Ausschreitungen zwischen Jesiden und Muslimen

Rätseln nach Massenprügelei in Celle

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Jesiden und tschetschenische Muslime suchen gemeinsam das Gespräch, um die Eskalationen in Celle zu erklären.

Celle - Am Tag nach der zweiten Massenprügelei in Celle versuchen alle Beteiligten zu verstehen, wie es zu dem Konflikt zwischen jesidischen und muslimischen Jugendlichen kommen konnte. Die Ältesten beider Gruppen bemühen sich darum, wieder für Ruhe zu sorgen.

Murad Musaew schüttelt den Kopf. Er soll erklären, wie es im beschaulichen Celle an zwei Abenden hintereinander zu Massenprügeleien zwischen hunderten Jesiden und Muslimen kommen konnte, aber er kann selber nicht begreifen, wie es dazu eigentlich gekommen ist: "Wir wollen hier doch Ruhe", sagt der 40-jährige Tschetschene, der seit 13 Jahren in Celle lebt. Krieg habe er in seinem Heimatland erlebt, die Jesiden im Irak, "wer Krieg will, kann das da erleben", wird er wütend. Aber warum hier?

Zwei Tage hintereinander kam es in Celle zu Massenprügeleien. Am Montag musste die Polizei rund 100 jesidische und tschetschenische Muslime trennen. Am Dienstag waren es schon 300 Jesiden und rund 100 Muslime. Fragt man nach dem Anfang des Konflikts, erntet man Schulterzucken: So genau weiß es keiner, "es hat angefangen durch eine Pöbelei unter Jugendlichen", meint Tarsin Ipek. Möglicherweise ist ein tschetschenischer Muslim beschimpft worden, weil er wie ein Salafist aussah, genau weiß das aber keiner. "Erst gab es die verbalen Attacken und als das nicht mehr reichte, kam es zu Handgreiflichkeiten", meint Guido Koch, Sprecher der Polizei in Celle.

Doch noch war es ein kleiner Streit. Das wäre es auch geblieben, ist sich Ipek sicher, wenn es Facebook nicht geben würde. "Einer schreibt "Hilfe" und alle Brüder, Freunde und noch viele mehr kommen", sagt Musaew. Musste man sich früher Verstärkung herantelefonieren, genüge nun eine einzige Nachricht. Das sei alles geschehen, ohne dass die Jugendlichen sich mit ihren Familien abgesprochen hätten, sagt Ipek sichtlich empört.

Und dieser Hilferuf ging über die Grenzen von Celle hinaus. Am Montagabend waren vor allem noch Celler Jugendliche auf beiden Seiten, am Dienstag habe man aber viele junge Männer in Autos mit fremden Kennzeichen gesehen. "Die haben provoziert", sagt Musaew. Zaliakan Kharatschov, einer der tschetschenischen Ältesten, vermutet, dass der Konflikt zwischen den Gruppen absichtlich geschürt worden sein könnte - von Außenstehenden. "Da ist eine Gruppe, die versucht, zwischen uns Streit zu verbreiten", sagt er.

Dafür gebe es bislang keine Hinweise, meint Polizeisprecher Guido Koch. Es habe am Dienstag tatsächlich einen Anteil von zugereisten Männern gegeben, die sich an der Schlägerei beteiligt hätten, doch es sei nicht die Mehrheit gewesen. War der Streit denn durch den Krieg im Irak befeuert worden? Koch überlegt. "Das kann ich mir nicht vorstellen", sagt er. Keine der Gruppen hätte Banner oder Plakate dabei gehabt, es seien keine Sprechchöre gegen den Krieg gerufen worden. "Es war wohl eher ein Ventil für Alles." Frust, Wut. Beide Seiten hatten am Dienstag mehrfach versucht, die Polizeiketten zu durchbrechen und mit Dachlatten, Flaschen und Steinen auf die Gegenseite loszugehen. Das Ergebnis: Vier verletzte Demonstranten und fünf verletzte Polizeibeamte.

Nun soll wieder Ruhe in Celle einkehren. Die Polizei müsse hart gegen Randalierer durchgreifen, egal woher sie kämen und zu welcher Gruppe sie gehören, fordert der Jeside Ipek. Außerdem wollen die Gruppen gemeinsame Gespräche starten, vielleicht sogar ein gemeinsames Zentrum gründen. "Da können unsere Jugendlichen sich kennenlernen", sagt die Tschetschenin Sulidian Kharatschoewa.

Heiko Randermann

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