Beinfreiheit im Flugzeug

Revierkämpfe über den Wolken

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Eine Art Notwehrmechanismus in der Holzklasse: der „Knee Defender“.

Hannover - Wie viel Enge erträgt ein Fluggast? Wenn der Vordermann die Rückenlehne zu weit verstellt, kann es schon mal hitzig werden. Der Streit um die Beinfreiheit führt neuerdings sogar zu Notlandungen.

Es muss mit der klaustrophobischen Situation zu tun haben. Der Ausweglosigkeit Tausende Meter über dem Boden, eingepfercht in eine Metallkapsel, aus der es kein Entrinnen gibt. Da sitzt man also, links der korpulente Mitreisende, rechts die Bordwand und vor der Nase der Scheitel des Vordermannes. Und dann: rumms! stellt der auch noch seine Rückenlehne nach hinten, und die Enge ist plötzlich unerträglich.

Das ist der Moment, in dem man sich schwört, nie wieder in der Economy Class zu fliegen, koste es, was es wolle. Oder man dreht durch. Allein in der vergangenen Woche ist der Kampf um die Beinfreiheit im Flugzeug zweimal so sehr eskaliert, dass die Maschinen notlanden mussten. Zuletzt legte ein Flugzeug der American Airlines einen ungeplanten Stopp in Boston ein, um einen 61-jährigen Franzosen loszuwerden. Er hatte sich auf dem Flug von Miami nach Paris so sehr über seinen Vordermann und dessen Liegeposition echauffiert, dass auch die Beschwichtigungsversuche eines Flugbegleiters nutzlos blieben. Statt sich zu beruhigen, griff der erzürnte Gast nach dem Arm des Stewards - und fand sich kurz darauf in Handschellen wieder, weil auch zwei Air Marshals mitflogen.

Einen Tag zuvor waren in einer United-Airlines-Maschine auf dem Weg von Newark nach Denver ein 48-Jähriger und die vor ihm sitzende Frau aneinandergeraten. Sie wollte liegen, er wollte am Laptop arbeiten - und hatte einen „Knee Defender“ an seinem Klapptablett befestigt. Zwei Plastikbügel blockieren den Mechanismus, der die Lehne nach hinten klappen lässt. Viele Fluggesellschaften haben den Defender längst verboten, auch United Airlines. Die Lage geriet außer Kontrolle, als die Frau ihrem Peiniger ein Glas Wasser über den Kopf goss. Zwischenlandung in Chicago, Platzverweis für die Streithähne und die Aussicht auf bis zu 25.000 Dollar Strafe.

In Zeiten engst bestuhlter Billigflieger ist die Beinfreiheit zum wichtigen Punkt geworden. Viele Airlines bieten gegen Aufpreis Plätze mit ein wenig mehr Luft nach vorne an, und in Internetforen wird eifrig verglichen, welcher Anbieter der beste ist. Häufig gewinnt übrigens Malaysia Airlines – gegen die roten Zahlen nach dem Verlust von gleich zwei Flugzeugen hilft das aber wohl auch nicht mehr viel.

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