Suche nach Anerkennung

Pfleger fühlte sich beim Töten sicher

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Oldenburg - Er tötete wahllos. Jeden konnte es treffen. Jeden, der als Patient auf der Intensivstation lag, wenn Niels H. Dienst hatte. 200 Todesfälle werden mit ihm in Verbindung gebracht. Er selbst hat einem Gutachter gestanden 90 Menschen das tödliche Herzmedikament Gilurytmal injiziert zu haben. 30 starben.

Es ging nicht um Mitleid, nicht darum, ob ihm jemand besonders viel abverlangt hat. Niels H. tötete dann, wenn ihn mal wieder das Bedürfnis nach Abwechslung und Anerkennung überkam – egal wen. „Meistens vergingen fünf Minuten vom Aussuchen des Opfers bis ich die Spritzen aufzog“, sagt Niels H. „Sie töteten also ohne Planung?“, fragt Richter Sebastian Bührmann nach. „Genau richtig“, antwortet H. eifrig, als sei er auf Korrektheit bedacht.

Es sind sehr befremdliche Momente, in denen der 38-jährige Ex-Krankenpfleger Niels H. am Donnerstag vor dem Landgericht Oldenburg seine Taten auf der Intensivstation Delmenhorst zwischen 2003 und 2005 schilderte. Befremdlich, weil seine sachliche, emotionslose Art in so krassem Gegensatz zur Monströsität dessen steht, was er getan hat. Wegen fünf Taten ist er in Oldenburg angeklagt. Deutlich wurde aber während des Prozesses, dass er weit mehr Patienten getötet hat. Bis zu 200 Todesfälle bringt eine Sonderkommission mit ihm in Verbindung. Er selbst hat zuletzt gegenüber einem Gutachter gestanden, 90 Patienten das potenziell tödliche Herzmedikament Gilurytmal injiziert zu haben. 30 starben.

„Habe ich das richtig verstanden, dass es sich um Mindestzahlen handelt?“, fragt Richter Bührmann nach. „Ja, das sind geschätzte Zahlen“, antwortet H. Das Morden war für H. alltäglich. So alltäglich, dass es irgendwann keine Spuren mehr in seiner Erinnerung hinterließ.Niels H. hat sich gestern zum ersten Mal öffentlich zu seinen Taten geäußert. Was er berichtete, war die Geschichte eines hoch qualifizierten Krankenpflegers, dem es im kleinen Krankenhaus Delmenhorst oft zu ruhig war – und der sich durch Medikamentengabe immer wieder Reanimationsfälle verschaffte. Nach einer Wiederbelebung sei er „gelöst und euphorisch“ gewesen: „Je mehr Anerkennung ich bekam, desto besser habe ich mich gefühlt.“ Wenn es schiefging und der Patient starb, suchte er sich umso schneller das nächste Opfer. „Mir ist klar, dass meine Taten unentschuldbar sind“, sagte er gestern. Er hoffe, dass die Angehörigen nun einen Abschluss finden könnten. Mit dem Blick auf sie fügte er hinzu: „Es tut mir wirklich leid.“

Die Angehörigen glauben jedoch nicht an H.s Reue. „Ich kann die Entschuldigung nicht annehmen“, sagte Kathrin Lohmann, Tochter eines der Opfer von H. „Ich empfinde es so, dass ihm die Opfer völlig egal sind.“ Auch auf das Strafmaß dürfte sein Geständnis keinen Einfluss haben. Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann forderte gestern lebenslang für H., wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs. H. habe seine Opfer heimtückisch und aus niederen Beweggründen getötet. Zudem will sie die besondere Schwere der Schuld feststellen lassen – was bedeuten würde, dass H. nicht nach 15 Jahren freikommen könnte.

Fraglich ist auch, ob H.s Geständnis vollständig ist. Das Klinikum Oldenburg, wo er von 1999 bis 2002 arbeitete, hält nach einer eigenen Untersuchung H. für schuldig, zwölf Patienten durch erhöhte Kaliumgaben getötet zu haben. Niels H. jedoch bestreitet trotz starker Indizien, an seinen anderen Arbeitsstellen Patienten getötet zu haben. Voraussichtlich vom nächsten Monat an wird eine Sonderkommission diese Angaben überprüfen, mit Dutzenden Exhumierungen.

Erschreckend deutlich wurde dafür, wie leicht es H. hatte. Der Gilurytmal-Verbrauch stieg in H.s Dienstzeit in Delmenhorst auf das knapp Achtfache an. Dennoch, so schilderte es H., habe ein Oberarzt die Bestellungen stets ohne Nachfrage unterzeichnet. Als ein elektronisches Bestellsystem eingeführt wurde, sei dessen persönliches Passwort auf der Station allgemein bekannt gewesen. „Die Zahlen werfen kein gutes Licht auf die Kontrollen“, kritisiert Oberstaatsanwältin Schiereck-Bohlmann. H. hatte offenbar selbst das Gefühl, relativ gefahrlos immer weiter töten zu können: „Ich habe mich nie beobachtet gefühlt. Ich fühlte mich sicher.“

An seine Opfer kann sich H. offenbar nicht erinnern. Die Anwältin der Angehörigen, Gaby Lübben, griff daher gestern zu einem ungewöhnlichen Mittel: Sie hielt H. die Fotos seiner Opfer entgegen – und erzählte ihre Geschichten. Die von dem 44-Jährigen zum Beispiel, der gerade ein Haus gebaut hatte und drei kleine Kinder hinterließ. Oder die von der 61-Jährigen, Kathrin Lohmanns Mutter, die sportlich war, gern shoppte und sich gerade einen Traum erfüllt hatte, den Kauf eines Mercedes 190. „Das sind die Menschen, denen Sie das Leben genommen haben“, sagte Lübben. Niels H. blickte da auf den Tisch vor sich, ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Regung in seinem Gesicht.

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