Prozessauftakt zu A19-Unfall

Sandsturm verursacht Massenkarambolage

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Foto: 2011 kam es auf der A19 zu einer Massenkarambolage.

Rostock - Die Massenkarambolage auf der A19 im April 2011 hat bei vielen Menschen großes Leid hinterlassen und belastet bis heute. Das wurde auch am ersten Prozesstag gegen eine 53-Jährige deutlich.

Es sollte für die sechs Freundinnen aus Eisenhüttenstadt ein vergnügliches Wochenende an der Ostsee werden. Doch die Fahrt nach Warnemünde endete in einer Katastrophe. Hörbar bewegt schildert die heute 53 Jahre alte Fahrerin im Amtsgericht Rostock, wie sie im Kleinbus unterwegs waren. Plötzlich sei da diese riesige Sandwolke gewesen, die sich am Mittag des 8. April 2011 über die Autobahn südlich von Rostock legte. „Ich wurde von dieser Wand von jetzt auf gleich erwischt“, sagt die Angeklagte am Donnerstag, dem ersten Prozesstag. „Ich habe keine Bremslichter gesehen.“

Die Frau soll laut Staatsanwaltschaft für den Tod eines älteren Ehepaars verantwortlich sein. Auf deren Auto sei sie aufgefahren, bevor von hinten ein Lastwagen kam und ihren Kleinbus traf. „Mein Auto war nur noch halb so lang.“ Schwer verletzt kam sie in die Klinik, sie wird ihr Leben lang mit den Folgen zu kämpfen haben. Es tue ihr unendlich leid, dass mehrere Menschen starben. „Ich hatte Glück gehabt. Ich war noch nicht dran.“

Massenkarambolage forderte Tote

Acht Tote gab es bei der Massenkarambolage, rund 130 Menschen wurden verletzt. Nach wochenlanger Trockenheit zog an jenem Freitag ein Frühlingssturm über Mecklenburg-Vorpommern. Auf den Feldern entlang der Autobahn war noch kein Grün zu sehen. Der Sturm riss Erde und Staub mit sich, es bildete sich eine gigantische gelb-graue Wolke.

Der Hauptvorwurf der Anklage lautet, dass die Wolke von mindestens 650 Metern aus zu sehen gewesen sei. Die Frau habe genügend Zeit gehabt, ihr Tempo zu reduzieren. Dem widerspricht die Angeklagte vehement. Ihr Verteidiger fordert die Anhörung vieler Zeugen, die die gleichen Angaben gemacht haben.

Die 53-Jährige schildert, wie sie die Gefahr wahrgenommen und dann gerufen habe: „Was ist denn jetzt los?“ Sie habe ihren Wagen nach rechts gezogen, habe es aber nicht geschafft, an dem Auto vor ihr vorbeizukommen. Die Angeklagte zitiert noch eine ihrer Freundinnen: „Wenn ich nicht so gefahren wäre, wie ich das bin, hätten wir noch fünf weitere Tote zu beklagen.“

Mehr als 80 Autos rasten ineinander

Innerhalb weniger Minuten rasten mehr als 80 Fahrzeuge ineinander. Der Lärm der Autos, die sich auf beiden Fahrbahnen Richtung Berlin und Rostock ineinander verkeilten, muss groß gewesen sein. Darunter waren drei Laster, auch ein Gefahrguttransporter. Noch heute ist die Unfallstelle durch den neuen Fahrbahnbelag zu identifizieren.

Das Geschehen wird keiner der Beteiligten vergessen können, weder die Autofahrer, noch die mehr als 300 Kräfte der Rettungsdienste und der Polizei. „Ich denke an ein Gewirr von Autos, brennend, qualmend, ein großes Chaos“, erinnert sich die Sprecherin der Polizeiinspektion Rostock, Yvonne Hanske. „Das war der schlimmste Verkehrsunfall, den Mecklenburg-Vorpommern je erlebt hat und den ich bisher gesehen habe. Das belastet mich noch heute“, sagt die Polizistin.

Drei Jahre für Gutachten

Die Gutachter brauchten gut drei Jahre, um aus der Untersuchung der Unfallautos oder Zeugenbefragungen verwertbare Ergebnisse zu holen. Sieben Beschuldigte wurden ermittelt, gegen vier wird der Vorwurf der fahrlässigen Tötung erwogen. Weitere Prozesse werden folgen.

Umweltexperten sind sich darüber einig, dass der Unfall bei einer anderen Art der Feldbewirtschaftung so nicht möglich gewesen wäre. Wären Hecken auf den riesigen Feldern gepflanzt worden, hätte der Wind die Krume nicht in diesem Maße mitreißen können.

Wie der Agrarexperte der Umweltorganisation BUND, Burkhard Roloff, sagt, hat sich seit dem Unfall nichts getan. Das Einzige, was sich verändert habe: dass Autofahrer bei Sandstürmen nun gewarnt werden.

dpa

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