Forschungsrakete abgestürzt

Rakete schlägt in Kinderzimmer ein

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Einschlag ins Wohnhaus: Wie durch ein Wunder wurde bei diesem Unglück in Leiferde niemand verletzt.

Leiferde - Eine Experimentalrakete der TU Braunschweig hat ein Kinderzimmer eines Wohnhauses in Leiferde im Landkreis Gifhorn verwüstet. Wie durch ein Wunder ist niemand verletzt worden: Die Bewohner, eine Mutter mit zwei Kindern, waren gerade nicht zu Hause.

Auf dem Wickeltisch liegen Putz und Holzsplitter, im Dach klafft ein Loch, ebenso in der Wand des Kinderzimmers – eine von Studenten der Technischen Universität Braunschweig abgefeuerte Forschungsrakete ist im Landkreis Gifhorn in ein Wohnhaus eingeschlagen. Wie die TU am Montag mitteilte, war das acht Kilogramm schwere Geschoss am Sonntagnachmittag aus bisher ungeklärter Ursache außer Kontrolle geraten und in Leiferde über einem Wohngebiet abgestürzt. Die Universität sprach gestern von einem „gravierenden“ Unfall.

Verletzt wurde niemand, als die 1,60 Meter lange Rakete zunächst das Dach und dann mehrere Wände durchschlug und am Ende einen Stromverteilerkasten im Haus zerstörte. Die 38 Jahre alte Mutter und ihre zwei Kinder waren zum Zeitpunkt des Einschlags nicht zu Hause. Das Zimmer des zweieinhalb Jahre alten Jungen unter dem Dach wurde verwüstet. Die Höhe des Schadens steht nach Polizeiangaben noch nicht fest.

Die Studenten der Experimentalraumfahrt Interessengemeinschaft ERIG hatten die Rakete namens Mephisto auf dem Modellflugplatz in Hillerse gestartet, etwa zwei Kilometer vom Einschlagsort entfernt. In der Arbeitsgemeinschaft forschen die Nachwuchswissenschaftler in ihrer Freizeit unter anderem für das Institut für Luft- und Raumfahrt in Braunschweig.

Warum die Rakete vom Kurs abkommen konnte, war am Montag unklar. „Das versuchen wir noch herauszufinden“, sagte TU-Sprecherin Elisabeth Hoffmann. „Mephisto“ erreicht laut Hoffmann eine Höhe von etwa 1000 Metern und geht in der Regel durch Fallschirme gesichert in einem Radius von 800 Metern nieder. Warum sie diesmal im etwa zwei Kilometer entfernten Wohngebiet einschlug, wird Teil der Ermittlungen sein. Bis die Ursache für den Unfall gefunden ist, sollen keine weiteren Flugtests mehr stattfinden, versicherte Hoffmann. „Die Analyse hat oberste Priorität. Wir bedauern es sehr, dass es zu dem Unfall gekommen ist.“ Ein Sprecher der Studenten wollte sich nicht äußern.

Die Arbeitsgemeinschaft ERIG arbeitet laut Hoffmann seit 15 Jahren unfallfrei. Für den Raketenstart habe es eine Genehmigung des Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Wolfenbüttel gegeben. Auch die Flugsicherung in Bremen war über den Test informiert, wie ein weiterer Vertreter der Studenten sagte. Hoffmann versicherte, der Schaden am Haus werde auf Kosten der ERIG repariert. Die AG sei für solche Fälle versichert. Die TU werde sich bei den betroffenen Bewohnern entschuldigen.

Die Staatsanwaltschaft wurde vorerst nicht eingeschaltet. Bislang bewertet die Polizei den Absturz des mit Festbrennstoff betriebenen Flugkörpers als Unfall und nicht als gefährlichen Eingriff in den Flugverkehr. Das Haus war am Montag noch unbewohnbar. Dachdecker schlossen das Loch, das die Rakete geschlagen hatte. Eine Etage tiefer reparierte der Elektriker den Sicherungskasten. „Heute Abend haben wir wieder Strom“, versprach er.

Die 38-jährige Mutter und ihre zweieinhalb und sechs Jahre alten Kinder verbrachten die Nacht nach dem Unfall im Haus der Großeltern. Der Großvater der Kinder wundert sich, warum Raketenexperimente über einem dicht besiedelten Gebiet vorgenommen werden. „Ich finde das sehr bedenklich“, sagte der 62-Jährige am Montag.

„Mephisto“ auf Abwegen

Sie ist 1,60 Meter hoch und etwa acht Kilogramm schwer: die selbstgebaute Rakete „Mephisto“ der Experimentalraumfahrt Interessengemeinschaft ERIG an der Technischen Universität Braunschweig. Der im Februar erstmals getestete Flugkörper ist nach Angaben der Studenten die derzeit größte Experimentalrakete der ERIG, einem von der TU rechtlich unabhängigen studentischen Verein. In ihm bauen die Nachwuchsforscher unterschiedlicher Fachrichtungen in ihrer Freizeit gemeinsam Experimentalraketen und nehmen damit am sogenannten STERN-Programm des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt teil. Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist nach Angaben der Uni, „dass die Studierenden bei ihren Experimenten Studieninhalte praktisch anwenden“.

„Mephisto“, eine überschallfähige Experimentalrakete mit Hybridtriebwerk, ist nach dem Baukastenprinzip konzipiert und kann abhängig von den verwendeten Modulen eine Länge von mehr als zwei Metern erreichen und bis zu zehn Kilogramm schwer werden. Mit der Rakete wollen die Studenten „neu entwickelte Systeme in der Praxis erproben“. Je nach verbautem Motor kann „Mephisto“ eine Flughöhe von bis zu 2500 Metern erreichen. Am Sonntag flog sie etwa 1000 Meter hoch. doe

Dirk Reitmeister / Karl Doeleke

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