Tödliche Prügelattacke

Prozess im Fall Tugce beginnt am Freitag

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Foto: Fünf Monate nach der tödlichen Prügelattacke auf Tugce Albayrak vor einem Offenbacher Schnellrestaurant beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter.

Darmstadt/Offenbach - Das Schicksal von Tugce Albayrak bewegte Millionen. Der 18-Jährige Sanel M. soll der Deutsch-Türkin einen solchen Schlag versetzt haben, dass sie mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug und zwei Wochen später starb. Am Freitag beginnt der Prozess.

Fünf Monate nach der tödlichen Prügelattacke auf Tugce Albayrak vor einem Offenbacher Schnellrestaurant beginnt an diesem Freitag der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter. Der 18-jährige Sanel M. muss sich vor dem Landgericht Darmstadt wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Der in Offenbach geborene junge Mann, der bei der Tat erheblich alkoholisiert gewesen sein soll, sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Vor der Auseinandersetzung soll Tugce zwei minderjährigen Mädchen zu Hilfe gekommen sein, die in der Damentoilette des Restaurants von Sanel M. und mehreren Begleitern belästigt wurden.

Die Jugendkammer des Gerichts mit drei Berufsrichtern und zwei Jugendschöffen hat zehn Verhandlungstage angesetzt. Den Vorsitz führt Richter Jens Aßling. 60 Zeugen und zwei Gutachter sind geladen. Die in Gelnhausen lebenden Eltern der getöteten Lehramtsstudentin treten als Nebenkläger auf. Von den 52 Zuschauerplätzen im Gerichtssaal sind 25 für die Presse vorgesehen. Diese wurden in Mediengruppen aufgeteilt und innerhalb der Gruppen verlost.

Freunde von Tugce haben zum Prozessbeginn gegenüber dem Gerichtsgebäude eine „Mahnwache für die Gerechtigkeit“ geplant, an der mehr als 200 Menschen teilnehmen wollen. Ziel sei es, „der Familie an diesem Tag zur Seite zu stehen und ihr Kraft zu geben“, heißt es in einem Aufruf bei Facebook.

Nach den Angaben von Gerichtssprecherin Christa Pfannenschmidt war Sanel M., dessen Eltern aus der Region Sandschak in Serbien stammen, bereits viermal zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Dabei ging es etwa um gemeinschaftlichen Diebstahl und um gefährliche Körperverletzung. Das Strafmaß wegen Körperverletzung mit Todesfolge in minder schweren Fällen beträgt bei einem Erwachsenen ein bis zehn Jahre Haft. Da Sanel in der Tatnacht seinen 18. Geburtstag nachgefeiert haben soll, gilt als wahrscheinlich, dass er nach Jugendstrafrecht verurteilt werden wird. Damit könnte er mit einer Bewährungsstrafe davonkommen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, Tugce in der Nacht zum 15. November 2014 auf dem Parkplatz des Schnellrestaurants mit der flachen rechten Hand heftig gegen den Kopf geschlagen zu haben, so dass diese ohne jegliche Abwehrreaktion seitlich rückwärts auf den Asphalt fiel und mit dem Kopf aufschlug. Dabei erlitt sie ein Schädelhirn-Trauma mit Brüchen des Schädelknochens und fiel ins Koma. Am 28. November, dem 23. Geburtstag der hirntoten jungen Frau, ließen Tugces Eltern die lebenserhaltenden Maschinen abstellen. Anschließend nahmen mehrere Tausend Menschen vor dem Offenbacher Sana-Klinikum Abschied von Tugce, die ihre Organe spendete.

Bewegende Trauerfeier

Zur Trauerfeier am 3. Dezember kamen rund 800 Menschen in die Moschee des Türkisch-Islamischen Kulturvereins nach Wächtersbach (Main-Kinzig-Kreis). Dazu wurde der Sarg zwischen einer deutschen und einer türkischen Fahne aufgebahrt. Viele Menschen trugen ein Foto von Tugce an der Jacke. Nach dem islamischen Totengebet wurde der Sarg in einem Konvoi zur Beerdigung ins nahe gelegene Bad Soden-Salmünster gebracht, wo rund 1.300 Menschen ihr das letzte Geleit gaben, darunter auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und der türkische Botschafter in Deutschland, Hüseyin Avni Karslioglu.

Tugces Schicksal sorgte für großes Aufsehen. Bilder der lächelnden und „taffen“ jungen Frau mit der dunklen Häkelmütze wurden im Fernsehen, in Tageszeitungen und in den sozialen Medien verbreitet. Nahezu sämtliche Agenturen, Tageszeitungen und Magazine nahmen an der Berichterstattung teil.

Die Deutsch-Türkin wurde weltweit zu einem Symbol für Zivilcourage. Eine Internet-Petition, ihr posthum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, erhielt binnen drei Tagen mehr als 100.000 Unterschriften. Auch Bouffier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerten große Sympathie für den Vorschlag. Bundespräsident Joachim Gauck teilte bereits am 29. November mit, er werde diesen Wunsch prüfen.

Im Dezember machte die Offenbacher Stadtverordnetenversammlung den Weg frei, eine Brücke nach Tugce zu benennen. An der Universität Gießen, an der sie Deutsch und Ethik für das Lehramt studierte, soll eine Gedenktafel errichtet werden. Kurz vor Weihnachten kündigte Tugces Mutter an, eine Stiftung ins Leben rufen zu wollen, die jährlich einen Preis für Zivilcourage ausloben soll. Anfang dieser Woche erkannte das Finanzamt Gelnhausen die Stiftung als gemeinnützig an. Damit kann sie ihre Arbeit aufnehmen.

epd

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