Prozess um gekaufte Jura-Examen

Richter bot Sex und Hilfe an

+
Gericht in Lüneburg: Angeklagt ist der ehemalige Referatsleiter des niedersächsischen Landesjustizprüfungsamtes.

Lüneburg - Im Prozess um gekaufte Jura-Examen haben zwei Zeuginnen bestätigt, Hinweise auf Prüfungslösungen von dem angeklagten Richter erhalten zu haben. Vor Gericht in Lüneburg sagten sie aus, dass es dem ehemaligen Referatsleiter des niedersächsischen Landesjustizprüfungsamtes um Geld und Sex gegangen sei.

Die beiden 30 und 31 Jahre alten Frauen sagten am Dienstag als Zeuginnen im Landgericht Lüneburg gegen den ehemaligen Referatsleiter des niedersächsischen Landesjustizprüfungsamtes aus. Bereits im Frühjahr 2012 habe der Angeklagte ihr ein erstes vages Hilfsangebot gemacht, berichtete eine 30 Jahre alte Ex-Referendarin am Dienstag. Bei einem Treffen in einem Hamburger Café habe er zudem sexuelles Interesse bekundet. „Ich war fassungslos“, sagte sie. „Ich war total schockiert.“ Bereits am vergangenen Donnerstag hatten zwei Zeuginnen von eher eindeutigen Offerten des 48-Jährigen berichtet.

Obwohl sie weder Geld gezahlt habe noch auf sein Angebot eingegangen sei, habe der Richter ihr später mit Hinweisen auf Teile der Prüfung geholfen, auch mit Hinweisen per SMS. So hieß es laut Anklage etwa: „277 scheidet aus“. In einem zweiten Anlauf zur Prüfung hatte sich die Frau verbessern wollen. Auch ihr soll der Richter mit einer Anzeige wegen übler Nachrede und Verleumdung gedroht haben, sollte sie ihn verraten. „Wer würde Dir schon glauben“ habe er gesagt - das hatten auch andere Zeugen schon so berichtet.

„Ich war total verwirrt“

Eine frühere Referendarin aus Hannover gab dem Richter im März vergangenen Jahres 5000 Euro, wie sie am Dienstag berichtete. Sie habe sich parallel zur Prüfung um ihre schwer kranke Mutter kümmern müssen und konnte deshalb nicht für das Zweite Staatsexamen lernen. Im Landesjustizprüfungsamt in Celle habe ihr der damalige Referatsleiter zunächst drei bis vier Klausuren angeboten, das hätte zum Bestehen gereicht. Sein Vorgänger habe dafür 40 000 Euro genommen, soll der Richter laut Zeugin gesagt haben, ohne zunächst selbst eine Summe zu nennen. „Ich war total verwirrt - so etwas erwartet man nicht“, sagte die 31-Jährige.

Im März habe der Angeklagte sie dann Zuhause besucht und Lösungsskizzen mit Stichpunkten und Rechtsvorschriften auf den Tisch gelegt. „Ich habe unter schwerstem Druck gestanden“, berichtete die Frau. Sie habe den Besucher damals als Retter gesehen, gleichzeitig aber Angst vor ihm gehabt. „Ich habe zu dem Zeitpunkt gedacht, es könnte nicht schlimmer kommen“, sagte sie, immer wieder von Tränen unterbrochen.

Zeugin lehnt Entschuldigung des Angeklagten ab

Sie habe sich geirrt. Eine Woche nach dem Richter klopfte die Staatsanwaltschaft an die Tür. Bis heute leide sie unter Schlaflosigkeit, habe außer körperlichen auch seelische Probleme, berichtete die Frau, die damals nach eigener Aussage kurz vor einer aussichtsreichen Karriere an der Universität stand. Eine Entschuldigung des Angeklagten wollte sie nicht hören. „Sie wussten genau, dass Sie observiert werden - wie konnten Sie die Referendare so reinreißen“, sagte sie.

Eine Zeugin aus Hamburg verweigerte am Dienstag die Aussage, andere waren am achten Tag des Verfahrens unter Berufung auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht gar nicht erst erschienen. Die Behörden haben insgesamt 15 Prüfungskandidaten wegen Schummelverdachts im Visier, gegen die Betroffenen wird gesondert verhandelt.

Von Peer Körner

Kommentare