Arbeitslos und ruiniert

Osama bin Ladens Todesschütze rechnet mit US Army ab

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Foto: Der Todesschütze gehörte zu der amerikanischen Eliteeinheit der „Navy Seals“.

Washington - Er tötete Osama Bin Laden, quittierte den Dienst und beklagt nun mangelnde Unterstützung durch das Pentagon. Ein ehemaliger Elitesoldat der „Navy Seals“ hat in einem amerikanischen Männermagazin mit der US Army abgerechnet.

Wie starb Osama bin Laden? Auch fast zwei Jahre nach dem Tod des Topterroristen ranken sich unzählige Spekulationen um den Einsatz der amerikanischen Spezialeinheit „Navy Seals". Am Dienstag meldete sich erstmals der Todesschütze öffentlich zu Wort: Gegenüber dem Männermagazin „Esquire“ beschreibt der frühere Soldat die letzten Momente des Massenmörders in allen Einzelheiten - und klagt über sein persönliches Schicksal. Nach seiner Entlassung aus der US-Armee droht ihm offenbar der finanzielle Ruin.

„Er war tot. Keine Bewegung mehr. Die Zunge hing heraus“

An blutigen Details lässt der Bericht nichts aus. Der Elitekämpfer stellt die Erstürmung des Verstecks in der Nacht zum 2. Mai 2011 im pakistanischen Abbottabad minutiös dar. Er sei es schließlich gewesen, der im zweiten Stock des umkämpften Hauses bin Laden in dessen Schlafzimmer aufspürte. Die Begegnung habe vielleicht 15 Sekunden gedauert: Zunächst versteckte sich der Gesuchte noch hinter seiner Frau Amal. Die junge Frau und ihr dreijähriger Sohn schrien verzweifelt. Dann drückt „der Schütze“ ab. Von zwei Kugeln in die Stirn getroffen, sackt bin Laden zusammen. Der Soldat tritt an den tödlich Verwundeten heran und drückt ein weiteres Mal ab - wieder in die Stirn. „Er war tot. Keine Bewegung mehr. Die Zunge hing heraus. Ich sah ihn zum letzten Mal atmen. Ein Reflex.“ Die Darstellung des Angriffs deckt sich nicht mit früheren Beschreibungen des Einsatzes, erscheint allerdings glaubwürdig.

Der renommierte US-Journalist Phil Bronstein sagt, dass er über ein Jahr hinweg im regelmäßigen Kontakt zu dem früheren Soldaten in Virginia stand. Zu der gesamten Familie habe sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Aus Sicherheitsgründen nenne er ihn nur „den Schützen“. Das mehrseitige Interview erscheint erst in der März-Ausgabe, doch die Veröffentlichung im Internet schlägt bereits hohe Wellen. Einmal mehr drängt sich die Frage auf: Warum lässt das Pentagon Armeeangehörige nach einer langen und oftmals gefährlichen Dienstzeit einfach fallen?

„Der Schütze“ gibt an, nach 16 Jahren in Uniform im vergangenen September freiwillig den Job quittiert zu haben. Einen Anspruch auf Pension oder auf einen Krankenversicherungsschutz hätte er erst nach einer aktiven Zeit von 20 Jahren gehabt - obwohl er den Mann getötet hatte, der die Supermacht Amerika mit den Angriffen auf New York City und Washington/DC am 11. September 2001 herausgefordert hatte. Sein Vorgesetzter habe ihm lediglich gesagt: „Der Dienst ist vorbei. Danke für die 16 Jahre. Das war's.“

Angst vor Racheakten

Doch die Tat, für die er eine hohe Auszeichnung erhielt, entwickelt sich offenbar zu einer großen Bürde: Der 36-Jährige fühlte sich nach eigenen Angaben den körperlichen Anforderungen nicht mehr gewachsen. In dem langen Bericht deutet sich jedoch an, dass es ehe die psychischen Belastungen sind, die dem noch relativ jungen Mann zu schaffen machen. Tag für Tag, schreibt Bronstein, muss der Mann nun damit rechnen, dass ihn ein Anhänger des Terrornetzwerkes Al Qaida aufspürt.

Heute lebe er zwar noch seiner Frau und seinen zwei Kindern unter einem Dach - allerdings nur, weil er sich eine eigene Wohnung finanziell nicht leisten kann. Seine Frau habe sich von ihm getrennt. Die häufigen Einsätze in den Krisengebieten hätten das Familienleben zerrüttet. Nun hätten sie vor allem einen Wunsch: einen anderen Namen anzunehmen, um sich besser vor Attentätern zu schützen. Die Frau sagt: „Er hat sich so sehr um unser Land verdient gemacht. Nun aber lassen sie ihn im Dreck liegen.“

Warum sich „der Schütze“ ausgerechnet jetzt in an einen Journalisten wendet, bleibt offen. Es drängt sich allerdings die Vermutung auf, dass er die öffentliche Debatte rund um den Antiterroreinsatz nicht allein den früheren Kameraden und anderen Militärexperten überlassen will, die mit ihren Veröffentlichungen zum Teil Verkaufsrekorde erzielen.

Unterdessen sorgt der Bericht im Pentagon für Ärger: Den Elitesoldaten sind Veröffentlichungen über militärische Einsätze ohne ausdrückliche Genehmigung strikt verboten. Ob das Ministerium gegen den Veteranen klagt, ist noch offen. Ein Sprecher des Ministeriums betonte gestern, dass zumindest die Darstellung der Versorgungsansprüche falsch sei. Dem "Schützen" stehe auch ohne Erreichen der Pensionsgrenze mindestens ein fünfjähriger Krankenversicherungsschutz zu.

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