Gutachten

Pfleger tötete offenbar in mehreren Kliniken

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Georg von Knobelsdorff (links), Gutachter, und Dirk Tänzer, Geschäftsführer Klinikum Oldenburg, sprechen bei der Pressekonferenz in Oldenburg über ungeklärte Todesfälle in dem Klinikum.

Oldenburg - Ein wegen mehrfachen Mordes angeklagter Pfleger hat nach einer Untersuchung des Klinikums Oldenburg möglicherweise zwölf weitere schwer kranke Menschen getötet. In diesen zwölf Fällen sei von Fremdeinwirkung auszugehen, sagte der Gutachter am Dienstag.

Der Krankenpfleger, der wegen Mordes an Patienten in Delmenhorst vor Gericht steht, hat womöglich auch in anderen Kliniken schwer kranke Menschen getötet. Die Ermittlungsbehörden stehen vor einem Fall mit ungeheuren Ausmaßen: Inzwischen gibt es an die 200 Verdachtsfälle. Gestern stellte das Klinikum Oldenburg eine Untersuchung vor: Es habe zwölf Sterbefälle am Klinikum gegeben, bei denen es Hinweise auf Fremdeinwirkung gebe, sagte ein Gutachter.

Der 37-jährige Pfleger Niels H. muss sich derzeit wegen fünf Todesfällen vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Er soll die Patienten zwischen 2003 und 2005 auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst mit dem Herzmedikament Gilurytmal ermordet haben – aus Langeweile und um seine Fähigkeiten bei der Reanimation unter Beweis zu stellen, wie ihm die Anklage vorwirft. Inzwischen verdichten sich jedoch die Hinweise, dass H. in Delmenhorst weit mehr Patienten umgebracht haben könnte. Eine neu eingerichtete Sonderkommission der Polizei untersucht allein 174 Todesfälle in Delmenhorst.

Das Klinikum Oldenburg hat mit einer eigenen Untersuchung auf Gerüchte reagiert, H. habe auch dort Patienten getötet – und ist fündig geworden. „Es hat bei uns zwölf Sterbefälle gegeben, bei denen alles darauf hindeutet, dass es einen Eingriff von außen gab“, erklärte gestern Dirk Tenzer, Geschäftsführer des Klinikums Oldenburg, wo H. von 1999 bis 2002 arbeitete. Insgesamt hat das Krankenhaus 57 Sterbefälle, die sich während H.s Dienstzeiten ereigneten, untersuchen lassen. Dabei fand der Gutachter, der Hildesheimer Mediziner Georg von Knobelsdorff, anhand der Krankenakten bei zwölf Patienten Anzeichen, dass sie mittels einer Kalium-gabe getötet worden sein könnten.

Klinikumschef Tenzer rechtfertigte sich indes dafür, dass die Tötungen in Oldenburg nicht früher auffielen. Es habe zwar unter Kollegen „Diskussionen“ wegen der vielen Todesfälle in H.s Dienstzeit gegeben, „aber keine Beweise“. Sterberate und Medikamentenverbrauch seien unauffällig gewesen. Das tatsächliche Ausmaß der mutmaßlichen Tötungsserie ist noch unklar. Noch nicht untersucht haben die Ermittler etwa, ob H. auch vor 1999 in einem Krankenhaus in Wilhelmshaven oder als Rettungsassistent nach 2005 Patienten getötet haben könnte.

Zudem hat der Fall eine weitere juristische Seite. Recherchen der HAZ hatten ergeben, dass ein früherer Oberarzt aus Delmenhorst nach eigenen Angaben schon 2005 auf weit über 100 Verdachtsfälle hingewiesen hatte, ohne dass die Ermittler dem damals nachgingen. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg räumte in diesem Zusammenhang gestern erstmals eigene Versäumnisse ein. „Es gibt den Anfangsverdacht auf Strafvereitelung im Amt gegen den damals zuständigen Staatsanwalt“, erklärte der Sprecher der Behörde, Martin Rüppell. Die weiteren Ermittlungen soll nun die Generalstaatsanwaltschaft Oldenburg führen.

Von Thorsten Fuchs

Das Krankenhaus – ein idealer Tatort

Immer wieder „Todesengel“: „Es gibt kaum einen besseren Tatort für versteckte Tötungen als Krankenhäuser oder Heime“, sagt der Psychiater Karl H. Beine, Professor an der Universität Witten/Herdecke. Dort, wo der Tod allgegenwärtig ist, seien pflegerische Tätigkeiten von Tötungen oft kaum zu unterscheiden. Beine hat 36 Tötungsserien an Patienten der vergangenen Jahrzehnte untersucht – und ist auf viele Gemeinsamkeiten gestoßen. Meistens falle den Kollegen zwar eine Häufung der Todesfälle auf, oft bekämen die Täter auch Spitznamen wie „Todesengel“. Allerdings trauten viele ihren oft langjährigen Kollegen einen Mord nicht zu. Häufig sähen Mitarbeiter auch mehr oder minder bewusst weg. „Man traut sich nicht, seinen Kollegen zu denunzieren“, sagt Beine.

Um Patiententötungen zu entdecken, empfiehlt Beine unter anderem intensivere Leichenschauen. Außerdem sollte es spezielle Fortbildungen und anonyme Meldesysteme geben. Das Klinikum Oldenburg will nach Angaben seines Geschäftsführers Dirk Tenzer als Konsequenz aus dem Fall Niels H. unter anderem ein „Whistleblower-System“ einführen. „Das Klinikum Oldenburg 2014 ist ein anderes als 2002“, betonte er.

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