Angriff auf den guten Ruf

Plagiatsaffäre trifft TU Clausthal

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„Von hier ist die Industrialisierung Westeuropas ausgegangen“: TU-Präsident Hanschke ist stolz auf seine kleine Uni. Die Studenten kommen von weit her, wie Nahal Golzave aus Teheran.

Clausthal-Zellerfeld - Eigentlich kann die TU Clausthal recht zufrieden auf das Erreichte schauen: Rund 4300 junge Leute studieren mittlerweile in dem kleinen Harzort - mehr als je zuvor. Wäre nicht die Plagiatsaffäre um den früheren Messechef Goehrmann. Sie trifft die Uni vor den Verhandlungen um ihre Zukunft.

Nein, die Peinlichkeit soll nicht am Anfang stehen. Das möchte der Präsident nicht. Dazu, soll das heißen, ist sie ihm einfach nicht wichtig genug. Aber vielleicht zeigt das auch nur, wie unangenehm sie ihm ist.

Also erst mal: Geschichte. Professor Thomas Hanschke hat in seinem Büro in der Technischen Universität Clausthal ein Gemälde von Friedrich Hausmann aufgehängt. Hausmann war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein berühmter Mineraloge und Generalinspekteur der Bergwerke. Es ist ein Gelehrtenporträt, und Hanschke sitzt jetzt direkt davor. „Von hier“, sagt er und meint seine Hochschule, „ist die Industrialisierung Westeuropas ausgegangen.“ Es ist ein großer Satz, das Büro ist erfüllt von Stolz. Dagegen wirkt so ein Plagiat natürlich vergleichsweise klein. Andererseits: Wie wenig doch auch eine so große Tradition vor einer solchen Panne schützt.

„Der Fall“, sagt Hanschke später leise, „hat mich sehr betroffen gemacht.“ Der Fall, das ist die Doktorarbeit des langjährigen Chefs der Deutschen Messe, Klaus Goehrmann. Nach allem, was die hochschuleigene Kommission zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens herausgefunden hat, ist sie ein Plagiat. Goehrmann hat vor drei Jahren an der TU promoviert. Dem 74-Jährigen waren der Titel eines Honorarprofessors an der Leibniz Universität Hannover und sein BWL-Doktortitel nicht genug. Er wollte zusätzlich einen Doktor in Ingenieurwissenschaften - obwohl er selbst Betriebswirt ist.

Goehrmann vergleicht in seiner Arbeit zwei Schweißverfahren. Er erwähnt dabei jedoch nicht, dass er sich dabei auf die unveröffentlichte Arbeit zweier Forscher des Laserzentrums Hannover (LZH) stützt. Überhaupt spielt auch das Laserzentrum in dem Fall eine wichtige Rolle: Goehrmann ist Kuratoriumsvorsitzender des LZH. Der Vizepräsident der TU Clausthal, Professor Volker Wesling, ist dort Vorstand - und war Erstgutachter von Goehrmanns Arbeit. Am Ende hat die TU den ersten Plagiatsfall ihrer Geschichte. Wesling will als Vizepräsident nicht wieder antreten. Aber reicht das als Konsequenz? Ist der Fall Goehrmann ein Einzelfall? Oder zeugt die großzügige Titelvergabe an den früheren Inhaber zahlreicher Ehrenämter von einer vielleicht sogar zu großen Nähe zur Industrie?

Die Affäre trifft die TU Clausthal in einem Moment, in dem sie eigentlich recht zufrieden auf das Erreichte schaut. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Studierenden verdoppelt. 4332 junge Männer und Frauen sind an der früheren Bergakademie eingeschrieben - mehr als je zuvor in der Geschichte der Hochschule. In den renommierten CHE-Hochschulrankings belegt die TU Spitzenplätze, vor allem in den Fächern Informatik und Wirtschaftsingenieurwesen. Ein Drittel der Studierenden ist aus dem Ausland in das entlegene Oberharz-Städtchen gekommen - ebenfalls ein Spitzenwert. Eine Zeitlang konnte sich die TU Clausthal sogar als Hochschule mit den proportional meisten Absolventen in Dax-Vorständen rühmen. 37 Prozent der Drittmittel kommen aus der gewerblichen Wirtschaft, zwischen den Menüplänen in der Mensa leuchtet e.on-Reklame. Die Verbindungen zur Ökonomie sind so gut, wie es andernorts meist vergeblich angestrebt wird.

Tatsächlich stößt diese Nähe auch auf Kritik - und zwar ausgerechnet bei einer künftigen Regierungspartei. „Wir brauchen eine viel stärkere öffentliche Kontrolle darüber, was in unserem Auftrag an unseren Hochschulen geforscht wird“, sagt Gabriele Heinen-Kljajic von den Grünen. Die hochschulpolitische Sprecherin stört sich zum Beispiel an einer „historisch gewachsenen engen Verflechtung mit der Atomindustrie“. So gibt es an der TU Clausthal zum Beispiel einen Lehrstuhl für Endlagersuche - ursprünglich gestiftet von der DBE, die auch das Erkundungsbergwerk in Gorleben betreibt. Auf die Inhalte und die Besetzung nähme die Industrie keinen Einfluss, beteuert TU-Präsident Hanschke. „Die Leute suchen wir aus, die Freiheit der Forschung bleibt gewahrt.“

In Clausthal rührt Kritik von außen generell an einer Urangst: Der Furcht, eines Tages geschlossen zu werden - oder zumindest die Eigenständigkeit zu verlieren. So stolz die Clausthaler auf ihre Geschichte sind, so brüchig ist unterschwellig das Vertrauen in die Zukunft. „Die Sorge, nicht weiter zu bestehen, ist latent immer da“, bestätigt Mathias Liebing, Leiter der Stabsstelle Technologietransfer. Das liegt zum einen an der Nähe von Hannover und Braunschweig mit ihren ähnlichen technischen Studienangeboten - und zum anderen daran, dass die TU Clausthal immer auch Mittel zum Zweck war: Ohne sie gingen im Harz noch erheblich mehr Lichter aus.

So gehört Clausthal zweifellos zu den ungewöhnlichsten Hochschulstandorten der Republik. Es gibt keinen Bahnhof, kein Kino und gerade mal drei studententaugliche Kneipen. Ein Fünftel der Studenten sind Chinesen. Dass der Wissenschaftsminister Wan Gang hier studiert hat, erleichtert manchem die Entscheidung. Dennoch ist dann mancher befremdet. Der 27-jährige Qiang Hao aus Peking studiert in Clausthal Maschinenbau. „Die Studienbedingungen sind sehr gut“, sagt er. „Aber zum Leben ist es schon langweilig.“ Die 25-jährige Nahal Golzave aus Teheran wollte eigentlich nach Frankfurt. Clausthal war für sie die fünfte Wahl. Als Frau fühlt sich die Chemiestudentin oft allein: „Es ist nach wie vor eine sehr männliche Uni.“

Umgekehrt ist die TU mit ihren mehr als 1000 Mitarbeitern für die Region enorm wichtig. Zwar halten sich die Studenten zumeist auf dem Campus außerhalb der Stadt auf. Im historischen Zentrum mit der hölzernen blauen Marktkirche ist von ihnen wenig zu sehen. Dennoch sichern sie hier vielen die Existenz. Lydia Hirschhausen und ihr Mann betreiben hier seit elf Jahren einen Asia-Markt. Tofu, Zitronengras, Sojasoße, chinesische Studenten finden hier das volle Sortiment. „Alles, was sie von zu Hause kennen“, sagt die Inhaberin. Ohne sie gäbe es das Geschäft nicht.

Allein, so betonen Hochschulpolitiker, muss die TU Clausthal wohl langfristig tatsächlich um ihre Eigenständigkeit fürchten. „Wenn sie im Wettbewerb um Studierende und Forschungsmittel mithalten will, braucht sie starke Partner“, betont die Grüne Heinen-Kljajic. Auch deshalb ist die vor vier Jahren gegründete Niedersächsische Technische Hochschule (NTH) für Clausthal so wichtig.

In der NTH ist die Harzer Uni mit den Universitäten Hannover und Braunschweig zusammengeschlossen. Was zur Super-Uni werden sollte, ist bis jetzt jedoch vor allem ein Sorgenkind. Es gibt wenig gemeinsame Projekte und Gremien - und dafür umso mehr Streit um Einfluss: Hannovers Präsident Erich Barke stört die gleichberechtigte Stellung der viel kleineren Clausthaler Uni. Die Clausthaler wiederum fordern vor weiteren Schritten eine Bestandsgarantie.

Hoffnungen, dass es auch ohne die NTH weitergehen könnte wie früher, dürfen sich die drei Unis offenbar nicht machen. „Es kann nicht sein, dass sich die drei Unis auf engstem Raum Konkurrenz machen“, sagt Gabriele Andretta (SPD), die im Schattenkabinett des designierten Ministerpräsidenten Stephan Weil das Wissenschaftsressort besetzt. Zufrieden mit dem jetzigen Stand ist sie nicht. „Die NTH in ihrer jetzigen Form ist kein Zukunftsmodell.“ Sie will die NTH von unabhängigen Gutachtern evaluieren lassen - und die Idee dann am liebsten konsequent vorantreiben.

Bei all dem kommt den Clausthalern eine Panne wie die Plagiatsaffäre äußerst ungelegen. Auch wenn eine Überprüfung anderer verdächtiger Dissertationen keine Auffälligkeiten ergeben hat - mancher in Hannover und Braunschweig blickt voller Häme auf die Harzer Peinlichkeit. Auf Konsequenzen aus dem Fall will sich TU-Präsident Hanschke dennoch nicht festlegen lassen. Fachfremde Auswärtige in Zukunft nicht mehr promovieren zu lassen, wie es an anderen Hochschule gängig ist? Da bleibt Hanschke vage. „Transdisziplinarität ist eine wichtige Errungenschaft“, erklärt er nur. Denkbar seien strengere Auflagen wie etwa Vorlesungsbesuche, präzisiert sein Sprecher später. Es sieht jedenfalls ganz so aus, als sei der Clausthaler Stolz eine sehr starke Macht.

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