Nelson Mandela ist tot

Der reife 
Revolutionär

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Nelson Mandela ist am Donnerstag im Alter von 95 Jahren gestorben.

Pretoria - Ihm gelang, was kaum jemand für möglich gehalten hatte: 
Er brachte seinem von der Apartheid zerrissenen Land den Frieden. Jetzt ist Nelson Mandela, Südafrikas großer Versöhner, im Alter von 95 Jahren gestorben.

Unter Kindern fühlte er sich stets besonders wohl. Wie wohl, zeigten die Pressekonferenzen, die Nelson Mandela während seiner Jahre als Präsident von Südafrika oft auf den Stufen vor seinem Kapstädter Amtssitz abhielt, gleich neben einem stark frequentierten Fußweg. Für gewöhnlich endete das offizielle Prozedere mit dem jeweiligen Staatsgast immer dann, wenn Mandela am Zaun eine Gruppe von Schülern entdeckte und schnurstracks zum Händeschütteln hinüberlief – seinen Besucher, aber auch dessen entsetztes Sicherheitspersonal im Schlepptau.Mit Vorliebe ließ er die begeisterten Schüler bei solchen Anlässen wissen, wie sehr er sich freue, sie treffen zu dürfen. Auch die Frage nach den Berufswünschen, die Mandela stets mit einem wohlwollenden Kopfnicken quittierte, stand ganz oben.

Vermutlich speiste sich die tiefe Liebe Mandelas zu Kindern aus seinen einsamen Jahren auf der Gefängnisinsel Robben Island, wo ihm lange Zeit jeder nähere Kontakt mit Besuchern verwehrt war – nicht mal seine eigenen Kinder durfte er berühren. Christo Brand, der damals als Wächter auf der Insel arbeitete, erzählte später, dass er Mandela nur ein einziges Mal weinen sah – aus Verzweiflung darüber, dass er seinen von Ehefrau Winnie mitgebrachten kleinen Enkel nicht halten durfte. Mit einem Trick ermöglichte es Brand schließlich doch, dass Mandela das Baby zumindest kurz in den Arm nehmen konnte. „Er küsste den Kleinen, schmiegte ihn fest an sich – und musste doch gleich wieder von ihm lassen. Tränen liefen ihm übers Gesicht“, erzählt Brand.

Kein Wunder, dass die Journalistin Charlene Smith, die eines von Dutzenden Büchern über Mandela schrieb, zur Erklärung der tiefen Zuneigung seines Landes für Mandela diesen Vergleich bemüht: „Südafrika war eine Nation misshandelter Kinder“, schreibt sie. „Er kam aus dem Nichts – und liebte uns alle.“

Am Donnerstag ist Südafrikas großer Versöhner im Alter von 95 Jahren in seinem Haus in Johannesburg gestorben. Zuletzt war er im Sommer wegen einer schweren Lungenentzündung im Medi-Clinic-Heart-Krankenhaus in der Hauptstadt Pretoria behandelt worden; seine letzten Wochen verbrachte er im Kreis seiner Familie. 27 Jahre seines Lebens saß der Anwalt und Freiheitskämpfer im Gefängnis und verschwendete doch keinen Gedanken an Rache. „Wer Hass verspürt, der kann nie frei sein“, sagte er kurz nach der Freilassung aus der Haft im Februar 1990 – und formulierte damit sein Lebensmotto.

Was nach jenem legendären 11. Februar geschah, als Mandela Hand in Hand mit seiner damaligen Ehefrau Winnie durch das Gefängnistor in die Freiheit schritt, ist heute Geschichte: Der einst prominenteste Gefangene der Welt führte seinen Afrikanischen Nationalkongress (ANC) in den ersten freien Wahlen des Landes im April 1994 zu einem überwältigenden Wahlsieg und wurde erster schwarzer Präsident im Land der Rassentrennung. Sein stetes Bemühen um eine Aussöhnung mit den Weißen und sein unverbrüchliches Festhalten an einer Verhandlungslösung gelten heute als die größte Leistung des Mannes, der mit 75 Jahren über die Bosheit der Apartheid triumphierte. Die Welt hat ihm zeitlebens Bewunderung dafür gezollt.

Aber noch etwas zeichnete Mandela aus: Anders als viele andere afrikanische Gründerväter trat er nach nur einer Amtszeit 1999 zurück – und zeigte damit ein Verhalten, das in Afrika heute noch immer zu den großen Ausnahmen zählt.

Allerdings wurde „Madiba“, wie das Volk ihn fast zärtlich bei seinem Stammesnamen nennt, nach seiner Freilassung auch schnell mit der Realität Südafrikas konfrontiert: Hatten nicht wenige in ihm einen politischen Messias gesehen, so zeigte sich in den darauffolgenden Jahren trotz einiger spektakulärer Erfolge, dass selbst er die Probleme des rassisch zerrissenen Landes nicht durch Handauflegen heilen konnte.

Anders als in den vielen Sonntagsreden haben sich die Menschen unterschiedlicher Hautfarbe am Kap seit dem Ende der Apartheid nicht verbrüdert. Statt miteinander leben Schwarz und Weiß noch immer eher nebeneinander – jetzt allerdings in Frieden, was weit mehr ist, als man noch vor einem Vierteljahrhundert erwarten durfte, als dem Land regelmäßig ein blutiger Rassenkrieg prophezeit wurde.

Stimmen zum Tod von Nelson Mandela

"Die Welt hat einen der einflussreichsten und mutigsten Menschen verloren." (Barack Obama)

„Er war ein Mann von unglaublichem moralischen Mut, der den Gang der Geschichte in seinem Land veränderte“ (George W. Bush)

„Viele Menschen auf der ganzen Welt waren von seinem selbstlosen Kampf für menschliche Würde, Gleichheit und Freiheit stark beeinflusst. Er hat unsere Leben auf sehr persönliche Art und Weise berührt“ (UN-Generalsekretär Ban Ki Moon)

„Was für eine unendlich traurige Nachricht. Dein Mut und deine Kraft werden uns Fehlen. R. I. P. , Nelson Mandela!“ ( Katja Kipping)

„Die Welt hat einen großen Menschen verloren.“ (Jürgen Trittin)

Mandela selbst hat immer wieder davor gewarnt, ihn in einer heldenlosen Zeit unkritisch zum Helden zu machen. Viele taten es dennoch, weil sie seine Komplexität nicht verstehen wollten. Er selbst hat seine Fehler oft anerkannt, wie etwa das Versäumnis, in seiner Amtszeit mit mehr Nachdruck gegen die Ausbreitung der Aids-Epidemie am Kap vorzugehen. Bei so viel Einsicht verzieh die Welt es ihm auch sofort, als er die iranische Revolution als Vorbild für die Menschheit pries. Überhaupt liest sich die Liste der Potentaten, denen er seine Aufwartung machte, wie ein Who’s who der politisch Aussätzigen: Castro, Arafat und gleich sechsmal Gaddafi. Sei’s drum. Mandela wurde noch nie mit denselben Maßstäben gemessen wie andere.

Dies liegt vor allem daran, dass er alles andere als ein normaler Politiker war: Er war der Vater und das Symbol der Regenbogennation, aber eben noch viel mehr. Er war ein Prominenter der Prominenten, wenn man so will. Einer, den sogar David Beckham und Boris Becker um ein Autogramm baten. Eine Art überkonfessioneller Weltpapst. Was aber ist es, neben seinem enormen Charisma, das Mandela bei Jung und Alt, Schwarz und Weiß, im Ausland wie daheim zu einem solchen Ausnahmepolitiker machte?

Seine Vita gibt nur wenig Aufschluss: Als Anwalt fiel er nicht weiter auf, als Chef der Befreiungsarmee des Afrikanischen Nationalkongresses tendierte seine Wirkung gegen null. Als Redner wirkte er mit seiner harten Stimme eher hölzern und belehrend.

Um seine Popularität zu ergründen, muss man weit in die Vergangenheit zurückgehen. Vermutlich waren es gerade die unmodernen Tugenden der für Mandela so prägenden viktorianischen Epoche und seine königliche Herkunft, die ihm die Bewunderung der Welt eingetragen haben: etwa seine Bescheidenheit und Zurückhaltung bei der Ausübung von Macht. Und sein moralisch stets einwandfreies Handeln, das ihm besonders wichtig war, weil der Zweck für ihn eben nicht die Mittel heiligte. Natürlich auch sein untrügliches Gespür für die große Geste, etwa im Jahre 1995, als er ganz Südafrika ausgerechnet hinter dem bei den Schwarzen verhassten Rugby-Team der Springboks scharte. Und überhaupt die Großmut, nach mehr als 10 000 Tagen Haft nicht auf Rache zu sinnen, sondern stets an der Aussöhnung festzuhalten.

Nach den Jahrzehnten in der Politik war Mandela in den letzten Jahren doch noch etwas Zeit für seine Familie und all die Kinder vergönnt, die er in seinem Kampf für Gerechtigkeit so lange entbehren musste. „Ich möchte in mein Dorf zurückkehren und über die Hügel meiner Kindheit wandern, dorthin, wo einst alles begann“, schreibt er in seiner ausgesprochen lesenswerten, weil unprätentiösen Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“. Mit der Rückkehr nach Qunu, in seine kleine Welt am östlichen Kap, wo er bis Ende vergangenen Jahres lebte, ehe die jüngsten Krankenhausaufenthalte den Umzug nach Johannesburg notwendig machten, ist er dem Beispiel vieler Afrikaner gefolgt, die sich für ihre letzten Jahre in die Heimat ihrer Ahnen zurückziehen. In Qunu soll er auch beigesetzt werden.

Mandelas Leben und Leiden symbolisieren wie nichts anderes das Trauma und den Konflikt, aber auch das enorme Potenzial Südafrikas. Er und Frederik Willem de Klerk, der letzte weiße Präsident, waren die einzigen, die dank einer glücklichen Fügung der Geschichte das politische Patt am Kap durchbrechen konnten. Man mag nun streiten über das, was bleibt, vor allem jetzt, wo seine Nachfolger Mandelas Erbe in erbitterten Machtkämpfen schneller als erwartet verspielen.

Aber etwas Großes wird dennoch Bestand haben von der Ära des Nelson Mandela – etwas, das für viele inzwischen längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist: Südafrikas Menschen leben heute in einem freien Land, auch wenn es noch immer viel Armut, Kriminalität und anderen sozialen Konfliktstoff gibt. „Seine Ideale und sein Wunsch nach Freiheit haben am Ende gesiegt“, resümiert der 88-jährige Colin Eglin, ein großer südafrikanischer Liberaler. „Wir können uns unendlich glücklich schätzen, am Kap einen solch reifen Revolutionär gehabt zu haben.“

Von Wolfgang Drechsler

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