Weltklimarat warnt

Der Pegel steigt

Foto: iStockphoto

- Alles nur halb so schlimm? Die Erderwärmung macht eine Pause – und der Weltklimarat muss sich fragen lassen, wie zuverlässig seine Prognosen sind. Jetzt müssen die Forscher nicht mehr nur die Welt retten, sondern auch ihren Ruf.

Er ist bekannt als Klimaorakel und Weltgewissen: Seit einem Vierteljahrhundert warnt der Weltklimarat der Vereinten Nationen beharrlich vor der Erderwärmung. Mit jedem neuen Sachstandsbericht hat er ein düstereres Bild der Zukunft gezeichnet, denn die Fieberkurve des Planeten ist seit den siebziger Jahren steil angestiegen. Wenn es nicht gelinge, den Ausstoß von Treibhausgas zu bremsen, marschiert die Menschheit sehenden Auges in die Katastrophe, warnen die Klimaforscher. Nun steht der fünfte Report des Gremiums ins Haus. Ein erster Teil soll heute in Stockholm vorgestellt werden. Doch statt neuer Weltuntergangsszenarien werden diesmal moderatere Töne erwartet. Das hat einen guten Grund: Die Erderwärmung macht derzeit Pause.

Seit rund 15 Jahren steigt die globale Mitteltemperatur nicht mehr an. Das ist für Klimaskeptiker ein gefundenes Fressen und bringt die Forscher des Weltklimarates (IPCC, Intergovernmental Panel on Climate Change) gehörig ins Schleudern. Keines seiner Szenarien hat diesen Stillstand vorausgesagt. Wie kann es dazu kommen, ist doch der CO2-Ausstoß im selben Zeitraum ständig gestiegen? Und dieser gilt nach herrschender Lehre schließlich als die Hauptursache der Erwärmung. Könnte es sein, dass der Einfluss der Treibhausgase doch nicht so groß ist wie vermutet? Oder handelt es sich um natürliche Schwankungen, die durch ­einen späteren, umso stärkeren Anstieg wettgemacht werden, wie viele Wissenschaftler vermuten?

Fragen über Fragen, die der Weltklimarat bislang nicht schlüssig beantworten kann. Diejenigen, die jahrzehntelang den Eindruck erweckten, ihre Prognosen seien unanfechtbar, müssen nun zurückrudern. Das zehrt an der Glaubwürdigkeit. Die Angst vorm Weltuntergang schwindet ohnehin. Fürchteten sich 2006 noch 62 Prozent der Deutschen vor der globalen Erwärmung, sind es jetzt nur noch 39 Prozent, hat eine Umfrage im Auftrag des „Spiegel“ ergeben.

Inhalte und Daten des neuen Klimaberichtes dürften unter diesen Vorzeichen besonders kritisch beäugt werden. Schon im Vorfeld gab es Streit um die Endfassung des Papiers. Soll der Klimaalarm erneut dramatisch ausfallen oder eher verhalten? Darüber sind sich Forscher und Politiker uneins. Die Wissenschaftler wollen offenbar diesmal moderatere Töne anschlagen. Doch vor allem die Vertreter der deutschen Regierung verlangen mehr Dramatik. Sie fürchten offenbar, dass eine vorübergehende Entwarnung die Energiewende gefährden könnte.

Das neue Dilemma: Statt der Luft ...

Doch was die Forscher als neuesten Stand des Klimawandels zusammengetragen haben, taugt diesmal nicht für Sensationen. Zwar durften die Autoren bis zur Veröffentlichung kein Wort über die Inhalte verraten, dennoch ist der Inhalt des ersten Teils des Reports, der sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen, aber noch nicht mit den Folgen der Erwärmung befasst, längst durchgesickert. Dazu gehört: An der These, dass die globale Erwärmung real und größtenteils vom Menschen gemacht ist, hält der Klimarat fest.

Die Forscher sind sich auch sicher, dass mehr als die Hälfte des globalen Temperaturanstiegs seit 1950 auf das Konto der Menschen geht. Sie liefern genauere Prognosen zur globalen Erwärmung, die Schätzungen schwanken zwischen einem und 3,7 Grad bis Ende des Jahrhunderts – Werte, die sich kaum von denen früherer Szenarien unterscheiden. Den Anstieg des Meeresspiegels korrigieren sie leicht nach oben: Zwischen 29 und 82 Zentimeter höher soll das Wasser bis Ende des Jahrhunderts stehen. Von der Furcht einflößenden Zahl von zwei Metern, die in der Vergangenheit verbreitet wurde, ist das weit entfernt. Brisant ist eigentlich nur die Passage zur Erwärmungsrate von 1998 bis 2012. Sie liegt laut Entwurf bei 0,05 Grad pro Dekade und damit unter dem Trend von 1951 bis 2012 mit einem Anstieg von 0,12 Grad.

Entscheidend ist nun, wie mit dieser Erkenntnis umgegangen wird. Die deutschen Delegierten aus Umwelt- und Forschungsministerium wollen das Thema Erwärmungspause am liebsten ganz aus dem Bericht heraushalten. In diesem Sinn haben sie in Stockholm interveniert. Das Recht auf Intervention steht der Politik zu, denn der Weltklimarat ist eine Art Zwitterwesen; er ist von den UN nicht als Arbeitsgruppe allein von Wissenschaftlern angelegt, sondern sieht die Mitsprache von Politikern ausdrücklich vor.

Der Stillstand bei den Temperaturen sei wissenschaftlich nicht relevant, argumentieren Umwelt- und Forschungs­ministerium unisono. In der Klimaforschung zählten erst Veränderungen in einem Zeitraum ab 30 Jahren. Tatsächlich sprechen Meteorologen bei atmosphärischen Veränderungen bis zur Dauer von 30 Jahren von Ausschlägen des Wetters, erst dann gelten sie als Klimaphänomene.

Die deutschen Ministerien stützen sich vor allem auf das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), dessen Mitarbeiter stets eine Beschleunigung der Erderwärmung postulierten. PIK-Klimaforscher Stefan Rahmstorf hält die Stagnation der vergangenen Jahre denn auch nicht für klar belegt – „wegen der Datenlücke in der Arktis, die sich zuletzt besonders rasch erwärmt hat“, schreibt er in einem Bericht für die „Süddeutsche Zeitung“. Messungen zeigten, dass die Ozeane in den vergangenen ­Jahren ungewöhnlich viel Wärmeenergie aufgenommen hätten.

... werden die Weltmeere immer wärmer

Rahmstorfs Fazit: „Die Treibhauserwärmung hat nicht nachgelassen.“ Wenn auch die Luft nicht wärmer werde, so heizten sich doch die Meere stetig weiter auf. Doch auch das ist umstritten – und erklärt auch nicht, warum die Winter in Eurasien im vergangenen Jahrhundert kälter wurden.

Eine Reihe von IPCC-Forschern stemmt sich gegen das deutsche Veto. Das mag damit zusammenhängen, dass das Image des Weltklimarates seit der aufsehenerregenden Klimakonferenz von Kopenhagen gelitten hat. Den Forschern wurden peinliche Fehler nachgewiesen, sie sollen Daten manipuliert haben, um den Klimawandel zu dramatisieren, und es wurden unschöne E-Mails bekannt, in denen Kritiker der herrschenden Lehre diffamiert wurden. Nun will das IPCC weg vom Ruf des Weltuntergangspropheten und wieder als neutrale Instanz wahrgenommen werden, die wissenschaftlich Grundlagen für politische Entscheidungen liefert, aber nicht Politik betreibt.

Einer, der sich gegen politischen Alarmismus wehrt, ist Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und führender Vertreter der deutschen Forscher in Stockholm. Verschweigen sei der falsche Weg, warnt er. Der Weltklimarat müsse sich der Diskussion über den Temperaturstillstand stellen. „Wir werden dieses Thema frontal angehen“, kündigte er an. Die Klimaforscher seien nicht der Umweltpolitik, sondern der Wahrheit verpflichtet. Mal sehen, welches Ideal gewinnt.

Nachgefragt bei Klimaforscher Hans von Storch

Prof. Storch, der Klimawandel macht Pause. Kommt also alles nicht so schlimm wie befürchtet? Ich fürchte, das ist Wunschdenken. Die Erwärmung der Atmosphäre kann eine Pause einlegen, sich später aber fortsetzen. Eine definitive Antwort darauf kann ich aber auch nicht geben. Klar ist, die Szenarien können die gegenwärtige Entwicklung nicht richtig beschreiben.

Viele Menschen glauben inzwischen, dass der Weltklimarat mit seinen düsteren Vorhersagen übertreibt ... Das haben wir der falschen Politisierung der Klimadiskussion zu verdanken. Dort gibt es inzwischen zwei Lager. Die einen sagen, die Pause bei der Erwärmung ist völlig normal, am Trend nach oben gibt es nichts zu deuteln. Die anderen sagen, das ist alles erstunken und erlogen. Wir brauchen jetzt einfach mehr Zeit, um nachzudenken, was eigentlich geschehen ist, um Hypothesen abzuarbeiten, die den Erwärmungsstopp erklären. Wir können nicht so tun, als hätten wir kein Erkenntnisproblem, und dürfen unser Unwissen nicht verbergen.

Welche Fehler haben die bisherigen Modelle? Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, dass die Szenarienrechnungen an der gegenwärtigen Situation scheitern. Eine ist, dass sie die natürlichen Schwankungen, die man gemeinhin „Verrücktspielen“ des Klimas nennt, nicht ausreichend gut beschreiben. Dazu gehören der El-Niño-­Effekt oder der Transport von Wärme in tiefere Schichten der Ozeane. Oder sie reagieren zu stark auf Treibhausgase – Pausen von 15 Jahren oder mehr treten in diesen Modellrechnungen nicht auf. Oder sie berücksichtigen andere Faktoren wie die Wirkung der Sonnenzyklen nicht ausreichend. Meine persönliche Erwartung ist: Wenn wir die Rolle der Sonne etwas verstärken und den Einfluss der Treibhausgase etwas zurücknehmen, dann liegen wir wieder ziemlich richtig.

Der Einfluss von CO2 wurde überschätzt? Kann sein, aber nicht wesentlich vermutlich. Daraus folgt aber nicht, dass wir die Klimaschutzpolitik ändern müssen. Dass Treibhausgase das Klima anheizen, gilt unverändert. Das kann langsamer oder schneller gehen. Wenn die Erwärmung aber länger stagniert, dann haben wir Klimaforscher ein Problem.

Zweifel an der herrschenden Klimatheorie waren bislang verpönt; Forscher, die das wagen, werden von Kollegen niedergemacht ... Das ist die Masche einzelner Wissenschaftler, die politische Absichten verfolgen. Sie meinen es vermutlich gut, weil sie die Welt vor Schlimmem bewahren wollen. Sie verwechseln aber Wissenschaft mit einer Art Überpolitik und sehen es als ihre Aufgabe an, dafür zu sorgen, dass die Verminderung der Treibhausgase das wichtigste politische Ziel wird. Um das zu erreichen, interpretieren sie Orkane oder Überschwemmungen als Zeichen der Klimaerwärmung. Die Quittung bekommen sie jetzt. Die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung steht auf dem Spiel. Diese Katastrophenrhetorik muss aufhören. Unsere Ergebnisse sollen einfließen in die Politik, aber entscheiden müssen die Politiker.

Das Interview führte Margit Kautenburger

Kommentare