Entführung eines Chemietankers

Prozess gegen Somalier beginnt in Osnabrück

+
Archiv: Ein Beamter des LKA bei der Spurensuche auf dem entführten Schiff „Marida Marguerite“. Vor dem Osnabrücker Landgericht muss sich von der kommenden Woche an ein Somalier verantworten.

Osnabrück - Vor dem Osnabrücker Landgericht muss sich von der kommenden Woche an ein Somalier wegen der Entführung eines Chemietankers verantworten. Es ist der zweite Piratenprozess in Deutschland. Die Beteiligten richten sich auf eine lange Dauer ein.

Es waren seine Fingerabdrücke, die einen Somalier bei seiner Einreise nach Deutschland überführten. Von Dienstag an muss sich der Mann nun im Osnabrücker Landgericht für die Entführung des Chemietankers „Marida Marguerite“ vor dem Horn von Afrika verantworten. Der Somalier soll im Jahr 2010 eine führende Rolle in dem fast acht Monate währenden Geiseldrama gespielt haben. Die 22-köpfige Mannschaft musste Folterungen über sich ergehen lassen und lebte in Todesangst. Nach einer Lösegeldzahlung des Schiffseigentümers, einer Reederei aus dem emsländischen Haren, kamen die Männer im Dezember 2010 frei.

Als der Tatverdächtige unter falschem Namen in Deutschland Asyl beantragte, wurde er im vergangenen Jahr bei einem Routineabgleich seiner Fingerabdrücke in Gießen festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem mutmaßlichen Mitglied einer Piratenbande vor, die Beschaffung von Waffen, Booten, Personal, Lebensmitteln und Drogen mitfinanziert zu haben. Die Anklage lautet unter anderem auf erpresserischen Menschenraub und gefährliche Körperverletzung.

Regelmäßig soll sich der Mann während der Schiffsentführung auf dem Tanker mit einer Maschinenpistole bewaffnet als eine Art Oberkommandeur aufgehalten haben. Die Besatzungsmitglieder mussten nach Erkenntnissen der Ermittler grausame Misshandlungen, Folterungen und Scheinhinrichtungen über sich ergehen lassen. Manche sollen 40 Minuten nackt in die Schiffs-Gefrierkammer gesteckt worden sein.

Im Zusammenhang mit Schiffsentführungen vor der somalischen Küste kommt damit nun zum zweiten Mal ein mutmaßlicher Drahtzieher in Deutschland vor Gericht. 2012 hatte das Landgericht Hamburg zehn Männer aus Somalia zu Haftstrafen zwischen zwei und sieben Jahren verurteilt, weil sie den Hamburger Frachter „Taipan“ gekapert hatten. Dieses Verfahren hatte sich fast zwei Jahre hingezogen.

Kein schneller Prozess erwartet

Auch in Osnabrück erwarten die Richter keinen schnellen Prozess. Zunächst sind bis April 15 Verhandlungstage geplant, sagt Landgerichtssprecher Holger Janssen. Dass es länger dauern werde, sei wahrscheinlich. Bislang sind 18 Zeugen geladen. Das Gericht möchte auch Besatzungsmitglieder hören, um sich aus erster Hand ein Bild von den Vorgängen zu machen - die leben aber in Indien. „Es sind Rechtshilfeersuchen gestellt worden, um sie zu laden“, sagt Janssen.

Am Horn von Afrika ist es inzwischen lange nicht mehr zu Schiffsüberfällen gekommen. „Das Thema Piraterie vor der somalischen Küste ist erst einmal durch“, sagt Afrika-Experte Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Die Reeder hätten reagiert, führen im Konvoi mit relativer hoher Geschwindigkeit, hätten die Mannschaften geschult, privates Sicherheitspersonal an Bord und die Schiffe besser gegen Überfälle präpariert. Vor allem aber zeige die Präsenz von Kriegsmarine in der Region Wirkung.

Damit sind aus Sicht des Afrika-Experten aber nicht die wirklichen Ursachen für die Piraterie bekämpft worden. Die bestehen nach Meinung von Delius darin, dass der somalische Staat schwach sei und es keine Polizei und Justiz gebe, die gegen die mafiösen Strukturen der Piratenbanden vorgehe. Auch wenn ein solcher Prozess aus rechtstaatlichen Gründen wichtig sei - an eine abschreckende Wirkung des Verfahrens auf die Banden glaube er eher nicht, sagt Delius.

Hans-Joachim Heintze, Professor am Institut für humanitäres Völkerrecht der Uni Bochum, ist da anderer Ansicht. Piraterie sei ein Teil der internationalen organisierten Kriminalität. Auch den Hintermännern in Somalia sei es nicht egal, wenn ihre Leute vor westlichen Gerichten auspackten. „Dann hätte man einen Ansatzpunkt, die Ursachen dieser Piraterie zu bekämpfen.“ Mit einem einfachen Verfahren rechnet aber auch Heintze nicht. Die Erfahrungen aus Hamburg zeigten, dass es wohl aufwendig, langwierig und teuer werde. Die schwierige Beweisführung fängt schon bei der Identität des Angeklagten an, der laut Gericht mehrere Namen führt. Auch sein Alter ist nicht richtig klar. Mittlerweile behauptet er, 44 Jahre alt zu sein - nach seiner Festnahme gab er ein Alter von 32 Jahren an.

dpa

Kommentare