Digitalfunk versagt

Polizistin muss Kollegen über 110 rufen

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In manchen Gebieten Niedersachsens herrscht noch Digitalfunkstille: Neue Funkmasten sollen frühestens 2015 errichtet werden.

Hannover - Lücken im Digitalfunk: Beamtin kann nach Messerattacke Verstärkung nur mit ihrem Privathandy über 110 anfordern. Das Innenministerium räumt nun ein: Landesweit fehlten noch 40 Basisstationen für den Funk.

Der Digitalfunk in Niedersachsen offenbart noch Lücken. So musste im Landkreis Osnabrück eine Polizeibeamtin in einer gefährlichen Situation den Notruf 110 über ihr privates Handy wählen, um Kollegen zur Verstärkung anzufordern. Landesweit fehlten derzeit noch 40 Basisstationen für den Funk, um den definierten Netzstandard im Land zu erreichen, bestätigte das Innenministerium. 440 solcher Masten seien bereits installiert. Das Innenministerium geht davon aus, dass die ersten neuen Basisstationen Ende 2015 oder Anfang 2016 in Betrieb genommen werden können. Dies hänge aber von baulichen Rahmenbedingungen sowie Freigaben etwa des Bundesinnenministeriums ab.

Ein 18-Jähriger hatte nach Angaben der Polizei Osnabrück Ende September in Wallenhorst im Landkreis Osnabrück einen Beamten mit einem Messer attackiert und schwer verletzt. Als seine Kollegin per Funk um Hilfe bitten wollte, war die Verbindung weg. Deshalb wählte sie den Notruf über ihr privates Handy. Einen solchen Fall habe es im Bereich der Polizei Osnabrück noch nicht gegeben, sagte ein Sprecher der dortigen Polizeiinspektion. Aber Funkprobleme gebe es „schon ab und zu“.

Dass es noch mindestens bis Ende kommenden Jahres braucht, bis die Lücken im Digitalfunk geschlossen werden, dauert Osnabrücks Polizeipräsident Bernhard Witthaut zu lange. „Wir brauchen zusätzliche Standorte für Basisstationen, und das nicht irgendwann, sondern möglichst bald.“ Auch die Gewerkschaft der Polizei dringt auf mehr Tempo. „Schwierigkeiten bei der Einführung einer neuen Technik sind bis zu einem gewissen Maß normal, aber die Erreichbarkeit muss überall in Niedersachsen gewährleistet sein“, sagte der Landesvorsitzende Dietmar Schilff.

In welchen Gebieten in Niedersachsen noch Digitalfunkstille herrscht, konnte das Innenministerium nicht sagen. „Generell kann jedoch festgestellt werden, dass urbane Bereiche oder topologisch anspruchsvolle Gebiete, wie etwa der Harz, die Planung erschweren“, sagte eine Ministeriumssprecherin. Wenn Polizisten im Einzelfall über den Digitalfunk niemanden erreichen können, „sollen sich die Kollegen so verhalten wie zu Zeiten des Analogfunks: „Im Notfall auch mal zum Handy greifen“, sagte Landespolizeipräsident Uwe ­Binias und lobte damit indirekt das Verhalten der Osnabrücker Beamtin.

Das Innenministerium betonte, dass die Funkversorgung in Polizeifahrzeugen bereits jetzt auf 99 Prozent der Fläche Niedersachsens gewährleistet sei. Größere Lücken gebe es aber noch bei den Handfunkgeräten. In Siedlungs- und Verkehrsflächen hat sich Niedersachsen laut der Sprecherin eine Versorgung von 90 Prozent vorgenommen. Aus dem Ministerium hieß es weiter, der bisher erreichte Versorgungsgrad reiche bereits heute deutlich über den aus Zeiten des Analogfunks hinaus. Zudem erscheine „bei allem Verständnis für den Wunsch nach einer lückenlosen Funkversorgung für die Aufgabenbewältigung von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst eine hundertprozentige Abdeckung schon aus physikalischen Gründen nicht realistisch“.

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