Harzhorn-Schlacht

Die Römer kommen

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„Meist hört man schon am Geräusch, ob das moderner Schrott ist“: Thorsten Schwarz durchforstet seit fünf Jahren den Harzhorn.

Kalefeld - Wo Germaniens Guerilla kämpfte: Bei Northeim liegt das größte erhaltene Schlachtfeld der Antike.

Dicht stehen die Fichten, und die Vergangenheit liegt nur wenige Zentimeter tief in der Erde. „Meist hört man schon am Geräusch, ob das moderner Schrott ist“, sagt Thorsten Schwarz, als er mit der Metallsonde in der Hand über den Waldboden geht. Seit fünf Jahren erkunden der Grabungstechniker und seine Kollegen ein riesiges Areal zwischen Seesen und Northeim.

Im Jahr 235 nach Christus lieferten sich hier, am Höhenzug Harzhorn, Römer und Germanen einen erbitterten Kampf. Nachdem Hobbyschatzsucher die ersten Relikte der Schlacht entdeckt hatten, gerieten ganze Geschichtsbilder ins Wanken: Anders als bislang gedacht, operierten die Römer noch mehr als 200 Jahre nach der verlustreichen Varus-Schlacht im heutigen Niedersachsen. Die Entdeckung des Gemetzels elektrisierte Forscher in aller Welt: Das „größte ungestörte Schlachtfeld der Antike“, wie Archäologen sagen, liegt nicht bei Marathon oder irgendwo vor den Toren Roms – sondern zwischen Ildehausen und Oldenrode im Kreis Northeim.

„Für Schlachten brauchte man damals Platz, sie spielten sich meist in fruchtbaren Ebenen ab“, sagt Michael Geschwinde vom Landesamt für Denkmalpflege. Jahrhundertelanges Umpflügen und der Einsatz von Kunstdünger haben die Spuren der meisten Kämpfe längst vernichtet. Hier aber, im kalkhaltigen Waldboden, haben sich Speerspitzen und Geschossbolzen bis heute erhalten. Für Archäologen eine Jahrhundertentdeckung: „Ein solches Schlachtfeld kann man nicht suchen – das kann man nur finden“, sagt Geschwinde.

Plötzlich piept die Sonde. „Eisen“, sagt Grabungstechniker Schwarz. Mit Kelle und Spatel arbeitet er sich vorsichtig in die Erde vor. Rund 3000 antike Fundstücke haben er und seine Kollegen so schon ans Licht gebracht: Rüstungsteile, Münzen und Hunderte römische Sandalennägel. Außerdem fanden sie Dutzende moderne Klappmesser und eine Bierbüchse „Römer Pils“, spätes 20. Jahrhundert. Diesmal zieht er eine rostige Schraube mit Gewinde aus der Erde. „Eindeutig nicht antik“, sagt er trocken.

Die Ausstellung

Vom 1. September an werden die Funde der Harzhorn-Schlacht erstmals öffentlich präsentiert: Auf rund 1000 Quadratmetern zeigt das Braunschweigische Landesmuseum die Landesausstellung „Roms vergessener Feldzug“. Die 1,8 Millionen Euro teure Schau ist derzeit eines der größten Kulturprojekte Niedersachsens. Mit Leihgaben großer Museen aus halb Europa will sie Einblicke in die Epoche um 235 nach Christus bieten.

Bei wichtigen Funden steckt Schwarz ein Schild mit einer Nummer in den Waldboden und macht ein Foto. „Die Ausrichtung eines Geschossbolzens im Erdreich kann ungeheuer wichtig sein“, sagt er. Tatsächlich ist es den Forschern inzwischen gelungen, in akribischer Kleinarbeit den Schlachtverlauf zu rekonstruieren. „Die Germanen verfolgten eine Art Guerillataktik“, sagt Michael Geschwinde. Bis zu 10 000 Römer, schätzt er, marschierten damals von einem Kampfeinsatz im Norden zurück zu ihrem Basislager in Mainz – ein vier Kilometer langer Heerwurm. Die Germanen lauerten ihnen im Wald auf, vermutlich waren sie aufs Plündern aus – doch die Römer nahmen sie mit Torsionsgeschützen unter Beschuss: „Der Hang ist gespickt mit Geschossen“, sagt Geschwinde. Am Ende türmten die Germanen.

Im Landesamt für Denkmalpflege in Braunschweig stapeln sich in einem klimatisierten Raum all die Relikte der Schlacht, die der Waldboden bislang preisgegeben hat: Das Phallus-Amulett eines Legionärs, Teile eines Wagens, der im Getümmel einen Hang hinabrutschte, zwei lange Lanzenspitzen. Alles ist fein säuberlich nummeriert und verpackt in Kartons. „Manchmal müssen wir mit Röntgengeräten in die Rostklumpen hineinsehen, um zu erkennen, ob sich darin etwas Antikes verbirgt“, sagt Geschwinde. Solche Stücke können Experten dann aufwendig restaurieren.

Unter dem Stereomakroskop betrachtet Sven Spantikow eines der Metallteile vom Harzhorn. „Ausblühungen“, murmelt er. „Die Salze arbeiten im Eisen.“ Spantikow sitzt in der Restaurierungswerkstatt des Braunschweigischen Landesmuseums, und er kämpft hier einen Kampf, der niemals enden wird: Bislang gibt es kein Mittel, um Eisen dauerhaft vor Rost zu schützen. Gleichwohl werden Helme oder Waffen in Entsalzungsbädern behandelt, so gut es geht. Experten entlocken den Relikten der Schlacht dann ihre Geheimnisse: „Wir wissen inzwischen, dass damals Maximinus Thrax, der erste Soldatenkaiser, mit seinen Truppen am Harzhorn vorbeizog“, sagt Museumsdirektorin Heike Pöppelmann.

Nach Rom ist der Imperator während seiner dreijährigen Herrschaft nie gekommen. Dafür hat er jetzt einen festen Platz in Niedersachsens Geschichte.

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