gifhorner Nordkreis verletzten sich zwei Autofahrer, als ihr Wagen gegen eine umgekippte Birke auf der Fahrbahn prallte. Bei Zetel (Kreis Friesland) wurde ein Lastwagen von der Fahrbahn gefegt und verfehlte nur knapp die Mauer eines Einfamilienhauses. In Wilhelmshaven wurde ein Fahrradfahrer von einer Windböe erfasst und beim Sturz am Kopf verletzt.

Sturm demoliert neues Uni-Gebäude in Göttingen

Der Sturm hat am Montag einen Neubau der Universität Göttingen erheblich demoliert. Auf einer Fläche von etwa 40 bis 50 Quadratmetern seien durch Böen schwere Dämmplatten aus der Fassade des Bio-Forschungszentrums auf dem Nordcampus herausgerissen worden und in die Tiefe gestürzt, sagte ein Hochschulsprecher. Menschen seien zum Glück nicht in der Nähe gewesen. Allerdings wurden sieben geparkte Autos beschädigt und zum Teil völlig zerstört. Den Sachschaden bezifferte der Sprecher auf etwa 150.000 Euro. Das 22 Millionen Euro teure Schwann-Schleiden-Forschungszentrum, in dem mehrere Institute untergebracht sind, war erst vor zwei Jahren eröffnet worden. Die Universität lässt jetzt prüfen, wie es zu dem Sturmschaden an der Fassade des Neubaus kommen konnte und ob noch ein Gewährleistungsanspruch besteht.

Teile der Fassade eines Universitätsgebäudes in Göttingen liegen auf mehreren Fahrzeugen. Die Fassade soll sich bei einer Sturmböe gelöst haben.

Quelle: dpa

Lange Staus auf der A2

Auf der A2 bei Helmstedt wurde der Verkehr komplett lahmgelegt. Ein Baum neben der Straße kippte am Mittag auf eine Stromleitung. Daraufhin sperrte die Polizei die Autobahn in beide Richtungen zwischen Helmstedt-West und Rennau. In beide Richtungen bildete sich ein längerer Stau. In Bremen rückte die Polizei zu rund 150 Einsätzen aus. Die Feuerwehr erhielt Unterstützung vom THW. Verletzte habe es zum Glück nicht gegeben, sagte eine Polizeisprecherin. In Bremen-Nord deckte der Sturm das Dach eines Drogeriemarktes ab. Das Volksfest Freimarkt blieb sicherheitshalber geschlossen.

Fährverkehr und Flugbetrieb beeinträchtigt

In Osnabrück wurde ein Haus evakuiert, nachdem ein Baum auf das Gebäude fiel. Wegen des Sturmes wurde der Tierpark Nordhorn aus Sicherheitsgründen geschlossen, da dort stehende alte Bäume zu einer Gefahr für Besucher werden könnten.

Vorsorglich wurde der Fährverkehr und der Flugbetrieb zu einigen ostfriesischen Inseln und nach Helgoland eingeschränkt oder ganz eingestellt. Wetterbedingt brauchten knapp 2000 VW-Mitarbeiter in Emden nicht zur Spätschicht antreten. Selbst ein sturmerprobtes Wahrzeichen von Ostfriesland machte die Flatter: Von den Zwillingswindmühlen im Fischerdörfchen Greetsiel wurde ein Flügel und die Kappe abgerissen.In Leer fegte eine Windböe durch einen Imbisswagen. Regenwasser tropfte in das heiße Fett, der Imbisswagen brannte komplett aus. Besonders stark wütete der Sturm auch auf Borkum. Dort wurden zahlreiche Strandbuden aus den Halterungen gerissen und zerstört. Daneben wurden zahlreiche Häuser teilweise oder ganz abgedeckt und Photovoltaikanlagen von den Dächern gerissen.

So wird der Wind gemessen

Die Windgeschwindigkeit wird mit so genannten Anemometern gemessen. Der Begriff setzt sich aus den griechischen Worten für „Wind“ und „Maß zusammen. Jahrzehntelang arbeitete der Deutsche Wetterdienst mit Schalenanometern. Diese kann man sich wie wie drei Eislöffel vorstellen, die miteinander verbunden sind und je nach Windgeschwindigkeit ihre Drehgeschwindigkeit ändern. Bei Wetterstationen, wie sie Privatleute betreiben, sind Schalenanometer überlicherweise dabei. Die Geräte arbeiten zuverlässig.

Der Deutsche Wetterdienst hat in den vergangenen Jahren seine Stationen nach und nach mit Ultraschallanemometern ausgerüstet. Diese Geräte sehen aus wie kleine Antennen mit vier Ultraschallsendern und Empfängern. Das Gerät sendet von jedem der vier Sensoren Ultraschallwellen an die drei anderen Sensoren. Durch den Wind erreicht der Schall den nächsten Sensor zeitverzögert. Aus dieser Verzögerung berechnet ein Computer die Windgeschwindigkeit. Ultraschallanemometers sind wesentlich genauer als herkömmliche Geräte.

mak

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Windstärken auf der Beaufort-Skala

Windstärke in Bft (Maßeinheit Beaufort) Windgeschwindigkeit (km/h) Bezeichnung
0 0 Windstille, Flaute
1 1-5 leiser Zug
2 6-11 leichte Brise
3 12-19 schwache Brise
4 20-28 mäßige Brise
5 29-38 frische Brise
6 39-49 starker Wind
7 50-61 steifer Wind
8 62-74 stürmischer Wind
9 75-88 Sturm
10 89-102 schwerer Sturm
11 103-117 orkanartiger Sturm
12 über 117 Orkan

Quelle: Deutscher Wetterdienst

dpa/sup/r.

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