Die Spur des Giftes

Wie die Schimmelpilze im Futtertrog landeten

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Was ist da drin? Vor allem die niedersächsischen Milchbauern sind vom jüngsten Futtermittelskandal rund um Schimmelgifte betroffen.

Hannover - Alle kannten das Risiko: Mais aus Serbien ist in dieser Saison zum großen Teil von gefährlichen Schimmelpilzen verseucht. Trotz vieler Kontrollen ist das Gift im Futtertrog gelandet. Rekonstruktion eines Versagens.

In der Futtermittelbranche ist es ein offenes Geheimnis: Maisimporte aus Osteuropa sind nicht ohne Risiko. Das gilt besonders wegen des krebserregenden Schimmelpilzgiftes Aflatoxin B1. Damit hatten die Maisbauern in Serbien in der Hitzewelle nach der letzten Ernte zu kämpfen. Ein großer Teil der Ernte war nicht mehr zu gebrauchen. Vielleicht hat man es deshalb nicht so genau genommen mit der Qualität dessen, was noch auf den Markt zu bringen war.

Frisch geerntet hat der Mais einen Feuchtigkeitsgehalt von 35 Prozent. „Wenn er dann nicht schnell auf 15 Prozent heruntergetrocknet wird, kann sich der hochgiftige Schimmelpilz in wenigen Tagen massiv verbreiten“, erklärt Bruno Fehse. Deshalb müsse man bei Importen „doppelt vorsichtig“ sein. Fehse weiß, wovon er redet, er betreibt ein Landhandels- und Futtermittelunternehmen in Estorf bei Nienburg.

Weil die Gefährlichkeit des Giftpilzes in der Branche hinlänglich bekannt ist, werden Futtermittel regelmäßig auf Aflatoxin kontrolliert, vor allem in der Milchwirtschaft, sagt Fehse. Wenn die Kühe verunreinigtes Maisfutter bekämen, könne das Pilzgift in die Milch gelangen. Vorsorglich werden jährlich mehr als 4000 Aflatoxin-Tests „im Rahmen der Überwachung auf unerwünschte Stoffe“ gemacht, wie es beim Deutschen Verband Tiernahrung (DVT) heißt, der die Interessen der heimischen Futtermittelhersteller vertritt.

Auch der verschimmelte Mais, der in den Futtertrögen von Tausenden Bauernhöfen in Niedersachsen landete, kam aus Serbien – per Schiff von einem Schwarzmeerhafen über das Mittelmeer, die Nordsee und schließlich in den niedersächsischen Hafen Brake. Insgesamt seien rund 45.000 Tonnen Mais gelöscht worden, die der Hamburger Agrarhandelskonzern Toepfer International geordert hatte, räumte ein Firmensprecher am Freitag ein.

Ein Großteil der Ladung wurde in Brake und in einer Lagerhalle in Bremen festgehalten, aber mindestens rund 10.000 Tonnen wurden nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Hannover an 13 Futtermittelhersteller ausgeliefert, dort zusammen mit anderen Rohstoffen wie Weizen, Gerste, Soja- und Rapsschrot sowie Mineralstoffen zu Kraftfutter für Schweine, Rinder und Hühner verarbeitet und an insgesamt 3560 Höfe in Niedersachsen verkauft.

Auf dem Weg, den die Einfuhren von Mais oder Soja zu den Landwirten nehmen, wird auf mehreren Stufen kontrolliert, wie DVT-Geschäftsführer Bernhard Krüsken erklärt. Am Anfang der Kette stehe der Importeur, in diesem Fall also das Unternehmen Toepfer. Wer die Ware einführe, sei „auch im rechtlichen Sinn“ verantwortlich für das „Inverkehrbringen der Ware“. Daher müsse die Eingangskontrolle für die Sicherheit von Futtermitteln besonders präzise sein.

Spätere Kontrollen, die ebenso unerlässlich seien, könnten Versäumnisse am Anfang der Kette „nur unvollständig kompensieren“. Aber der Importeur lässt sich laut Krüsken nicht in die Karten sehen, über den Umfang der Untersuchung erfahre man mithin nichts.

Den Schwarzen Peter in dem neuen Skandal um Futter- und Lebensmittel will sich der Toepfer-Konzern jedoch nicht zuschieben lassen. Natürlich kennt man das Schimmelproblem bei serbischem Mais aus der letzten Ernte, aber bislang habe es bei den Importen „keine Probleme“ gegeben, sagte der Firmensprecher auf Nachfrage.

Bei den Untersuchungen, die „zertifizierte Labore“ im Auftrag des Agrarkonzerns durchführen, werden gemäß gesetzlicher Vorschriften Stichproben gezogen. Genau da könnte das Problem liegen. Der Schimmelpilz, der es warm und feucht mag, vermehrt sich „nesterweise“, wie Bruno Fehse erklärt. Nicht alle Maispartien seien mithin gleichzeitig und gleichmäßig verseucht. Deshalb könnten die Stichproben ohne Befund gewesen sein.

Auch auf der nächsten Stufe des Kontrollsystems werden nur Stichproben untersucht, von den Futtermittelherstellern selbst. Mehr ist laut Fehse angesichts der großen Mengen nicht möglich. Für diese Eigenkontrollen gebe es ein Schnelltestverfahren, das nach maximal einer Stunde Ergebnisse liefere. Sei beispielsweise von 10 Tonnen angeliefertem Mais eine Tonne befallen, könne es leicht sein, dass man die „falschen“ Stichproben ziehe und der Schimmelpilz unentdeckt bleibe, sagt Fehse. „Das kann jedem passieren.“ Er ist heilfroh, dass sein Unternehmen nicht betroffen ist. „Wir haben uns mit ausreichend Mais von hiesigen Landwirten versorgt“, sagt der Firmenchef erleichtert.

Das nesterweise Auftreten des Giftpilzes in dem serbischen Mais könnte der Grund dafür sein, dass die Stichproben große Schwankungen der Aflatoxin-Belastung aufwiesen, vermutet man beim Deutschen Verband Tiernahrung. Die Befunde der Eigenkontrollen reichten von unkritisch über leicht kritisch bis zu höchst kritisch, wie DVT-Geschäftsführer Krüsken berichtet.

Die Probe, die dann den neuen Schimmelpilzskandal auslöste, wurde erst auf der dritten Stufe der Kontrollen gefunden, die die Milchwirtschaft vornimmt. Im Futter eines Milchviehbetriebs. Die zulässige Höchstmenge von Aflatoxin B1 beträgt 0,02 Milligramm pro Kilogramm. In der Lieferung Futtermais aus Serbien wurde eine Überschreitung der Höchstmenge des Schimmelgiftes von bis zu 0,204 Milligramm je Kilogramm festgestellt, wie das Landwirtschaftsministerium mitteilte.

Die auffällige Probe wurde zurückverfolgt – und führte die ermittelnden Behörden über das Kraftfutter des Hofes in den Hafen Brake zu dem Maisschiff aus Serbien. Eine so enorm hohe Aflatoxin-Belastung im Mais war bisher nicht bekannt und hat alle in der Branche überrascht, sagt DVT-Geschäftsführer Krüsken. Grund sei vermutlich die tropische Hitze des vergangenen Sommers auf dem Balkan gewesen. Sie trug offenbar dazu bei, dass sich die gefährlichen Schimmelpilze ausbreiten konnten. Dennoch ist Krüsken überzeugt: Man hätte das Problem früher erkannt – wenn man am Anfang der Lieferkette genauer hingesehen hätte.

Nachgefragt bei Heinz Korte, Milchbauer und Vizepräsident des Landvolks: „Das Vertrauen in die Hersteller ist beschädigt“

Herr Korte, vielen Milchbauern ist offenbar minderwertiges Futter geliefert worden. Wie sollten die Landwirte darauf reagieren? Wie können sie verhindern, dass Aflatoxine in den Futtertrog gelangen?

Den jetzt direkt betroffenen Landwirten raten wir, schnellstmöglich eine eigene Milchuntersuchung bei einem zugelassenen Labor zu veranlassen. Generell sollte jeder Landwirt Rückstellproben von seinem gelieferten Futter nehmen. Grundsätzlich aber müssen wir darauf vertrauen können, dass die Eigenkontrollsysteme der Futtermittelbranche auch funktionieren. In diesem Fall haben sie leider wieder einmal zum Schaden der Landwirte versagt.

Ist das Vertrauensverhältnis zu den Mischfutterherstellern und Lieferanten jetzt zerstört?

Auf jeden Fall ist das Vertrauen in die angeblich nach dem Dioxinskandal verbesserte Eigenkontrolle beschädigt. Da wahrscheinlich größere Mengen Milch vernichtet werden, wird sich sehr schnell die Frage nach dem Schadensersatz stellen. Hier wird sich zeigen, ob die betroffenen Hersteller bereit sind, den von ihnen verursachten Schaden zu übernehmen.

Wie beurteilen Sie die Gefahr, die für die Verbraucher entstanden ist?

Nach Auskunft des Landesamtes für Verbraucherschutz kann eine Gefährdung ausgeschlossen werden. Der Verdünnungseffekt wirkt sich hier aus. Was aber kommen wird, ist ein weiterer, nicht durch Landwirte verursachter Vertrauensverlust in unsere Lebensmittelerzeugung.

Wie groß ist der Druck, möglichst wenig Geld für das Viehfutter auszugeben?

Ich glaube nicht, dass bewusst verschimmeltes Futter importiert wurde, sondern der Importeur von einer einwandfreien Lieferung ausgegangen ist, diese aber nicht entsprechend kontrolliert hat. Generell entscheidet die Marge über den Gewinn. In Deutschland ist der Druck bedingt durch den harten Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel besonders groß, und dieser Druck wird bis an die Erzeuger weitergegeben.

Hat der Bau extrem großer Kuhställe mit 400 und mehr Plätzen den Mischfuttermarkt verändert?

Tendenziell sind die Rohstoffe immer hochwertiger geworden. Früher wurden wesentlich mehr geringwertigere Nebenprodukte eingesetzt. Im Zuge größer werdender, wertvoller Herden achten die Landwirte immer stärker darauf, nur hochwertiges Futter einzusetzen. Deshalb ist dieser Vorfall für unsere Milchbauern auch besonders ärgerlich.

Interview: Klaus von der Brelie

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