Bandidos und Hells Angels

Polizei befürchtet Rocker-Krieg

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Foto: Polizisten bei einer Hells-Angels-Razzia.

Berlin - Erst zogen sie in Berlin, dann in Hannover und zuletzt im brandenburgischen Hennigsdorf ihre Kutten aus. Quer durch die Republik lösen sich Rockergruppen auf, um Verbotsverfahren zuvorzukommen. Die Ermittler beruhigt das nicht.

„Die Lage ist derzeit alles andere als entspannt“, sagt der Berliner Oberstaatsanwalt Jörg Raupach, Leiter der vor wenigen Wochen gegründeten „Task Force Rocker“. Durch die Selbstauflösungen der verschiedenen Klubs sei die Lage derzeit nicht nur schwer einzuschätzen, „man muss auch die Befürchtung haben, dass es vermehrt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt“, sagt Raupach.

Gegründet wurde die Arbeitsgruppe nach dem Attentat auf den Expräsidenten der Berliner Hells-Angels-Gruppe Nomads, André Sommer. Bandidos gegen Hells Angels. Die alten Kämpfe um die Vorherrschaft in den kriminellen Milieus lodern laut Raupach derzeit wieder auf: „Es geht um Rotlicht-, Waffen- und Drogengeschäfte – also um Geld.“

Bricht nach dem „Frieden von Hannover“ also ein neuer Konflikt zwischen den Gruppen aus? In der Anwaltskanzlei von Götz von Fromberg hatten die führenden Köpfe der verfeindeten Klubs gelobt, künftig in „friedlicher Koexistenz“ ihren Geschäften nachzugehen. „Ob das ein ernst gemeinter Versuch oder ein reines Medienspektakel war, darüber kann man spekulieren. Sicher ist: Der Frieden gilt nicht mehr“, sagt Raupach.

Beleg dafür sollen nicht nur die Schüsse auf Sommer, sondern auch die Drohung der Hells Angels sein, vom 1. Juli an werde kein anderer Klub mehr in der Hauptstadt toleriert. Das hatte ein Insider gegenüber dem „Tagesspiegel“ erklärt. Auch die Beobachtung, dass vermehrt aus skandinavischen Ländern Rocker in der Hauptstadt auftauchen, sei durchaus richtig, so Raupach. In Skandinavien, Hochburg der Motorradgangs, eskalierte der Krieg der verfeindeten Banden bereits vor Jahren. „Und man unterstützt sich international gegenseitig“, sagt Raupach.

Dass manche Klubs sich nicht nur zum Motorradfahren treffen, zeigen auch die Razzien von Anfang Juni. Bei einer Durchsuchung bei ehemaligen Hells-Angels-Mitgliedern in Potsdam fanden die Ermittler eine Tasche mit einer Axt, Sturmhauben und Handschuhe mit Schnitt- und Stichschutz. „Offensichtlich handelt es sich um eine Art Einsatztasche für gewalttätige Auseinandersetzungen“, teilte die Polizei mit. Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) ist sich sicher, dass „die jüngst bekannt gegebenen Selbstauflösungen nichts an der Gefährlichkeit der kriminellen Rockerszene und ihren brutal verfolgten Machtansprüchen ändern“.

Im Bundesinnenministerium lobt man den erhöhten polizeilichen Druck in den Ländern. Alles andere bleibt unkommentiert. „Über Verbote spricht man nicht, man spricht sie nur aus“, lautet die Erklärung. Der Druck auf die Rocker wächst. Mittlerweile sieht auch der Verfassungsschutz genau hin – vor allem, wenn es um die Verstrickungen mit der rechten Szene geht. Denn bei den Razzien Anfang Juni wurde neben Waffen auch jede Menge volksverhetzender Musik gefunden. In Potsdam sollen sich im Jahr 2010 auf einer Party der Hells Angels rechtsextreme Bands wie Preussenstolz unter den Gästen befunden haben.

Laut Landesregierung lassen die Erkenntnisse, die dem Verfassungsschutz vorliegen, zwar nicht darauf schließen, dass einzelne Motorradklubs von Rechtsextremen durchsetzt seien – die Leiterin der Behörde in Brandenburg ist dennoch besorgt. „Das Feld, in dem sie sich treffen, sind wirtschaftliche Interessen“, sagt Winfriede Schreiber. Das bedeutet: Auch mit Nazi-Symbolen und entsprechenden CDs lässt sich Geld verdienen.

Nora Lysk

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