Reproduktionsmedizin

Samenspender-Urteil wird Praxis in Kliniken verändern

+
Foto: Der Prozess des „Spenderkindes" Sarah P. wird die Praxis in Samenbanken und Spenderkliniken verändern.

Hamm - Samenspender dürfen nicht mehr anonym bleiben: Eine junge Frau erstreitet vor Gericht das Recht, den Namen ihres Erzeugers zu erfahren.

Jeder Blick in den Spiegel wird für Sarah P. zu einer Irrfahrt durch den eigenen Körper. Die blauen Augen könnten von Papa sein, die leicht gedrungene Nase und die vollen Lippen vielleicht von Mama. Doch es könnte alles auch ganz anders sein.

Sarah P. ist auf der Suche nach ihren Genen – nach dem, was mitverantwortlich dafür war, dass die 22-Jährige zu der Person wurde, die sie heute ist. Denn nur eines weiß die junge Frau mit den langen rotbraunen Haaren ganz sicher: Der Mann, den sie für ihren Papa hielt, kann nicht ihr Erzeuger gewesen sein. Sarah P. ist 18 Jahre gewesen, sie hat gerade für eine Mathematik-Klausur gelernt, als ihre Mutter sie zu sich rief und unter Tränen sagte: „Dein Papa ist nicht dein Papa.“ Für die junge Frau, die mittlerweile in Nordrhein-Westfalen studiert und ein noch engeres Verhältnis zu ihrer Familie als früher hat, brach in diesem Moment die heile Vater-Mutter-Kind-Welt zusammen. Sie ist ein sogenanntes Spenderkind. Geboren nach einer anonymen Samenspende. Und dieses Kind wollte Gewissheit. Deshalb hat Sarah P. vor dem Oberlandesgericht Hamm in Nordrhein-Westfalen auf die Herausgabe des Spendernamens geklagt. Sie hat am Mittwoch recht bekommen. „Uns ist ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen“, sagt ihr Anwalt Markus Goldbach nach dem OLG-Urteil.

Sarah P. ist das erste Spenderkind in Deutschland, das diesen Schritt gegangen ist. Die Essener Klinik hatte dem Spender Anonymität zugesichert. Das OLG hat dem nun widersprochen: Sarah P. hat einen Anspruch darauf zu erfahren, wer sie gezeugt hat, entschied der 14. Zivilsenat (Az.: I-14 U 7/12). Das Urteil ist rechtskräftig. Eine Revision haben die Richter nicht zugelassen. Die Klinik kann dagegen jedoch Beschwerde einlegen.

Der Fall von Sarah P. geht auf das Jahr 1990 zurück. In jenem heißen Sommer spendete ein etwa 1,85 Meter großer blauäugiger Mittzwanziger im Ruhrgebiet seinen Samen, um sich 150 Mark zu verdienen und andere Menschen, vielleicht aus einem altruistischen Antrieb heraus, glücklich zu machen. Auf Karteikarten hat der Arzt des Essener „Zentrums für Reproduktionsmedizin“, das den Eltern von Sarah P. half, ihren Kinderwunsch zu erfüllen, die wichtigsten Körpermerkmale erfasst. Alles anonymisiert. Dieser Mediziner heißt Thomas Katzorke, ist Chef des Zentrums und Vorsitzender der entsprechenden bundesweiten Arbeitsgemeinschaft. Er weigert sich, der jungen Frau die Daten ihres biologischen Vaters auszuhändigen. Katzorke, bundesweit angesehener und als äußerst integer geltender Vertreter seines Faches, beruft sich darauf, dass die Daten nicht mehr vorhanden seien: Die Unterlagen zur Spenderkartei mit der Nummer 261 seien ausrangiert worden.

Es geht ihr nicht ums Geld, hat Sarah P. stets betont. Sie will nur wissen, wer ihr biologischer Vater ist. Vor dem Gericht in Hamm ist nun ein erster Hinweis auf einen Namen gekommen. Eine Laborassistentin meinte, sich zu erinnern, dass jener Spender, der regelmäßig Samenproben abgab und wohl auch die Zeugung von Sarah P. ermöglichte, mit Vornamen Hubert oder Hubertus heiße.

Das OLG hat den beklagten Klinikchef nun dazu verpflichtet, Sarah P. bei der Suche nach ihrem Erzeuger mit einer „umfassenden Recherche nach den vermeintlich fehlenden Unterlagen“ und durch „eine vollständige Befragung seiner damaligen Mitarbeiter“ zu unterstützen. Doch ob Sarah P. wirklich erfahren wird, wer ihr biologischer Vater ist, bleibt ungewiss. Klinikchef Katzorke beruft sich unter anderem darauf, dass die gesetzliche Regelung, die Spenderunterlagen 30 Jahre lang aufzubewahren, erst 2007 in Kraft getreten ist, das heißt nach der Geburt von Sarah P. im März 1991. „Wir glauben ihm nicht, dass er den Namen nicht weiß oder nicht mehr hat“, sagt Anwalt Goldbach. Sarah P. könnte nun versuchen, die Klinik per Zwangsvollstreckungsverfahren zu zwingen, den Namen ihres Vaters preiszugeben. Im Zweifel könnten dem Chef der Klinik hohe Geldstrafen oder sogar Gefängnis drohen, würde er sich weigern, Informationen herauszugeben. Anwalt Goldbach will mit weiteren Klagen den Druck auf die Klinik erhöhen. „Es haben sich mehrere Spenderkinder an mich gewandt, die auch klagen wollen“, sagt er. Er hofft, dass weitere Urteile auch Sarah P. helfen könnten. Denn sollte die Essener Klinik erwägen, lieber das Zwangsgeld zu zahlen, statt den Namen zu nennen, würde sie ihre Haltung vielleicht überdenken, wenn es nicht bei diesem einen Fall bliebe.

Und dies ist wahrscheinlich, denn die Zahl der Spenderkinder, die ihre Herkunft kennen wollen, wächst beständig. Die Revolution, als die die Reproduktionsmedizin lange galt, entlässt nun ihre Kinder: Allein in Deutschland sind mittlerweile mehr als 100.000 Spenderkinder gezeugt worden, die erste Generation wird erwachsen. Viele Samenbank-Betreiber und Reproduktionsmediziner versuchen längst, die juristische Gratwanderung mithilfe von notariellen Verträgen zu meistern. Bei den Juristen sind dann die Adressen der betreffenden Spender hinterlegt – solange niemand fragt, muss aber nichts veröffentlicht werden.

Sarah P. hat nun gefragt und hofft nach dem Urteil endlich auf Antwort. Sie möchte Klarheit über ihre Gene haben. Bei jedem Blick in den Spiegel.

Andreas Debski und Wiebke Ramm

Interview mit Dr. Andreas Hammel von der Erlanger Samenbank

Das Oberlandesgericht Hamm gibt dem Recht eines Kindes auf das Wissen um seine Abstammung Vorrang vor der Anonymität des Samenspenders – haben Sie als Chefarzt der Erlanger Samenbank die Sorge, dass jetzt die Samenspender wegbleiben?

Nein, im Gegenteil. Bei uns in der Praxis pflegen wir eine lebenslange Dokumentation der Spendernamen. Alle Kinder, die aus Samenspenden hervorgehen, können den Namen ihres Erzeugers einsehen – und die Spender wissen das. Sie haben viel Verständnis für das Wissensbedürfnis der Kinder.

Warum spenden Männer ihren Samen?

Dahinter stehen karitative Motive: Es sind oft Männer, die anderen Menschen helfen möchten, die daher auch regelmäßig Blut spenden. Schätzungen zufolge gibt es bis zu 3000 Samenspender in Deutschland, die Aufwandsentschädigung pro Spende beträgt rund 100 Euro. Zudem sehen die Richtlinien des Arbeitskreises Donogene Insemination, deren stellvertretender Vorsitzender ich bin, vor, dass ein Spender maximal 15 Kinder zeugen darf.

Welche Rechte, welche Pflichten hat ein Spender gegenüber dem Kind?

Zunächst einmal geht ein Samenspender überhaupt keine Verpflichtungen ein. Allerdings schließt die mangelhafte Rechtslage Unterhaltsansprüche nicht aus. Theoretisch könnte ein Spender von einer Single-Mutter zu Unterhaltszahlungen verpflichtet werden – die rechtliche Situation ähnelt hier derjenigen nach einem One-Night-Stand. Und theoretisch könnten auch Kinder von heterosexuellen oder homosexuellen Paaren Unterhalt von ihrem leiblichen Vater fordern – das ist aber noch nie vorgekommen und rechtlich kompliziert.

Das Urteil des OLG Hamm ist demnach erst der Anfang einer Regelung von Behandlungen mit Samenspenden?

Die Rechte von Eltern, Kindern, Spendern und Ärzten sind überhaupt nicht geregelt. Vom Urteil erhoffe ich mir ein Signal für die Politik: Wir brauchen ein zentrales Register, das Spenderbehandlungen bundesweit erfasst, und dass es nicht mehr jedem Arzt selbst überlassen ist, wie er mit den Daten verfährt. Zudem muss geregelt werden, dass – wie ja auch bei adoptierten Kindern – die Vaterschaft zum Wunschvater, der das Kind aufgezogen hat, nicht aufgelöst werden darf, etwa um anschließend den Spender unterhalts- oder erbrechtlich zu belangen.

Wie erklären Sie sich die Zurückhaltung des Gesetzgebers?

Die Politik wird dort tätig, wo der Handlungsbedarf offensichtlich ist. Samenspenden sind leider noch stark tabuisiert.

Interview: Marina Kormbaki

Kommentare