Stuntschule in Lüneburg

Salto in ein neues Leben

+
„Die Jobaussichten sind gut“: Bei der Stuntschule in Lüneburg kommen kriminelle Jugendliche wieder auf die Füße.

Lüneburg - Sie sind arbeitslos oder kriminell, eine Gefängnisstrafe droht. Letzter Ausweg: Die Stuntschule in Lüneburg. Stuntman Hans Joensson bietet den Jugendlichen eine Perspektive, verspricht den angehenden Stuntmen sogar beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Es ist vier Jahre her, da stand Denis Ivanov vor einem Richter. Schwere Körperverletzung. Zwei Jahre Jugendhaft, Höchststrafe. Aber es kam anders. Der Jugendliche bekam eine Chance, eine Riesenchance. Er nutzte sie. Seit dem 1. April hat der 21-Jährige eine Festanstellung als Stellvertreter seines Chefs. Der ist Stuntman und leitet Deutschlands einzige Stuntschule für kriminelle und arbeitslose Jugendliche.

Hans Joensson heißt der Chef. Gut 20 Jahre hat er als Stuntman ein Leben auf Rädern geführt, ist mit einem zum Wohnwagen umgebauten Zwölf-Meter-Lastwagen durch Europa gefahren, hatte Aufträge bei Filmproduktionen und Shows. Schwer gefallen ist dem Lüneburger das Nomadenleben nicht - schließlich hatte er als Fernfahrer gearbeitet, bevor er mit 29 Jahren nach Paris ging: zweieinhalb Jahre Ausbildung an der Schauspiel- und Stuntschule.

Doch dann fingen die Knochen an wehzutun. Und zwar nicht nur, wenn sie brachen. Joensson entschied, sich das nicht länger antun zu müssen. Er ging zurück in seine Heimatstadt, und als ihm dort die Decke auf den Kopf fiel, bewarb er sich beim Albert-Schweitzer-Familienwerk für ein Projekt mit Jugendlichen und alten Autos.

Es blieb nicht beim Schrauben an schön geschwungenen Oldtimern. Seit mittlerweile sechs Jahren leitet der heute 62-Jährige die Stuntschule „Show­time“. Finanziert vom Europäischen Sozialfonds ESF, den Jugendämtern und der Justiz, sind Hans Joensson und seine Schule die letzte Chance für manch einen Jugendlichen aus Nordostniedersachsen und Hamburg vor dem großen Abrutsch.

Der wäre gekommen, da sind sich Denis Ivanov und sein Kumpel Dragisha Stefanovic einig. Dragisha kam mit 17 und der gleichen Geschichte wie Denis aus Hamburg her - nur dass sein Strafmaß etwas niedriger war. Aber „bist du einmal drin, kommst du nicht wieder raus“, sagt Dragisha über das Leben in „gesiebter Luft“. Er distanziert sich von alten vermeintlichen Freunden und geht seinen neuen Job vorbildlich diszipliniert an: Seit Jahren verlässt er fünf Tage in der Woche morgens um 5.45 Uhr das Haus, um pünktlich um 8 Uhr bei Hans Joensson auf der Matte zu stehen. „Ich mache mir ein solides Leben“, sagt der 21-Jährige.

Schulleiter Joensson hat den ehemaligen Schüler als Sportanleiter angestellt. „Dass er das trotz der Entfernung packt, hätte ich nicht gedacht. Das ist top. Bei den Jugendlichen, die hier anfangen, ist so etwas überhaupt nicht denkbar.“

Sie kommen niemals vollkommen freiwillig. Die Stuntschule ist für sie entweder eine Maßnahme des Jobcenters - oder es ist die Auflage von Jugendamt oder Jugendgericht. Sie können bei „Showtime“ eine Ausbildung zum Stuntman machen - zwei Jahre dauert die und schließt mit einer theoretischen und praktischen Prüfung ab. Manche schließen den Bundesfreiwilligendienst an. „Die Jobaussichten sind gut“, sagt Hans Joensson. „Stunts werden immer aufwendiger und gefährlicher.“ Eines aber unterscheidet die Schule vom Leben danach: Während Knochenbrüche für Stuntmen wie Schnupfen für Büroangestellte sind, hat es bei Hans Joensson in sechs Jahren noch keinen einzigen Unfall gegeben.

Dafür herrschen klare Regeln: Pünktlichkeit, Handyfreiheit, Drogen- und Rauchverbot inklusive Urintests, Respekt, Sicherheit und Gehorsam. „Und zwar egal, ob mir gegenüber oder den weiblichen Angestellten: der Küchenhilfe, Sozialpädagogin und Psychologin. Rambos brauchen wir nicht“, macht der Chef klar.

Für die, die nicht wie Denis und Dragisha Schlägereien und Schwertkämpfe ohne blaue Flecken lernen wollen, gibt es in der Schule eine Tischlerei, eine Malerei und eine Autowerkstatt - die gesamte Ausstattung eines Western-Saloons haben die Jugendlichen als Bühnenbild für die Stunts selbst gebaut. Bis zum Spätsommer soll auch das neueste Projekt fertig sein: ein Tourbus, mit dem die Jugendlichen und ihre Anleiter quer durchs Land zu Schulen fahren, um Präventionsarbeit zu leisten und die Geschichte von Denis, Dragisha und den anderen zu erzählen. Davon, wie sie ihre letzte Chance bekommen und genutzt haben.

Carolin George

Kommentare