Mangel an Medizinern

Reif für die Insel – aber nicht mehr als Ärztin

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Foto: Immer immer Einsatz: 26 Jahre lang hat Ellen Althainz als Inselärztin auf Baltrum gearbeitet. Im Herbst will sie sich zur Ruhe setzen. Eine Nachfolgerin wurde noch nicht gefunden.

Baltrum - Inselarzt verzweifelt gesucht: Weil auf Baltrum eine Inselärztin nach 26 Jahren aufhören will, sucht die kleinste Ostfiresische Insel händeringend nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin – bislang ohne Erfolg.

Ellen Althainz hat genug. Die Sommersaison macht sie noch, im Oktober hört sie als Inselärztin auf Baltrum auf - nach 26 Jahren. Dann hat die kleinste Ostfriesische Insel nur noch eine Ärztin. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für Althainz ist bislang noch nicht gefunden worden, obwohl die Gemeinde seit mehr als einem Jahr intensiv sucht, mit Anzeigen und Plakaten. Gäste hat man angesprochen, die Krankenhäuser auf dem Festland, sogar Kontakte nach Rumänien geknüpft, die Goethe-Institute im Ausland um Hilfe gebeten. Bislang ohne Erfolg. Bürgermeisterin Antje Wietjes-Paulick (CDU) setzt jetzt ihre Hoffnung auf die Annoncen, die in den beruflichen Fachzeitschriften erscheinen.

Ellen Althainz bleibt auf der Insel, denn die 56-Jährige liebt das Meer. Nur als Inselärztin habe sie lange genug gearbeitet, meint sie. Die Medizinerin spricht von Kollegen, die jung krank geworden sind. „Ich will nicht arbeiten, bis ich umfalle“, sagt sie. Ganz zurückziehen wird sich die gebürtige Süddeutsche nicht, solange noch kein Nachfolger gefunden ist. Wenn ihre Kollegin Urlaub machen will, werde sie diese erst einmal vertreten, sagt Althainz.

Ein Arzt allein kann keine Insel versorgen. Inselarzt - das heißt schon für zwei Ärztinnen im Sommer Stress pur. Dauernd im Einsatz, auch in der Nacht und am Wochenende, immer ansprechbar, das medizinische Spektrum ist breit und reicht von Masern über Beinbrüche bis zum Schlaganfall. Gerade auf den kleinen autofreien Inseln mit tideabhängigen Fährverbindungen wie Baltrum oder Wangerooge sind die Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten begrenzt. Im Dorf ist der Arzt bekannt wie der Pfarrer, Lehrer oder Polizist. Auf den größeren Insel mit Autoverkehr und regelmäßigen Fährverbindungen gibt es deutlich mehr Ärzte. Auf Borkum und Norderney haben sich gleich fünf oder sechs Allgemeinmediziner niedergelassen.

„Insel muss man können, der Sprung auf eine Insel ist etwas Besonderes“, sagt der Juister Bürgermeister Dietmar Patron. Vor einem Jahr ging es seiner Insel ähnlich wie Baltrum. Auch dort hatte ein Arzt aufgehört, auch dort war es sehr schwer, einen Nachfolger zu finden. Schließlich fand man Alberto Gonzales-Campanini. Eine dreimonatige Vertretung auf Wangerooge hatte dem Bolivianer das Inseldasein schmackhaft gemacht. Es war für ihn schließlich keine Frage, dass er vom Krankenhaus in Norden auf die Insel wechseln wollte. „Ich bin ein Wassermensch“, sagt er. Und fügt hinzu: „Auf einer Insel muss man Arzt mit Leib und Seele sein, wer bloß einen Job sucht, ist hier falsch.“

Ärzte auf den Inseln müssen besonders oft Bereitschaftsdienst machen. Von der Kassenärztlichen Vereinigung gibt es dafür eine Erschwerniszulage. Die Höhe der Zulage ist abhängig von der Zahl der Mediziner, die sich den Bereitschaftsdienst teilen - je weniger Ärzte, desto mehr Arbeit und mehr Geld.

Weil Mietwohnungen knapp und teuer seien, hätten Ärzte - wie andere Arbeitnehmer, die vom Festland kommen - oft Schwierigkeiten, eine Bleibe zu finden, sagt Langeoogs Bürgermeister Uwe Garrels.

Auf Spiekeroog gibt es ein Internat, an dem auch Schüler, die zuhause wohnen, ihr Abitur machen können. Das war für den dreifachen Vater Martin Schwarzwälder und seine Frau, die ebenfalls Ärztin ist, der Grund, ihre Praxis dort und nicht auf einer anderen Insel aufzumachen. Anderswo, auch auf Baltrum, gehen die Schulen nur bis zur 10. Klasse. Die Oberstufe müssen die Jugendlichen dann auf dem Festland besuchen. „Das wollte ich für meine Kinder nicht“, sagt Schwarzwälder.

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