Sonnenfinsternis in Deutschland

Rendezvous im Schattenreich

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Foto: Der Bedeckungsgrad der Sonnehängt von der geografischen Lage ab: In Hannover etwa sind es 77 Prozent

Hannover/Berlin - Frisst ein Drache die Sonne, stehlen Dämonen das Licht? Seit Jahrhunderten beschäftigt die Sonnenfinsternis die Fantasie der Menschen. Die moderne Gesellschaft fürchtet nur eins: Dass an diesem Freitag der Strom ausfällt.

Phaethon ist schuld, der Sohn des Sonnengottes Helios. Die Griechen glaubten, dass Helios seinen Himmelswagen, gezogen von vier feurigen Pferden, von morgens bis abends über das Firmament lenkte. Eines Tages durfte Phaethon endlich auch einmal das goldene Gefährt steuern. Doch der Halbstarke scheiterte, er konnte die Rosse nicht bändigen, kam der Erde zu nahe, das blühende Libyen verbrannte zur Wüste. Das sah Zeus, zürnte und beendete das Drama, indem er Phaethon mit einem Blitz erschlug. Helios trauerte um seinen Sohn und verhüllte sein Antlitz – das war die allererste Sonnenfinsternis. So erzählt es der Dichter Ovid in seinen „Metamorphosen“.

Heute weiß man, dass einfach nur der Neumond die Sonnenscheibe verdeckt, also der Schatten des Mondes über die Erde streicht. Wenn Deutschland morgen Vormittag im Halbschatten des Mondes liegt, werden bis zu 82 Prozent der Sonne nicht mehr zu sehen sein, es handelt sich also um eine partielle (teilweise) Finsternis.

Himmel verdunkelt sich nicht

Der Bedeckungsgrad hängt von der geografischen Lage ab: In Hannover etwa sind es 77 Prozent, in Leipzig 73, in München nur 68 Prozent. Die restlichen 20 bis 30 Prozent der Sonne aber strahlen so stark, dass sich der Himmel nicht verdunkeln wird. „Es wird etwa so sein, als ob sich eine Wolke vor die Sonne schiebt“, erklärt Professor Hans-Ulrich Keller vom Planetarium Stuttgart.

Der Effekt ist also nicht vergleichbar mit einer totalen Sonnenfinsternis, bei der der Tag für kurze Zeit zur Nacht wird – ein Erlebnis, das die Menschen einst zutiefst erschüttert hat. Praktisch alle Kulturen des Altertums kannten sagenhafte Geschichten, die zu erklären versuchten, warum die Sonne manchmal am helllichten Tag schwarz wurde. Die Astronomen Babylons wussten zwar aus jahrhundertelangen Beobachtungen, dass totale Sonnenfinsternisse in gewissen Abständen wiederkehren, eine Erklärung dafür hatten sie jedoch nicht. Ägypter und Azteken glaubten an Götter und Dämonen, die Chinesen an einen bösen Drachen, der die Sonne fressen wolle – immer galt eine Finsternis als höchst bedrohliches Ereignis, denn alle wussten, dass es ohne die Sonne kein Leben geben kann.

Viel ist nicht geblieben von dem Schrecken früherer Zeiten. Und dennoch gibt es Szenarien, die im modernen Gewand an das Grauen unserer Ahnen erinnern. So warnen die Stromnetzbetreiber seit Wochen vor einem Blackout: Die Verschattung der Sonne führe dazu, dass die Leistung der deutschen Solaranlagen in kurzer Zeit von 17 500 auf 6200 Megawatt einbreche. Dann steige sie wieder bis 12 Uhr auf bis zu 25 000 Megawatt, weil die Sonne gegen Mittag heller strahlt als am Morgen.

Die enorme Schwankung könnte zum Stresstest für die Stromnetze werden, vielleicht falle der Strom sogar komplett aus, unken die Unternehmen. Denn: Bei der letzten Sonnenfinsternis 1999 hingen längst nicht so viele Solaranlagen am Netz wie heute.Studien zeigen, dass es tatsächlich ein Problem geben könnte – jedoch ein durchaus lösbares: Morgen werden die Netzbetreiber mehr so genannte Regelleistung vorhalten, mit der Schwankungen im Stromnetz ausgeglichen werden. Sollte es bewölkt sein, gibt es ohnehin gar kein Stromproblem, da die Solaranlagen dann gar keine Energie liefern.

Dann entgeht allerdings auch Millionen Menschen ein Schauspiel, das eine Ahnung davon vermittelt, mit welcher Präzision das Uhrwerk des Universums tickt. 1842 sah der Dichter Adalbert Stifter in Wien eine totale Sonnenfinsternis. Tief beeindruckt notierte er: „Eine solche moralische Gewalt ist in diesen physischen Hergang gelegt, dass er sich unserem Herzen zum unbegreiflichen Wunder emportürmt.“ Und: „Es war nichts anderes, als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen, und ich hätte es verstanden.“

Faszinierende Ergebnisse

Professor Keller, der schon mehrere totale Sonnenfinsternisse beobachtet hat, sieht das nüchterner. „Ich bin da nicht so emotional“, sagt der Astronom. Um so faszinierter ist er von den Ergebnissen, die die Wissenschaft der schwarzen Sonne verdankt. 1851 konnte erstmals die Korona, die zehn Millionen Grad heiße äußere Hülle der Sonne, fotografiert werden – der Strahlenkranz war damals nur während einer Finsternis zu beobachten. Neun Jahre später gelang mit Fotos der Beweis, dass es gewaltige Eruptionen auf der Sonne gibt. Die Forscher reisten damals wochenlang um die halbe Welt, um ihre Experimente durchführen und wenige Minuten eine verfinsterte Sonne beobachten zu können: Eine totale Finsternis kann nie länger als sieben Minuten und 31 Sekunden dauern, weil der Mondschatten mit etwa 2500 Stundenkilometern über die Erdoberfläche rast. In Deutschland waren es im August 1999 nur zwei Minuten und 23 Sekunden.

Manchmal reichen Minuten, um Wissenschaftsgeschichte zu schreiben: 1919 war es eine Finsternis, mit der Albert Einsteins Relativitätstheorie bewiesen wurde – was ihn zum weltweit gefeierten Superstar machte. Er hatte vorausgesagt, dass Licht durch die Masse eines Himmelskörpers abgelenkt wird. Fotos von der Finsternis zeigten, dass die nun sichtbaren Sterne in der Nähe der Sonne scheinbar nicht an ihren gewohnten Plätzen standen – eine optische Täuschung, hervorgerufen durch das Gravitationsfeld der Sonne. Die Ablenkung des Lichts war minimal, entsprach aber genau dem Wert, den Einstein errechnet hatte.

Heute können Sonnen- und Mondfinsternisse für Tausende Jahre minutengenau nach- und vorausberechnet werden. Eines Tages aber wird es keine mehr geben. Denn der Mond verdeckt die Sonne nur deshalb exakt, weil er 400 mal kleiner als die Sonne, zugleich der Erde aber zufällig auch 400 mal näher ist. Das ändert sich: Die Gezeitenberge auf den Meeren geben dem Mond mit ihrer Anziehungskraft etwas mehr Schwung, weshalb sich unser Trabant jährlich um etwa vier Zentimeter von uns entfernt. Irgendwann wirkt seine Scheibe am Himmel so klein, dass sie die Sonne nicht mehr vollständig verdecken kann. Bis dahin dauert es noch etwa 600 Millionen Jahre. Für die Menschen eine Ewigkeit, in astronomischen Maßstäben ein eher kurzer Zeitraum.

Von Udo Harms

Niemals ohne Augenschutz!

Um die Sonnenfinsternis zu sehen, benötigt man keine elektronischen Geräte: Der Blick in Richtung Himmel genügt. Allerdings sollte der niemals ohne eine spezielle Schutzbrille erfolgen. Die Strahlung der Sonne ist extrem gefährlich für die Augen – auch noch während der Verdunkelung! Mögliche Folgen sind Entzündungen und Sehschäden im schlimmsten Fall bis zur Erblindung. Passende Brillen mit speziellen Schutzfolien sind inzwischen allerdings fast überall ausverkauft. Rußgeschwärzte Gläser, schwarze Filmstreifen oder andere Hausmittel sind kein Ersatz dafür. Möglich aber ist eine simple Lochkamera: Man nimmt zwei etwa 25 mal 25 Zentimeter große Pappstücke und bohrt in eines ein kleines Loch. Diese hält man dann so zur Sonne, dass das Sonnenlicht durch das Loch auf das zweite, im Schatten liegende Pappstück fällt. Auf dieser „Leinwand“ zeichnet sich dann das Bild der Sonnenscheibe ab – klein, aber scharf.

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