Fixierung im Pflegeheim

Im Pflegeheim wird der Gurt seltener angelegt

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Neues Denken: Früher übliche Maßnahmen in der Pflege werden jetzt kritisch gesehen.

Hannover - Patienten werden mit Gurten, Rollstuhltischen oder Bettgittern am Aufstehen gehindert, damit sie nicht stürzen oder weglaufen können. Eine umstrittene Praxis, doch es gibt deutliche Anzeichen, dass sie in Niedersachsen auf dem Rückzug ist.

Wenn Patienten in Pflegeheimen unsicher auf den Beinen oder orientierungslos sind, wird bis heute häufig zur sogenannten Fixierung gegriffen: Patienten werden mit Gurten, Rollstuhltischen oder Bettgittern am Aufstehen gehindert, damit sie nicht stürzen oder weglaufen können. Eine umstrittene Praxis, doch es gibt deutliche Anzeichen, dass sie in Niedersachsen auf dem Rückzug ist.

Das zeigt sich unter anderem in den offiziellen Zahlen. Soll ein Patient fixiert werden, braucht es dafür einen entsprechenden Beschluss eines Richters. Denn eine Fixierung ist immer eine Freiheitsberaubung, über die kein Arzt oder Angehöriger entscheiden darf, selbst nicht mit einer Patientenvollmacht. Die richterlichen Genehmigungen sind in Niedersachsen deutlich zurückgegangen: Wurden 2009 noch 10 985 Fixierungen erlaubt, waren es 2013 nur noch 8363 - ein Minus von 24 Prozent.

Die Gründe dafür sind sowohl in der Pflegepraxis als auch in den Gerichten zu suchen. „Die Gerichte sind kritischer geworden und schauen genauer hin“, sagt Gabriele Wolpers, Pflegedienstleiterin im Seniorenzentrum Ihme-Ufer in Hannover. Sie verzichtet grundsätzlich auf Fixierungen und plädiert für eine andere Denkart: „Ich kann meinen Patienten nicht 24 Stunden bewachen. Freiheit ist wichtig, es muss nicht das Schlimmste sein, wenn jemand fällt. Viel schlimmer kann es sein, wenn jemand angebunden ist und nicht weiß, warum.“ Besser sei es, die Patienten vor den Folgen eines Sturzes zu schützen: mit Helmen oder Protektorhosen, die Knochenbrüche verhindern, oder mit Niedrigbetten, bei denen die Matratze fast auf Bodenhöhe liegt.

Den negativen Effekt von Fixierungen dürfe man nicht unterschätzen, warnt Wolpers, die seit 30 Jahren in der Pflege arbeitet. Wer festgebunden sei, werde aggressiv. „Gerade Demenzkranke verstehen nicht, warum sie jetzt nicht aufstehen und weggehen können“, so Wolpers. Der Patient werde immer unruhiger, was wiederum dazu führen kann, dass ihm sedierende Medikamente gegeben werden - Pillen, die ihn ruhigstellen sollen. Doch damit werde der Patient noch unselbstständiger.

Auch Uwe Schwarz, Sozialexperte der SPD-Fraktion, glaubt, dass Fixierungen rückläufig sind, auch weil Angehörige kritischer geworden seien. Aber: „Es gibt eine Grauzone“, sagt Schwarz. Fixierungen, bei denen kein richterlicher Beschluss eingeholt wird, weil Arzt und Pfleger glauben, keinen zu brauchen. „Es herrscht da ein Potenzial an Unwissenheit“, sagt Schwarz. Wie oft das passiert, kann man nur vermuten.

Verbesserung verspricht Schwarz sich durch das Pflegestärkungsgesetz, das am 1. Januar in Kraft tritt. Damit wird unter anderem die Zahl der Betreuungskräfte für Demenzkranke nahezu verdoppelt. Personalmangel gilt als der häufigste Grund, Patienten zu fixieren.

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