Wenn nichts mehr hilft

Resistenz gegen Antibiotika nimmt zu

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Foto: Medikamente können Leben retten – bei immer mehr Menschen wirken Antibiotika jedoch nicht mehr.

Berlin - Antibiotika werden nach Anicht von Experten viel zu häufig eingesetzt – auch in der Tiermast. Mehr als sechs Millionen Deutsche tragen laut einer Studie deshalb resistente Keime in sich. Lebensrettende Medikamente wirken bei ihnen nicht.

Mehr als sechs Millionen Deutsche leben laut einer neuen Studie mit der Gefahr, dass ihnen im Falle einer Krankheit Antibiotika nicht mehr helfen. Sie tragen besonders problematische Keime in sich, die multiresistent sind. Im Fall einer Infektionskrankheit ist bei ihnen eine Vielzahl der Antibiotikagruppen wirkungslos. Das Gefährliche daran ist, dass die Betroffenen in der Regel nichts von ihrer „antimikrobiellen Resistenz (AMR)“ ahnen.

In einer Studie des Tumorzentrums Aachen im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion heißt es, dass schon jetzt bis zu 30.000 Patienten jährlich in deutschen Krankenhäusern nicht mehr behandelt werden können: „Sie sterben an Infektionen im Krankenhaus, die oftmals durch multiresistente Keime verursacht werden, das heißt, hier helfen keine Antibiotika mehr.“ Aufgrund der ungebremsten Zunahme solcher Keime sprechen Mediziner schon von einem „postantibiotischen Zeitalter“.

Besonders düster seien die Aussichten für Menschen, deren Immunsystem vorübergehend oder dauerhaft geschwächt ist, zum Beispiel durch eine Krebserkrankung. „Diese realistische Gefahr ist bislang kaum in das öffentliche Bewusstsein vorgedrungen“, warnt die Studie.

Tiere übertragen resistente Keime

Die Autorin, die Epidemiologin Angela Spelsberg, nennt zwei Gründe für die gefährliche Entwicklung: die starke Zunahme des Antibiotikaverbrauchs beim Menschen und in der Tiermast. Die resistenten Keime können direkt vom Tier auf den Menschen übertragen werden, der häufigere Weg ist indes der über die Nahrungskette.

Laut Studie werden jährlich 816 Tonnen Antibiotika in der Humanmedizin und mehr als doppelt so viel (1.706 Tonnen) in der Veterinärmedizin eingesetzt. Im Tierbereich weist die Studienleiterin besonders auf die Massentierhaltung hin: „Die industrielle Produktion von großen Mengen preisgünstigen Fleisches braucht zwingend den Einsatz von Antibiotika.“ In vielen Ställen würden starke Medikamente schon vorbeugend an Tiere verfüttert - also auch an gesunde. In der Tiermast sind schon Fälle bekannt, in denen Viehbestände selbst schon gegen Antibiotika resistent sind. Dann werden sogenannte Reserveantibiotika eingesetzt, die eigentlich für Menschen überlebensnotwendig sein können. Hier sehen Forscher die Gefahr, dass sich ein Teufelskreis auftut.

Als Zielvorgabe für die Politik rät die Studie zu einer Reduzierung des Verbrauchs um mindestens 50 Prozent in den nächsten fünf Jahren. Erfahrungen aus Dänemark, den Niederlanden und Frankreich zeigten, dass „ein Bann der Reserveantibiotika in der Tiermast durchsetzbar ist“. Im Übrigen hätten Studien offenbart, dass Keimvorkommen in kleineren ökologisch-bäuerlichen Tierhaltungen deutlich geringer seien als in Großtierbeständen. Diesen Umstand greift die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, in einer Stellungnahme zur Studie auf: „Mit der Billigfleischproduktion und dem dafür nötigen hohen Antibiotikaeinsatz bei den Tieren schaden wir letztendlich unserer eigenen Gesundheit.“

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