Zwischen Baby und Beruf

Von der Rolle

+

Hannover - Junge Frauen stehen unter immensem Druck: Sie wollen Karriere und Kind – doch eine neue Studie belegt, wie schwer es ist, beides zu vereinen.

Auf dem Kalender, der bei Britta-Maria Brinkhoff über dem Küchentisch hängt, sitzen Janoschs Tierfiguren gemütlich beim Tee, gehen angeln oder liegen faul auf dem Sofa herum. Die Spalten darüber hingegen zeugen vom schnellen Takt eines Lebens, der jede moderne Familie treibt: Da gibt es eine Spalte für die Termine der Grundschullehrerin, die bis zum Ablauf ihrer Elternzeit noch eine Krippe für den sechs Monate alten Sohn gefunden haben muss. Eine für ihren Lebensgefährten, der als Dozent an einer Fachhochschule einer anderen Stadt arbeitet und zeitweise pendelt. Eine für die meist knapp bemessene Freizeit. Und eine für Baby Karl. Andere Familien organisieren ihr Leben mittlerweile sogar in einer Cloud: ein gemeinsamer, überall verfügbarer Outlookkalender für den täglichen Spagat zwischen Kind und Karriere, Freizeit und Freunden. „Anders geht es nicht“, sagt Brinkhoff.

Die Hannoveranerin ist 30 Jahre alt und damit eine der sogenannten „Frauen auf dem Sprung“. Bereits 2008 hatten das Infas Institut Bonn und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) unter diesem Titel im Auftrag der Zeitschrift „Brigitte“ mehr als 2000 Frauen und Männer zwischen 17 und 19 Jahren sowie zwischen 27 und 29 Jahren befragt. Die Studie erregte großes Aufsehen: Sie skizzierte eine Generation von Frauen, die alles wollten – Kinder, Karriere und gesellschaftliches Engagement. Noch dazu wollten sich diese Frauen ihre Lebensentwürfe nicht mehr von außen vorgeben lassen. „Diese Frauen werden die Gesellschaft wachrütteln“, prophezeite die Leiterin der Studie, WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger, damals. Fünf Jahre später sieht die Wirklichkeit anders aus. Gestern präsentierte die „Brigitte“ die Ergebnisse des dritten Teils der Studie, für die ein Teil der Frauen und Männer erneut befragt wurde – mit teils ernüchternden Ergebnissen.

„Die jungen Frauen stehen gewaltig unter Druck“, sagt Allmendinger. Noch nie waren Frauen zwischen 25 und 35 Jahren so zerrissen: Mütter arbeiten gezwungenermaßen oft in Teilzeit, andere machen Karriere und verzichten dafür auf Kinder. In den Einstellungen aber hat sich wenig geändert. Unabhängigkeit, Karriere, Familie und Kinder sind ihnen noch wichtiger als vor fünf Jahren. Damit stecken die Frauen in einer Zwickmühle: „Die heute 25- bis 35-Jährigen sind wahrscheinlich die erste Generation, der es nicht gelingt, sich einzupendeln. Sie klammern sich mental an den Karrieregedanken und führen, sobald sie Mutter sind, gleichzeitig ein Leben, mit dem sie ihre beruflichen Träume wohl nicht verwirklichen werden“, sagte Allmendinger der „Brigitte“, die heute erscheint: „Sie würden weniger leiden, wenn sie mit ihrer Mutterrolle und einer Teilzeitarbeit zufrieden sein könnten. Aber das gelingt ihnen nicht, auch weil Teilzeitarbeit gesellschaftlich nicht wertgeschätzt wird.“

2008 hatten noch 92 Prozent der Frauen angegeben, sich Kinder zu wünschen. Bisher haben aber nur 42 Prozent von ihnen Kinder bekommen. Natürlich steht hinter jeder dieser Zahlen eine individuelle Geschichte: Da ist etwa das Paar, das ungewollt kinderlos bleibt. Oder die Managerin, die ihre Karriere sofort der Familie opfern würde, sich aber seit Jahren erfolglos mit der Partnersuche abmüht. Die Ergebnisse können aber auch als Gradmesser für das Dilemma der Frauen verstanden werden: Von ihren Männern werden sie nicht darin bestärkt, Kinder zu bekommen. Am Abendbrottisch etwa – auch das ist Ergebnis der Studie – ist bei vielen Paaren eher der Beruf ein Thema.

Im Beruf erleben die Frauen, dass nur Vollzeitarbeit und lange Anwesenheiten zu Erfolg und Anerkennung führen. „Frauen, die sich damals zwei Kinder wünschten, wollen heute nur noch eins, viele haben das Kinderkriegen zeitlich nach hinten verschoben“, sagt Allmendinger. Sie riskieren, ihr Lebensziel Familie nicht mehr zu erreichen – auch, weil sie eine Karriere wollen.Die Laufbahn von Susanne Wilhelm ist beispielhaft für das Dilemma der Frauen, die meist besser ausgebildet sind als ihre männlichen Altersgenossen: Die 27-Jährige, die ihren echten Namen nicht nennen möchte, verantwortet in der Personalabteilung eines großen Unternehmens einen eigenen Bereich – und will durchaus weiter aufsteigen. Ihren Kinderwunsch stellt sie zurück: „Erst will ich beruflich etwas erreichen“, sagt sie. Obwohl sie in einer modernen, gleichberechtigten Beziehung lebt, ist für sie klar, dass sie später einen Großteil der Erziehungsarbeit übernehmen wird. Und: Ein Kind bremst die Karriere, ganz egal, wie flexibel und familienfreundlich der Arbeitgeber sein mag.

Natascha Imelmann hat diese Erfahrung bereits gemacht: Als Abteilungsleiterin hat sie bis zur Geburt ihrer 16 Monate alten Tochter 40 Stunden und mehr in der Woche in einer Softwareentwicklungsfirma gearbeitet, in der sie für die Gehaltsabrechnung zuständig war. Als sie nach der Elternzeit wieder einsteigen wollte, machte ihr der Chef aber unmissverständlich klar: Auf Teilzeitbasis, wie ursprünglich geplant, ist diese Position nicht zu halten. Imelmann hat dafür sogar Verständnis: „Auf diese Weise hätte ich diesen Job nicht machen können. Dafür haben schon 40 Stunden pro Woche kaum gereicht.“ Mittlerweile sitzt sie an ihrem alten Schreibtisch, eine frühere Mitarbeiterin ist ihre Chefin.

Wie glücklich sie selbst sich mit ihrer Berufswahl schätzen kann, ist Britta-Maria Brinkhoff erst klar geworden, als sie das Teilzeitdilemma ihrer Freundinnen beobachten konnte, deren Männer wie selbstverständlich nach der ein- bis zweimonatigen Väterzeit ihren Vollzeitjob wieder aufnehmen. Als Grundschullehrerin ist für sie die Rückkehr in die alte Stelle auch bei reduzierter Stundenzahl möglich – auch ein Grund, warum viele Frauen den Lehrerberuf wählen. Aufgeben würde die 30-Jährige ihren Job um keinen Preis der Welt. „Ich brauche noch eine andere Rolle in meinem Leben als die der Mutti am Herd“, sagt Brinkhoff. Sie will, anders als die Generation ihrer eigenen Mütter, finanziell unabhängig bleiben.

Das ist aber nur die eine Seite: Frauen, die finanziell gut genug gestellt sind, um nicht wieder arbeiten gehen zu müssen, spüren heute einen nie da gewesenen Druck. Die Appelle von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, der die Abschaffung der dreijährigen Erziehungszeit forderte, oder das Buch „Lean in“, in dem Facebook-Managerin Sheryl Sandberg den beruflichen Ehrgeiz von Müttern anfacht, sind nur zwei von zahlreichen Stimmen aus dieser Richtung. Daniela Prinz kennt das: Die 33-Jährige hat gerade ihr drittes Kind bekommen – und genießt zum ersten Mal wirklich die Elternzeit. „Früher dachte ich immer, dass ich arbeiten gehen muss, damit ich in dieses gesellschaftliche Schema passe“, sagt sie. „Heute erfreue ich mich lieber an meiner Zeit und den Kindern.“

Deutlich verändert hat sich vor allem die Sicht von Männern, die sich längst nicht mehr als Alleinverdiener sehen – wenngleich sie den Haushalt weiterhin oft den Frauen überlassen: 45 Prozent von ihnen sagen laut „Brigitte“-Studie, Frauen sollten idealerweise viel Geld verdienen. 2007 waren es nur 17 Prozent. Sozialforscherin Allmendinger sieht darin „einen enormen gesellschaftlichen Wandel“. Britta-Maria Brinkhoff sagt es so: „Frauen sollen arbeiten, gut aussehen und auch noch die Familie managen – das ist ganz schön viel.“

Nachgefragt

Kerstin Jürgens ist Soziologin an der Uni Kassel.

Frau Prof. Jürgens, warum sind viele Firmen so unflexibel, wenn es darum geht, Eltern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen? Ein Problem ist, dass Unternehmen und Familien ein unterschiedliches Verständnis von Flexibilität haben: Betriebe möchten, dass Angestellte flexibel abrufbar sind, wenn viel Arbeit anfällt. Eltern hingegen brauchen Flexibilität, wenn ein Kind krank wird oder die Betreuung ausfällt. Familienfreundlichkeit würde also bedeuten, dass sich die Arbeitszeit auch an privaten Belangen orientiert und Eltern stärker mitentscheiden, wann sie Stunden von ihren Arbeitszeitkonten abrufen.

In den meisten Branchen gibt es doch tariflich vereinbarte Arbeitszeiten ... ...  die aber oft nicht der tatsächlichen Arbeitszeit entsprechen. In vielen Betrieben ist die Personalplanung aus Kostengründen „auf Kante genäht“. Bei Krankheitswellen oder Auftragsspitzen fallen dann meist viele Überstunden an. Viele Vollzeitkräfte wünschen sich deshalb, sie könnten die tarifliche Arbeitszeit einhalten oder reduzieren. Viele Teilzeitkräfte – darunter viele berufstätige Mütter – würden hingegen gern mehr arbeiten. Würde man das ins Gleichgewicht bringen, wäre man auf einem guten Weg zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

In Skandinavien ist man weiter: Dort gibt es eine flächendeckende Kinderbetreuung durch gut qualifizierte und anständig bezahlte Erzieher. Deutschland betreibt gerade eine Aufholjagd, um seinen Ruf als familienpolitisches Entwicklungsland loszuwerden. Besonders größere Betriebe haben oft schon Gleitzeit für Eltern, Teilzeitangebote oder Betriebskindergärten eingerichtet. Zumindest wenn die Beschäftigten hoch qualifiziert sind, erweisen sich Betriebe oft als sehr kreativ: Sie finanzieren Tageseltern, bieten Telearbeit an oder auch einen Arbeitsplatz für den Lebenspartner. Problematischer ist es bei prekär Beschäftigten: Für diese Gruppe ist die Lebensplanung erschwert. Aus Unsicherheit verzichten viele sogar vorerst darauf, eine Familie zu gründen.

Dann gelten berufstätige Mütter bei Personalchefs also nicht mehr per se als Problemfälle? Viele Arbeitgeber wissen heute, dass Eltern keine schlechtere Arbeit machen. Mütter gelten wegen ihrer Familienerfahrung teils sogar als besonders belastbar. Angesichts von Fachkräftemangel und demografischem Wandel wird sich da in den kommenden Jahren aber noch viel verändern müssen.

Das Interview führte Simon Benne

Kommentare